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  • 28May
    2020
    10:25 pm No Comments

    Auf das Münchener Projekt BISS wurde ich erst durch einen Artikel über die Photographien von Rainer Viertlböck so richtig aufmerksam, der die Wohnungen der BISS-Zeitungsverkäufer für eine Ausstellung abgelichtet hat. Auch wenn ich mich an den ein oder anderen Verkäufer der BISS-Straßenzeitung, deutlich erkennbar mit umgehängten Ausweis, durchaus erinnern konnte, war mir nie so richtig klar, worin der Inhalt dieser Zeitung besteht oder gar was das Ziel des Projekts ist. Vielleicht gingen diese kurzen Eindrücke im Rahmen der begrenzten Aufmerksamkeitskapazität im reizüberfluteten Großstadtleben auch einfach ein wenig unter.

    Die Verkäufer sind oft ehemalige Obdachlose, in jedem Fall Menschen die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance (mehr) haben. Für einen Moment mag man sich fragen “Und warum verkaufen die jetzt Zeitung? Können diese Menschen nicht eine Ausbildung/Weiterbildung/etc. machen und wieder regulär in einfachen Jobs arbeiten?” Wenn man ein wenig mehr darüber nachdenkt oder sich mit der Thematik näher beschäftigt, wird klar, dass das alles nicht so einfach ist. Auch wenn theoretisch in Deutschland niemand betteln muss: Der Weg durch den Ämter- und Formularejungle bei behördlichen Angelegenheiten ist selbst für den ein oder anderen Akademiker durchaus anstrengend. Für Menschen mit psychischen Problem, Suchterkrankungen, sehr geringen Sprachkenntnissen ist dieser Weg oftmals unmöglich. Vor allem: Die Straße ist deren einziges vertrautes Terrain. Gleichzeitig aber ist Betteln oder Flaschensammeln als einziges Tagesgeschäft keine würdevolle Tätigkeit.

    In diesem Sinne sehe ich es als eine faszinierende Metastrategie, auf die Anliegen und Sorgen von “Bürgern in sozialen Schwierigkeiten” (wofür das Akronym BISS steht) mit einer regelmäßig erscheinenden Publikation zu diesem Thema aufmerksam zu machen, und gleichzeitig jenen Bürgern ein Auskommen zu bieten. Eine feste Stelle, die immerhin dazu reicht, sich eine kleine Wohnung in der teuren bayerischen Landeshauptstadt leisten zu können. Die Bilder von Rainer Viertelböck zeigen sehr kleine Domizile, die aber doch eben so viel mehr sind auf dem Weg zurück in ein normales Leben als ein Bretterverschlag unter einer der Isarbrücken. Dazu können die Angestellten auf der Straße, ihrem vertrauten Terrain, ihrer Arbeit nachgehen. Noch dazu liefern sie, unter Anleitung von Journalisten, selbst kleine Textbeiträge über ihre Geschichte und ihr Leben. Die BISS-Verkäufer können mit Käufern ins Gespräch kommen und haben vor allem eine legitime Grundlage für ihre Präsenz in der Öffentlichkeit, anstelle des schambehafteten Daseins als Bettler. Wer lieber einer handwerklichen Tätigkeit auf dem Weg zurück in ein normales Leben nachgehen möchte, für den gibt es auch das Partnerprojekt einer Fahrradwerkstatt.

    Als ich während der Corona-Ausgangsbeschränkungen (eine Zeit, in der der Straßenverkauf von BISS temporär untersagt war) eine kleine Spende an das BISS-Projekt richtete, bekam ich mitsamt der Spendenbescheinigung auch die Jubliläumsausgabe von 2018 zugeschickt. Darin wurde unter anderem vom BISS-Hotelprojekt berichtet, welches 2011 leider gescheitert ist:

    “Die gemeinnützige und mildtätige Stiftung BISS beabsichtigt, das alte Münchner Frauen- und Jugendgefängnis Am Neudeck unter Einhaltung des Denkmalschutzes und Erhalt des alten Baumbestands in ein Hotel der gehobenen Klasse umzubauen, um damit 40 jungen Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten eine umfassende, erstklassige Ausbildung und Qualifizierung zu ermöglichen.
    […]
    Nachdem die CSU/FDP-Ab-geordneten im Haushaltsausschuss gegen einen Freihandverkauf an BISS gestimmt hatten, wurde ein Bieterverfahren durchgeführt. Der Freistaat machte nicht von der ausdrücklich im Bayerischen Haushaltsrecht verankerten Möglichkeit Gebrauch, einem dem Gemeinwohl dienenden Bieter den Vorzug zu geben. […] Im Mai 2011 gab die Bayerische Staatsregierung einem anonymen, kommerziellen Immobilieninvestor den Zuschlag für das alte Frauengefängnis Am Neudeck.”
    aus: BISS, Oktober 2018

