Wenig faszinierende Strategien 8 | Das Drama der Menschheit 4

18May
2014

In “Es war 1mal – Die verborgene mathematische Logik des Alltäglichen” liefert John Allen Paulos die mathematische und psychologische Begründung, für das was Martin Walser literarisch formulierte als “[…] Wir merken deutlicher, was uns angetan wird, als was wir anderen antun […]”:

“Während die meisten von – jedenfalls nach eigener Einschätzung – versuchen, freundlich und rücksichtsvoll anderen gegenüber zu sein, finden wir oft, dass die “anderen” gedankenlos und unverschämt uns gegenüber sind. Dieses Phänomen lässt sich teilweise aus Arithmetik und Wahrscheinlichkeitsrechnung ableiten;
[…]
Die psychologische Labilität hilft auch, zu erklären, warum wir uns gerne eher gekränkt denn als kränkend empfinden. Zum Beispiel besteht ein bemerkenswerter Unterschied zwischen dem Grad an offener Anerkennung, den andere benötigen, um sich von uns als gemocht und respektiert zu fühlen, und dem Grad an privater Missbilligung, den wir ihnen gegenüber haben können, ohne deshalb aufzuhören, sie zu mögen und zu respektieren. Positive und negative Bewertungen sthen nicht auf der gleichen Stufe.”

Auf das alltägliche hinunter projeziert, liefert das dann eine ganz gute Erklärung, warum kaum jemand gerne ein Produkt kaufen würde, dass fast genau so viele 1/5 Punkte Bewertungen wie 5/5 Bewertungen hat.

Faszinierende Metastrategien 5 | Ende und Neuanfang 2

11Apr
2014

Ein Kurztrip, bei dem man zuvor online Fahrgemeinschaften bildet, sich ganz unkompliziert am Zielort einmietet, und schließlich einen Tierpark besucht, der keinen Eintritt verlangt, sondern auf Spendenbasis funktioniert. Die Idee, Güter zu teilen, übrige Ressourcen sinnvoll nutzen und den Preis kultureller Güter nicht allein durch Angebot&Nachfrage festlegen zu lassen. Das Ende der Marktwirtschaft im privaten Bereich und zugleich der Neuanfang ihrer ursprünglichsten Idee: Ressourcenverteilung und Arbeitsteilung zum Wohl aller. Eine Gesellschaft, die im privaten Bereich miteinander teilt, wovon jeder profitiert.

Den Gedanken des Teilens ohne jede Gewinnerzielungsabsicht für die Gestaltung unserer nicht-geschäftlichen Aktivitäten in die heutige Zeit zu transferieren – mit Online-Plattformen, die Anbieter und Konsument gleichrangig und persönlich zueinander führen – sehe ich als eine faszinierende Metastrategie an. Wer davon überzeugt ist, das auch im privaten Lebensbereich die konsequente Umsetzung marktwirtschaftlicher Prinzipien dass Allheilmittel ist, der darf einen Blick in die japanische “Liebesindustrie” werfen, wobei es – anders als der Name vielleicht suggiertiert – keineswegs allein um Sex geht. Kuscheln, Zuneigung, miteinander reden: All das lässt sich wunderbar kommerzialisieren. Das ist legitim, aber wenig faszinierend.

Wenig faszinierende Erkenntnisse 8 | Das Drama der Menschheit 3

26Mar
2014

Das ist doch kein Geheimnis
Nicht für dich und nicht für mich
Das Leben ist oft hart
Doch wir kämpfen – verlieren und gewinnen

Und endlich läuft es gut – schön das zu erlieben
Und während wir noch jubeln –
Hat jemand ‘was dagegen
Denn irgendein Arsch ist immer unterwegs

[…]

Alles war schon fast perfekt –
Unser Leben und unsere Liebe
Und dann kommt ein Parasit –
Spritzt sein Gift und macht sie krank

Tilo Wolff im Songtext “Irgendein Arsch ist immer unterwegs” aus dem Album “Revolution”, (Lyrics, Video)

