Faszinierende Literatur 10 | Das Drama der Menschheit 16

09Mar
2026

In letzter Zeit hatte ich vor allem Sachbücher gelesen. Zuletzt hatte ich “Emotional Intelligence” von Daniel Goleman gelesen, auf das ich in der Empfehlungsliste am Ende in “search inside yourself” gestoßen bin. Bezüglich der Vielfalt der Themen und auch was den Schreibstil angeht, hatte mir letzteres etwas besser gefallen, und doch kann ich auch Daniel Goleman jedem Menschen sehr ans Herz legen, der sich für die Natur menschlicher Emotionen aus einer sehr wissenschaftlichen Sicht interessiert. Mit dem heutigen Eintrag möchte ich nun einen Roman vorstellen, der sich eng an historischen Tatsachen orientiert, und nicht nur große Emotionen thematisiert, sondern auch deren Bedeutung für Krieg und Frieden, sowie den Aufstieg und Zerfall von Weltreichen.

In John Williams monumentalen Epos “Augustus” tauchen wir ein in die faszinierende Welt des antiken römischen Reichs. Die Aussagen über Brot und Spiele, die Metapher der “spätrömischen Dekadenz”, sie haben sich in in vielen populären Diskursen bis heute gehalten. Ich erinnere mich an meinen Lateinunterricht, in denen wir die Kriegsberichte Cäsars, die Reden von Augustus oder die Beobachtungen der Geschichtsschreiber wie Livius und Plutarch übersetzten. Vieles wirkte einerseits sehr greifbar, wenn man Zitate wie “Veni, vidi, vici!” schon aus Asterix und Obelix kannte, oder die römischen Namen von Städten und Provinzen in deren heutigen Namen wiedererkannte. Anderes wirkte künstlich, gerade der Schreibstil der wörtlichen Übersetzungen. Ich erinnere mich an Briefe die, wörtlich übersetzt, mit “Markus entbietet Gaius seinen Gruß” begannen, und mir die Welt der damaligen Akteure nicht gerade zugänglich machten.

Um so faszinierender fand ich in John Williams Werk die klare und moderne Sprache, mit der er die Machtkämpfe, die Bürgerkriege, aber auch die philosophischen Einsichten bis hin zu den lustvollen Ausschweifungen der römischen Elite sehr plastisch darstellt. Das Werk besteht vor allem aus Briefen und aus Tagebucheinträgen, deren Formulierung frei erfunden ist, doch deren Inhalt den historischen Geschehnissen folgt. Es geht um die Zeit nach der Ermordung Cäsars, in der vor allem Octavius (der spätere Kaiser Augustus) und Cicero (ein Unterstützer der Verschwörer, die Cäsar umbrachten) um die Macht konkurrieren und sich dabei in wechselnde Koalitionen begeben. Die zwielichtige Gestalt von Marcus Antonius lässt sich zunächst nicht so genau einordnen, später verbündet jener sich mit Kleopatra und will ein römisch-ägyptisches Weltreich regieren, sobald er Augustus aus dem Weg geräumt hat. Ein Größenwahn, mit dem er grandios scheitert.

Dieses Buch erzählt ein menschliches Drama, das in der aktuellen weltpolitischen Lage aktueller denn je ist. Zerfallende Imperien, eine neue Weltordnung, der Größenwahn einzelner Männer, die Machtausübung durch strenge moralische Regeln, die der Elite aber völlig egal sind. All diese Absurditäten der aktuellen Zeit lassen sich im Handeln der mächtigen Männer des alten Roms finden. Besonders erhellend fand ich die resignativen Einsichten von Augustus am Ende seines Lebens, niedergeschrieben in einem langen Brief an Nikolaos von Damaskus:

Will er [der die Welt verändern will] seinem Geschick treu bleiben, muss er in sich eine harte, geheime Seite finden oder schaffen, die gleichgültig gegenüber ihm selbst und anderen bleibt, auch gegenüber der Welt, die er neu, wenn auch nicht gemäß seinem eigenen Verlangen gestalten will, sondern entsprechend ihrer Natur, die sich ihm erst im Prozess des Gestaltens offenbart.