    Es ist eine wenig faszinierende Erkenntnis, dass so ein ambitioniertes soziales Projekt der kalten Logik der Gewinnmaximierung von staatlicher Seite weichen musste.

  • 13Apr
    2020
    12:47 pm Comments Off on Faszinierende Literatur 5 | Wenig faszinierende Erkenntnisse 20

    Wenn es etwas Positives an der derzeitigen Covid-19-Pandemie gibt, dann sicherlich die Tatsache, dass man wieder deutlich mehr Zeit zum Lesen hat. In diesem Sinne setze ich meine Reise durch die (Welt-)Literatur in diesem Blogbeitrag fort, und widme mich dem Werk “Schöne neue Welt” von Aldous Huxley.

    Oft wird Huxleys Dystopie mit George Orwells “1984” verglichen, vereint die beiden fiktiven Szenarien eine mehr oder weniger weltumspannende totalitäre Diktatur, die bis tief in die privatesten Lebensbereiche vordringt. Mit Hilfe von Wissenschaft, Bürokratie und Technologie wird in beiden Werken ein unangreifbares Regime geschaffen, das mit Hilfe ganz klarer Hierarchien sich seine Bürger untertan macht. Doch im Vergleich zu 1984 finde ich Huxleys Weltentwurf deutlich subtiler. Insbesondere in den philosophischen Diskussionen im letzten Drittel des Textes sind etliche Beobachtungen und Gedanken von geradezu frappierender Aktualität. Damit meine ich beispielsweise Parallelen zwischen der Kastengesellschaft bei Huxley und der (digitalen) Spaltung der Gesellschaft heutzutage. Digitales Prekariat und Mindestlohnempfänger auf der einen Seite, die digitale Elite und Empfänger der satten Rendite auf der anderen Seite. Für den Weltaufsichtsrat in der schönen neuen Welt ist die Legitimation dieses Klassenunterschieds keine Frage:

    “Ein Mensch, der als Alpha entkorkt und genormt ist, würde wahnsinnig werden, wenn er die Arbeit eines Epsilon-Halbidioten verrichten müßte; er würde wahnsinnig werden oder alles kurz und klein schlagen. Alphas können der menschlichen Gemeinschaft perfekt eingefügt werden, aber nur, wenn man ihnen Alpha-Arbeit überträgt. Nur ein Epsilon kann die Opfer eines Epsilons bringen, aus dem einfachen Grund, daß sie für ihn keine Opfer bedeuten, sondern der Weg des geringsten Widerstands sind.”
    (Der “Weltaufsichtsrat” Mustafa Mannesmann in “Schöne neue Welt”)

    Würde dieses Denken, auf die heutige Zeit übertragen, etwa bedeuten, dass es kein Opfer für die Vollbringer der einfachen Botendienste und Reinigungskräfte ist, ihre Arbeit zu vollbringen, sondern ihre einzig glücklichmachende Bestimmung? Ein Gedanke, der geradezu absurd scheint, wenn man die Idee der Chancengerechtigkeit ernst nimmt. Aber was passiert, wenn die Aufstiegs- und Bildungschancen in einer Gesellschaft erst einmal so ausgeprägt sind, dass praktisch jeder nur noch intelligente Kopfarbeit verrichten möchte? Wenn dazu passend, alle einfachen, körperlichen Arbeiten irgendwann einmal automatisiert sind (was nicht so schnell der Fall sein wird, wie ich schon einmal ausgeführt habe)? Haben wir dann eine Gesellschaft ähnlich wohlhabender, ähnlich intelligenter Kopfarbeiter, die gemeinsam die digitale, globalisierte Welt gestalten? Für den Weltaufsichtsrat bei Huxley scheint dies keine gute Idee zu sein, da dieses Experiment innerhalb der Fiktion schon einmal nicht funktioniert hat:

    “Die Aufsichtsräte ließen die Insel Zypern von allen Einwohnern säubern und mit einer eigens angelegten Zucht von zweiundzwanzigtausend Alphas neu besiedeln. Man gab ihnen komplette Ausstattungen für Landwirtschaft und Industrie und überließ sie sich selbst. Das Ergebnis entsprach haargenau den theoretischen Voraussagen. Der Boden wurde nicht ordentlich bestellt, in den Fabriken gab es Streiks, die Gesetze wurden mißachtet, Befehle nicht befolgt, alle die, die für einige Zeit untergeordnete Arbeiten verrichten mußten, intrigierten unablässig um höhere Posten, und die Höhergestellten spannen Gegenintrigen, damit sie um jeden Preis auf ihren Plätzen bleiben konnten. Binnen sechs Jahren gab es einen prima Bürgerkrieg. Als neunzehntausend von den zweiundzwanzigtausend Alphas gefallen waren, richteten die Überlebenden geschlossen eine Eingabe an den Weltaufsichtsrat, die Regierungsgewalt über die Insel wieder zu übernehmen. Was auch geschah. So endete die einzige Alphagesellschaft der Welt.”
    (Der “Weltaufsichtsrat” Mustafa Mannesmann in “Schöne neue Welt”)

    Im Grunde sind wir mit der steigenden Automatisierung der Arbeit und der Akademisierung der Bildung heute nahe an einer “Alphagesellschaft”. Gleichzeitig beobachtet man, wie beispielsweise Kämpfe um günstigen Wohnraum in den begehrten Zentren der Welt heftiger geführt werden. Trotz aller Produktivitätsgewinne (die sich im Wirtschaftswachstum zeigen) steigt der Abstand zwischen den “vermögendsten 1%” und der akademisch gebildeten Mittelschicht in allen Industrieländern. Menschen, die qua Bildung und Intellekt eigentlich der Huxleyschen “Alpha”-Status haben, konkurrieren um die gleichen Posten und Renditen. Ist das eine Gesellschaft, die das Potential hat, in einem Bürgerkrieg zu münden?

    Eine andere, gerade zu Covid-19-Zeiten sehr aktuelle Überlegung, ist der Konflikt zwischen dem wirtschaftlich “richtigen” Handeln und dem, was die Wissenschaft für richtig hält. Bei Huxley haben sich die Befürworter des ewig sich drehenden Räderwerks durchgesetzt:

    “Merkwürdig, was die Menschen zu Lebzeiten Fords des Herrn über den Fortschritt der Wissenschaft geschrieben haben. Sie schienen sich einzubilden, daß die Wissenschaft ewig fortschreiten dürfe, ohne Rücksicht auf alles übrige. Erkenntnis war das höchste Gut, Wahrheit der erhabenste Wert, alles andere war nebensächlich und untergeordnet. Allerdings begannen sich schon damals die Anschauungen zu verändern. Ford der Herr selbst trug viel dazu bei, das Schwergewicht von Wahrheit und Schönheit auf Bequemlichkeit und Glück zu verlegen. Die Massenproduktion verlangte diese Verlagerung. Allgemeines Glück läßt die Räder unablässig laufen; Wahrheit und Schönheit bringen das nicht zuwege. Und natürlich ging es, sooft die Massen an die Macht kamen, stets mehr um Glück als um Wahrheit und Schönheit.”
    (Der “Weltaufsichtsrat” Mustafa Mannesmann in “Schöne neue Welt”)

    Ich finde diese Überlegungen äußerst spannend in einer Zeit, in der wir darüber streiten, ob man die Wirtschaft nicht abwürgen sollte, oder lieber alles tun sollte, um möglichst viele Menschen vor der Covid-19 Pandemie zu retten. Man kann sich in rein quantitative Überlegungen flüchten (“Wie viel ist ein Menschenleben wert” – ein ganz üblicher Vorgang bei der Berechnung von Versicherungssummen), aber man kann natürlich auch verschiedene moralphilosophische Überlegungen anstellen. Geht es darum den Gesamtnutzen für alle Menschen zu maximieren (Utilitarismus)? Die politische Realität, insbesondere bei der Klimakatastrophe, zeigt, dass sich dies in den westlichen Demokratien nicht abbilden lässt. Tatsächlich agieren die westlichen Industriestaaten eher so, als wären sie eine Gesellschaft der Alphas und Betas, denen die Lebensgrundlagen der austauschbaren Epsilons aus fernen Länden nicht so wichtig sind, weil einige einflussreiche Alpha-Plus Entscheider unsere lokale Wirtschaft über alles stellen und nur die gut situierten Bürger zur Wahl gehen und teure Produkte konsumieren. Ein wenig faszinierende Erkenntnis.