Selbstkritische Betrachtungen 8 | Wenig faszinierende Strategien 7

22Feb
2014

All die Facetten des menschlichen Lebens, die etwas mit dem Schönen und Wahren zu tun haben, waren immer nur schwer in Einklang mit den Gesetzen des kurzfristigen Wettbewerbs um Aufmerksamkeit, Renomee und Marktanteilen zu bringen. Vielleicht am augenfälligsten erscheint dies bei der Wissenschaft, die in den Augen der Wissenschaftsverwalter als genauso messbar wahrgenommen wird, wie sie wahr sein sollte.

“Das Verhältnis karriereorientierter Wissenschaftler zur Wissenschaft entspricht dem von Prostituierten zur Liebe.”

schreibt Nassim Nicholas Taleb in “Antifragilität”. So sehr man ihm in der Glorifizierung der “Klassiker”, des lange schon bestehenden und sich bewährt habenden (all dessen, was sich als antifragil gezeigt hat), einen gewissen Reaktionismus vorwerfen darf: Um die Wissenschaftsverwaltung des 21. Jahrhunderts steht es nicht zum besten. Nicht, wenn ein Homöopathie-Bachelor kurz vor der Akkreditierung steht, gegen die aber auch kaum was mehr entgegen spricht, da es sich ohnehin nur um eine formale Prüfung handelt. Nach all dem gigantischen Aufwand für die Akkreditierung, die unter anderem sicherstellen soll, dass jeder der die Grundvorlesungen einer bspws. technischen oder formalen Disziplin gehört hat, auf mehr oder weniger demselben Wissenstand ist: Wenn auch die offensichtliche Scharlatanerlie mit den Messwerkzeugen der Wissensmessung nicht als Unsinn entlarvt wird, dann ist es Zeit für das logische “ex falso quodlibet”. Aus einem logischen Fehler folgen beliebige Fehler. Damit wage ich zu behaupten, dass der ganze Akkreditierungsunsinn (der nebenbei bemerkt eine große Menge Denkzeit begabter Wissenschaftler verschwendet hat) nicht viel wert sein kann, wenn soetwas dabei herauskommt.

Faszinierende Metastrategien 4 | Antifragile Konzepte 2

19Jan
2014

Viel schmeichelhaftes hat Taleb in der ersten Hälfte von “Antifragilität” nicht über die Theoretiker zu sagen, die seiner Meinung nach vor allem die durch Trial&Error gewonnenen Erkenntnisse der Tüftler formalisieren, theoretisieren und schließlich als ihre Errungenschaften deklarieren. Eine etwas eindimensionale Sichtweise, die der Komplexität des heutigen Wissens und der Technik nicht so ganz Rechnung trägt, wie ich denke.

Nun aber Trial&Error als eine durchaus sinnvolle Lernstrategie anzuwenden – gerne pathologisiert mit dem unheilvollen Akronym “ADHS” – sehe ich als faszinierende Metastrategie an:

“Ich war sicher, das, was ich mir selbst aussuchte, tiefer und breiter lesen und verstehen zu können, da eine innere Verbindung zu meiner Neugier bestand. Außerdem profitierte ich, indem ich natürliche Stimulierung als Hauptantrieb des Lernens benutzte, von der psychischen Verfassung, die später als Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) pathologisiert wurde.
[…]
Vermeidung von Langeweile ist der einzig angemessene Handlungsmodus. Andernfalls ist das Leben nicht lebenswert.”
Nassim Nicholas Taleb in “Antifragilität”

Ersetzen wir also bald “Selbstverwirklichung” auf der höchsten Stufe der maslowschen Bedürfnispyramide durch “Vermeidung von Langeweile”? Ich denke, hier darf man durchaus die Frage stellen, ob die höchsten Gipfel dieser Welt schon erklommen worden wären, hätten ihre Besteiger an den Durststrecken ihres Aufstiegs primär versucht, Langeweile zu vermeiden.