Und doch waren sie meine Freunde und mir nie so nah wie in eben jenem Augenblick, in dem mein Herz sie aufgab. Was für ein widersprüchliches Wesen ist doch der Mensch, der nichts so sehr schätzt wie das, was er zurückweist oder aufgibt! Der Soldat, der den Krieg zu seinem Beruf machte, sich aber mitten in der Schlacht nach Frieden sehnt und den es in der Sicherheit des Friedens nach dem Klirren der Schwerter und dem Chaos auf blutgetränktem Feld verlangt; der Sklave, der sich gegen auferlegte Knechtschaft wehrt und durch Fleiß die Freiheit erkauft, um sich dann an einen grausameren und gestrengeren Mann zu binden, als es sein früherer Herr gewesen war; der Liebhaber, der seine Geliebte verlässt und danach nicht aufhört, von ihrer vermeintlichen Vollkommenheit zu träumen.
aus: John Williams, Augustus, Kapitel “I. Brief, Octavius Cäsar an Nikolaos von Damaskus, 9. August, 14 n. Chr.”

Die “harte und geheime Seite” liest sich geradezu euphemistisch für mich, wenn man zuvor darüber gelesen hat, wie er seine Tochter in unglückliche Ehen gezwungen hat und schließlich ins Exil verstoßen hat, weil sie sich seinen Moralvorstellungen nicht hat fügen wollen, alleine um des Machterhalts willen. Was ist die Macht am Ende wert, wenn sie die Inhaber der Macht dazu zwingt, seine Familie und Freunde aufzugeben und derjenige sich auch nicht am Reichtum oder an der Macht erfreuen kann? Oder ist die vermeintliche Macht nicht eine unglaubliche Schwäche, wenn sie einen zwingt, sich selbst zu korrumpieren und all das, was das Leben lebenswert macht, aufzugeben? Und wofür das ganze Mühsal, wenn am Ende die Welt sich doch nur “entsprechend ihrer Natur, die sich erst im Prozess des Gestaltens offenbart” gestalten lässt? Wofür führt Putin Krieg um ein altes Imperium wiederzubeleben, wofür hat Ajatollah Chamenei das eigene Volk unterdrückt und mit einer kruden Moral überzogen? Am Ende wird sich die Natur des Menschen, die sich nach Freiheit und Miteinander sehnt durchsetzen, daran glaube ich, oder erhoffe es zumindest sehr.

Am Ende seines Lebens erkennt Augustus, dass er die Freunde, die Liebe und die Zuversicht verloren hat. Verbittert und alleine bereitet er sich auf sein Ende vor.

Ich habe Dir in der Vergangenheit darin zugestimmt, dass [die Dichter] zu viel über die Liebe schreiben und dem, was im besten Falle doch bloß ein angenehmer Zeitvertreib ist, zu große Bedeutung beimessen, nur bin ich mir nicht länger sicher, ob ich mit dieser Zustimmung tatsächlich gut beraten war. […] Seit ich nicht länger fähig bin zu lieben, habe ich jene geheimnisvolle Macht genauer untersucht, die auf so mannigfache Weise und über so viele Jahre hinweg in mir existierte. […] Ich bin zu der Ansicht gekommen, dass im Leben eines jeden Menschen früher oder später der Moment kommt, in dem er – über das hinaus, was er sonst noch versteht und unabhängig davon, ob er sein Verstehen in Worte fassen kann – die schreckliche Tatsache begreift, dass er allein ist.
(gleiche Quelle)

Was bleibt vom Leben, wenn jemand so zynisch geworden ist, dass die Liebe ein “reiner Zeitvertreib” ist? Was bleibt von unserem Leben, wenn wir einmal feststellen sollten, am Ende ganz alleine zu sein? Viele finden den Trost im Glauben, doch auch das lehnt er für sich ab.

Die Götter kümmert das armselige Wesen jedenfalls nicht, das sich seinem Schicksal entgegenmüht, und sie reden zu ihm so undeutlich, dass man letztlich selbst den Sinn dessen herausfinden muss, was sie einem mitteilen wollen. […] Vielleicht hattest Du doch Recht, mein lieber Nikolaos; vielleicht gibt es wirklich nur einen einzigen Gott. Falls das aber stimmt, gabt ihr ihm den falschen Namen. Er sollte Zufall heißen, sein Priester ist der Mensch, und das einzige Opfer dieses Priesters muss letztlich er selbst sein – sein armes, gespaltenes Ich.
(gleiche Quelle)

Die Einsicht, das jede:r selbst den Sinn herausfinden muss, finde ich durchaus sympathisch. Dass es mehr der Zufall ist, als eine steuernde Instanz, die unser Leben bestimmt, entspricht nicht nur verbreiteten Einsichten der Wissenschaften, sondern auch meiner Denkweise und meinen Erfahrungen. Doch ich lehne den Gedanken ab, dass irgendein denkendes und fühlendes Wesen sich am Ende alleine fühlen sollte. Alles Leben dieser Erde ist miteinander verbunden, stammt aus derselben Urzelle ab, und teilt sich die gleichen begrenztes Ressourcen. All die Wesen tun gut darin, in Harmonie und Frieden miteinander zu leben, eine Balance mit sich und ihrer Umgebung zu finden. Wir können etwas geben, an Liebe, an Frieden, an Kunst und Erkenntnissen, dass zu einem kleinen Teil weiterleben wird. Wenn uns das gelingt, gelingt uns vielleicht auch, uns am Ende nicht als “gespaltenes Ich” zu diagnostizieren.

Abseits meinem Streben nach Miteinander, dem steten Suchen meiner Mitte und meinem Frieden, mache ich mir natürlich Sorgen um die Welt, in der die Kriege zunehmen. Eine Welt, die Demokratien, Frieden und Freiheit geschaffen hat und in den Regionen, in denen es den Menschen am besten geht, nun radikale und antiliberale Strömungen Aufwind erhalten. Hat es so etwas schon mal gegeben?

Wir leben den römischen Wohlstand. Kein Bewohner Roms, sei er auch noch so arm, muss ohne eine tägliche Ration Korn auskommen; die Bewohner der Provinzen sind nicht länger der Willkür von Hungersnöten oder Naturkatastrophen ausgeliefert, da sie sich in allen Notlagen auf Hilfe verlassen können; und jeder Bürger, welcher Geburt auch immer, kann so reich werden, wie es sein Streben und die Launen der Welt ihm gestatten. Und wir leben die römische Harmonie. […] Und doch bemerke ich im Gesicht der Römer einen Blick, der Böses für die Zukunft ahnen lässt. Ehrlicher Annehmlichkeit überdrüssig sehnen sie sich nach jener Korruption zurück, die den Staat fast die Existenz kostete. Obwohl ich dem Volk zur Freiheit von Tyrannei, Macht und Herkunft verhalf, zur Freiheit, jederzeit ungestraft reden zu können, wurde mir vom Volk wie vom römischen Staat die Diktatur angeboten. 
(gleiche Quelle)

Anscheinend haben die Menschen in den letzten zweitausend Jahren nicht viel dazugelernt. Das Drama der Menschheit geht weiter, und ich denke, dass es unser Anspruch sein sollte, dem etwas entgegen zu setzen. 

Faszinierende Literatur 9 | Faszinierende Erkenntnisse 5

10Jan
2026

Wenn ich auf das vergangene Jahr zurückblicke und überlege, welche Texte und welche Erkenntnisse aus dieser Zeit mich am meisten fasziniert haben, dann fällt auf jeden Fall das Buch “search inside yourself” von Chade-Meng Tan darunter. Er ist einer der ganz frühen Software-Ingenieure bei Google, und hat sich Lehren wie dem Zen-Buddhismus und der Achtsamkeitsmeditation zugewandt. Daraus gestaltete er einen Kurs bei Google, der vor allem bei Mitarbeiter:innen mit viel Kundenkontakt (Vertrieb, Support, etc.) zu mehr emotionaler Intelligenz, damit zu mehr Empathie und schließlich zu mehr Erfolg und Zufriedenheit führen sollte. Schnell stellte man fest, dass der Kurs auch bei Software-Ingenieuren zu mehr Produktivität und Kreativität führte. Menschen, die in ihrer Mitte sind, ihr Handeln reflektieren und voller Güte und Empathie durch die Welt navigieren, sind glücklicher, zufriedener und nicht zuletzt auch produktiver.

Beeindruckend ist, wie sehr die Erkenntnisse, die Chade-Meng Tan lediglich zusammenfasst und zugänglich macht (wie er ganz bescheiden immer wieder betont), durch wissenschaftliche Studien untermauert werden. Denn ein vermeintlich flüchtiger Zustand wie Glück lässt sich heutzutage durch Messungen der Gehirnaktivität relativ objektiv messen.

Diese Mönche sind bei weitem die glücklichsten Menschen, die je wissenschaftlich untersucht wurden. Was die Frage aufwirft, woran sie während des Scans wohl gedacht haben? An etwas Unanständiges vielleicht? Mönche und ihre undurchsichtigen Machenschaften sind ja immer irgendwie verdächtig. Sie wissen schon. Die Wahrheit ist, dass sie über das Mitgefühl meditiert haben. Vielen Menschen mag dies unglaublich vorkommen, da wir Mitgefühl oft als einen eher unangenehmen Geisteszustand empfinden. Die vorliegenden wissenschaftlichen Daten aber belegen, dass genau das Gegenteil der Fall und Mitgefühl ein Zustand extremen Glücks ist.

(aus “Search inside yourself”, Kapitel 8, “Wie man etwas bewirkt und trotzdem geliebt wird”)

Man darf durchaus kritisch betrachten, wenn all die Erkenntnisse, die uns zu einem guten und glücklichen Leben verhelfen sollen, sich dann doch so nah an den Bedürfnissen der Wirtschaftswelt, dem Streben nach Gewinn und monetärem Erfolg orientieren. Doch letztlich ist für die allermeisten Menschen ein Leben, welches sich primär um Sinnsuche, Meditation und guten Taten für ihre Nächsten dreht, weder realistisch noch finanzierbar. Faszinierend ist, wie übertragbar die Erkenntnisse bezüglich Zufriedenheit und dem Wert von emotionaler Intelligenz sind, ganz egal ob man als tibetischer Mönch oder als Software-Ingenieur arbeitet. Viele der Erkenntnisse sind “alte Weisheiten”, die durch sehr aktuelle (neuro-)psychologische Untersuchungen unterstützt werden. Dies weckt in mir den Verdacht, dass es hier um sehr grundlegende, sehr universelle Einsichten geht.

Es werden viele kleine Hilfestellungen beschrieben, die uns bei der Suche nach unserem inneren Glück unterstützen. Beispielsweise hat es bereits einen erheblichen Einfluss auf unsere Zufriedenheit, wenn wir nur wenige Minuten am Tag meditieren oder diesen Zeitaufwand für ein privates Tagebuch aufwenden (was ich seit gut zwei Jahren mehr oder weniger regelmäßig verfolge, mit mehr Zeit als nur wenigen Minuten, worunter zugegebenermaßen auch dieser Blog etwas leidet). Faszinierend fand ich auch alltägliche, fast banale Einsichten. Beispielsweise erzählt Chade-Meng Tan, wie sehr er als Kind teures Essen in edlen Restaurants genossen hatte, in denen er relativ selten von seinen Eltern mitgenommen wurde. Schließlich kam ihm die Erkenntnis, dass es weniger der bessere Geschmack oder das besondere Ambiente war, was zu dem höheren Genuss führte, sondern die Achtsamkeit, mit der er jeden Bissen wertgeschätzt hatte. Seitdem ich das gelesen habe, versuche ich auch so oft es die Zeit und die Umstände erlauben, bewusst den Geschmack von guten Essen zu schätzen, und in Langsamkeit und Achtsamkeit zu speisen.

Neben diesen kleinen alltäglichen Optimierungen unseres Daseins wird am Ende die ganz große Brücke zwischen Meditation und dem Weltfrieden geschlagen:

Inneres Glück ist ansteckend. Wenn jemand dieses glückliche innere Strahlen nach außen dringen lässt, reagieren die Menschen in seinem Umfeld meist positiver auf ihn. Der Meditierende stellt daraufhin fest, dass seine zwischenmenschlichen Begegnungen zunehmend angenehmer werden, und da wir soziale Wesen sind, steigern angenehme Sozialkontakte das innere Glück noch weiter. Dadurch entsteht eine erfreulich positive Dynamik inneren und zwischenmenschlichen Glücks. Je stärker sie wird, desto deutlicher merkt der Meditierende, dass er immer gütiger und mitfühlender wird.
Wir können unseren Geist dahingehend schulen und entwickeln, dass innerer Friede, Glück und Mitgefühl in ihm entstehen. Das Beste an diesem Training aber ist, dass wir uns diese Eigenschaften nicht abringen müssen. Sie sind ganz natürlich
in jedem Menschen vorhanden. Wir müssen lediglich die Voraussetzungen schaffen, dass sie zum Vorschein kommen, wachsen und gedeihen können. Dies tun wir, indem wir meditieren. Indem wir meditieren, gestatten wir uns, sehr viel glücklicher und mitfühlender zu werden, und wenn genügend Menschen diesen Weg einschlagen, legen wir damit das Fundament für den Weltfrieden.

(aus “search inside yourself”, Kapitel 9 “In drei einfachen Schritten zum Weltfrieden”)

Natürlich mag man einwenden, dass es an Hybris grenzt, Meditation und Achtsamkeit bei einigen Menschen zu schulen und am Ende den Weltfrieden für alle erreichen zu wollen. Und doch glaube ich, dass die Art und Weise, wie wir uns auf individueller Ebene begegnen, mit wie viel Geduld, Mitgefühl und Achtsamkeit wir unseren Kolleg:innen oder unseren Freund:innen in kleinen alltäglichen Situationen oder in schwierigen Lebenssituationen zur Seite stehen, einen ganz erheblichen Einfluss haben wird. Die liebende Güte, mit der wir an andere denken, uns in deren Situation hineinversetzen, steigert nicht nur unser eigenes Glück, sie strahlt auch als gutes Vorbild auf andere aus. Für mich war die Lektüre von “search inside yourself” voller fundierter Einsichten, die Kalendersprüchlein wie “Geben ist seliger als nehmen” plötzlich sehr klar und logisch erscheinen lassen und mit viel Substanz hinterlegen. Ob die Lektüre mein Leben verändert hat, wie auf dem Klappentext beworben, vermag ich jetzt noch nicht zu beurteilen. Einer von vielen Bausteinen auf der Suche zu mir selbst und einem Leben, das von liebevollem Miteinander geprägt werden soll, ist dieses Werk auf jeden Fall.

Wenig faszinierende Strategien 32 | Faszinierende Erkenntnisse 4

17Nov
2025

Nachdem ich im Sommer das Buch “Stealing Fire” empfohlen habe, möchte ich nun ein weiteres Sachbuch vorstellen, welches mich sehr bewegt und inspiriert hat. Der Psychotherapeut Francis Weller hat mit “The Wild Edge of Sorrow: The Sacred Work of Grief” sehr schön herausgearbeitet, wie wichtig es ist, Trauer zuzulassen, Verluste zu verarbeiten, sich dabei in Gemeinschaften gegenseitig zu halten und Trost zu spenden.

In der westlichen kapitalistischen Welt ist eine Kultur entstanden, in der wir uns sehr viel vergleichen und bewerten – ein Trend der durch Social Media natürlich noch erheblich verstärkt wurde. Ein authentisches und ehrliches Sharing unserer Gefühle, unserer Sorgen und Hoffnungen ist im zwischenmenschlichen Austausch selten eingeladen. Trauer und Verluste, die wir unvermeidlich erleben werden, brauchen Zeit und Raum, verarbeitet zu werden. Wir brauchen eine Gemeinschaft, in der wir mit unseren Sorgen ernst genommen und gehalten werden. Sehr faszinierend fand ich in diesem Zusammenhang die Erkenntnis, die Francis Weller bei der Beobachtung der abendlichen Sharing-Zirkeln in einem westafrikanischen Dorf erlangt:

This feeling of belonging is rooted in the village and, at times, in extended families. It was in this setting that we emerged as a species. It was in this setting that what we require to become fully human was established.
[…]
I remember vividly my experience in Malidoma Somé’s village of Dano in Burkina Faso in West Africa. I felt pangs of envy when, every night near dusk, people would gather in the common area and share their day. (This is when we have happy hour in our culture. Drinks at half-price! Perhaps this is how we anesthetize our loss.)

Ich empfinde es als eine wenig faszinierende Strategie, unseren Verlust mit alkoholischen Getränken zu anästhesieren. Die kurzfristige Betäubung, vielleicht sogar das kurzfristige Glücksgefühl, dass wir dadurch erhalten, wird nicht von Dauer sein und schon gar keine nachhaltigen Erkenntnisse liefern.

Ich empfinde es als ein großes Glück, mich immer wieder in Räumen zu bewegen, in denen ein ehrliches Sharing eingeladen ist und ich mich gehalten fühle. Ich würde mir sehr wünschen, dass es mehr davon in unserer Welt gibt. Ich würde mir wünschen, dass Fragen nach dem Befinden (“Wie geht’s?”) nicht zu der im englischen Sprachraum üblichen Begrüßungsformel degradieren (“Great! How are you?”), sondern dass eine Antwort wie “Ambivalent.” vollkommen akzeptiert ist und auch potentiell einen Raum für ein ehrliches Sharing öffnet (“Magst du etwas teilen?”), sofern Zeit und emotionale Kapazität dafür da ist. Und ich glaube, dass für den Austausch über Trauer, Sorgen und Verlust deutlich mehr Raum sein sollte.

Wenig faszinierende Strategien 31 | freedom is not for free 5

08Oct
2025

Dieser Blog sollte nie im engeren Sinne politisch werden und insofern bleibt es hoffentlich eine Ausnahme, dass ich hier für eine konkrete politische Kampagne Werbung mache. Die Pläne des europäischen Rates zur “Chatkontrolle”, also ein Gesetz, die Messengerdienste dazu zu verpflichten, Hintertüren in die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der Kommunikation einzubauen, finde ich jedenfalls derart wenig faszinierend, dass hier auf auf die Kampagne “Chatkontrolle stoppen” verweisen möchte.

Die Chefin der Signal-Stiftung (Signal ist einer der wenigen Messenger, hinter dem eine gemeinnützige Stiftung steht) droht mit dem Rückzug aus Europa. Meta, Apple & co würden sich wahrscheinlich dem Druck beugen, in Amerika unter Trump sieht man derzeit, wie sehr die Konzerne bereit sind, sich mit der Politik zu arrangieren. Wer auch immer einwenden mag, dass ein Volk eben eine andere Regierung wählen könnte, der möge sich vor Augen führen, dass das demokratisch deutlich direkter legitimierte europäische Parlament mit breiter Mehrheit gegen die Chatkontrolle ist. Der europäische Rat (die Regierungsvertreter der Mitgliedsstaaten) haben wenig überraschend ein Interesse daran, exekutive Befugnisse auszuweiten.

Ich bin ein großer Freund der Idee der europäischen Union, weil sie für mich die derzeit wirkmächtigste Vertreterin westlicher freiheitlicher Werte ist. Aber trotzdem beruht ihre Konstruktion auf historisch gewachsenen Kompromissen. Wenn diese Kompromisse dazu führen, dass Entwicklungen völlig falsch laufen, dann muss es dagegen zivilgesellschaftlichen Widerstand geben. Sich für Freiheit einzusetzen wird manchmal ein wenig kosten. Vielleicht können schon ein paar Euro an Betreiber von Messengern, die nicht zu Konzernen gehören, an progressive politische Kampagnen oder auch an progressive Parteien etwas daran ändern.

Wenig faszinierende Strategien 30 | Ende und Neuanfang 9

03Oct
2025

Die Strategie unserer derzeitigen Gesellschaft mit Drogen umzugehen ist wenig faszinierend. Auf dem derzeit stattfindenden Oktoberfest wird der exzessive Konsum von Alkohol geradezu zelebriert (wobei man auch alkoholfreie Maß Bier bestellen kann und dort eine gute Zeit haben kann, wie ich kürzlich ausprobierte). Deutschland ist im weltweiten Vergleich eines der Länder, in dem der Alkohol am günstigsten zu erwerben ist, obwohl eine Verteuerung nachweislich am meisten bringen würde, um junge Leute vom Alkoholkonsum und dessen gesundheitlichen Gefahren abzuhalten.

Sehr spannend fand ich in diesem Zusammenhang, was der Notfallmediziner Gernot Rücker, der regelmäßig auf der Fusion in Berlin im Einsatz ist, zum Thema Alkohol und Drogen schreibt:

Alkohol löst keine Probleme. Da ist es fast cleverer, einen Joint zu rauchen, weil der Kater nicht so heftig ist.
[…]
Alkohol schlägt auf das Frontalhirn, den Geschäftsführer des Hirns. Das heißt, man kommt auf dumme Ideen. Das ist in einem emotionalen Ausnahmezustand wie Liebeskummer ausgesprochen kontraproduktiv.
[…]
Ein Muss ist aus meiner Sicht die Freigabe von LSD. Für die Therapie bei schwersten behandlungsresistenten Depressionen und als Freizeitdroge ist es absolut geeignet. Es ist risikoarm, wenn man damit umzugehen weiß und ein erfahrener Tripsitter einen begleitet.

https://www.zeit.de/campus/2025/04/die-alkoholdiktatur-wird-fallen

Sehr empfehlen kann ich in diesem Kontext auch das Buch Stealing Fire, in dem das gigantische Potential erörtert wird, wir uns durch besondere Bewusstseinszustände weiterentwickeln können. Wie man seine Mitte finden und seine geistigen Fähigkeiten weiterentwickeln kann, in dem man sich nicht mit Drogen wie Alkohol oder exzessiven Social-Media-Konsum sediert, sondern nach Introspektion durch besondere Bewusstseinszustände sucht. Sei es durch Meditation, besondere Atemtechniken oder den bewussten Umgang mit Substanzen.

Whether we’re examining psychedelics like LSD or empathogens like MDMA, mind-altering drugs are more popular than at any other time in history. Thirty-two million Americans use psychedelics on a regular basis (that’s nearly one in ten) and report considered reasons for doing so. According to a 2013 study published in a journal of the National Institutes of Health, the most common motivations are to “enhance mystical experiences, introspection and curiosity.” Transcendence, not decadence, appears to be driving use forward.

aus: Stealing Fire, Kapitel 8

In der Tendenz ist das Buch keine Werbung für Substanzen, diese werden nur als eine von vielen Möglichkeiten aufgeführt, intensive Selbsterfahrungen zu machen. Es gibt viele Möglichkeiten im Bereich von Yoga, Meditation oder Atemtechniken, die vielleicht den längeren, aber vielleicht auch nachhaltigeren, Weg zur Erkenntnis bedeuten. Substanzen werden eher als die Abkürzung beschrieben, mit der sich bestimmte Zustände erreichen lassen. Klar ist, dass die aktuelle Studienlage sehr klar zeigt, dass die Psychedelika und Empathogene erheblich weniger gefährlich sind, was Toxizität und Abhängigkeitspotential angeht, als Alkohol.

Vielleicht ist der Traum der Hippies aus den 70ern, dass eine andere Gesellschaft möglich ist, mit weniger Aggressivität und mehr Miteinander, Empathie und Liebe, doch nicht ganz ausgeträumt. Ein Neuanfang für den Umgang mit bewusstseinsverändernden Techniken und Substanzen könnte auch ein Neuanfang für unser soziales Miteinander sein.