    Aber andererseits sind in der schönen neuen Welt – wenn auch jeweils stark überzeichnet – allerlei Ideen enthalten, die heute als modern und fortschrittlich gelten. Teilweise sind das Ideen, für die sich heute Mehrheiten finden, die aber in dem 1932 erschienen Werk in der damaligen Gesellschaft kaum akzeptiert waren. Die Legalisierung von Drogen, die sexuelle Freizügigkeit, die Pränataldiagnostik, die Erforschung der Gentechnik, das Streben nach individuellem Glück oder die größere Unabhängigkeit zwischen den Generationen sind alles Punkte, die man heute in progressiven politischen Agenden lesen kann. Wohin entwickelt sich eine Welt voller Individuen, die ihr Glücksempfinden und ihren Wohlstand maximieren wollen, und mit klassischen Strukturen wie Staaten oder Familien (jeweils im Sinne einer Solidargemeinschaft) wenig anfangen können? Lässt sich dies irgendwann nur durch eine Alpha-Plus-Diktatur einhegen, die zwar die Auflösung der alten Strukturen (zugunsten einer neuen Struktur) vorantreibt, das individuelle Glück vorschreibt, dabei aber wahre Erkenntnis und Wissenschaft verbietet? Leben wir vielleicht schon in so einer Diktatur, wenn die Erkenntnisse der Wissenschaft bezüglich dem Klimawandel zwar nicht verboten, aber doch von der herrschenden Klasse fast vollkommen ignoriert werden oder durch Fake News in der Aufmerksamkeitsökonomie untergehen?

    Oder löst sich das ganze Problem gerade von selbst, weil wir als vermeintliche westliche Elite, in den Zeiten von Covid-19, die Überlegenheit kollektivistischer Gesellschaften wie derjenigen in China nun einsehen müssen? Eine wenig faszinierende Aussicht.

  • 28Feb
    2020
    12:16 am Comments Off on Faszinierende Literatur 4 | Wenig faszinierende Strategien 23

    Die Moral ist ein interessantes Konzept, eines der vielen faszinierenden Konstrukte der sowohl intellektuellen sowie soziokulturellen Konstruktion des Menschen. Aus philosophischer Sicht existiert ein absoluter, vernunftgeleiteter, Moralbegriff, herleitbar aus den a priorio gegebenen Gesetzen des rationalen Handelns – zumindest erklärt das Kant in der Metaphysik der Sitten, jenes Werk in dem er auch den populären kategorischen Imperativ entwickelt.

    Schade eigentlich, dass von den Ideen von Kant so wenig übrig ist, wenn im alltäglichen Diskurs ein Moral- und Sittenbegriff auftaucht, der so gar nichts mehr mit Kants Maximen und Imperativen zu tun hat, sondern rein auf soziokultureller Konstruktion beruht. Mit Moral wird alltäglichen Austausch oftmals ein Konzept adressiert, welches munter dem Wandel der Zeiten unterworfen ist. Die gesamte Sexualmoral, die Ablehnung der Promiskuität, das Ideal der Monogamie, die gewünschte Diskretion dessen, was jeder tut, was jeder begehrt und das Leben von uns triebhaft gesteuerten Individuen doch so oft so viel mehr bestimmt, als die Lehren von Kant es jemals könnten. Gerade im Kontext der Sexualmoral, der bürgerlichen Sitten und des Anstands, liegt es so schön nahe das Urteil der Doppelmoral über ihre Vertreter zu verhängen: Wer auch immer predigt, dass man sich den menschlichen Trieben entsagen möge, aber für sich selbst gänzlich andere Maßstäbe anlegt und dabei enttarnt wird, der ist als Moralist gescheitert. Eine wenig faszinierende Strategie.

    Eine wunderbar unterhaltsame Satire auf die bürgerliche Moral – oder besser Doppelmoral – während der Belle Époque in Deutschland ist Heinrich Manns Roman “Prof. Unrat oder Das Ende eines Tyrannen“. Im Zentrum ein gestrenger Lehrer, ein Tyrann, aber auch eine Mensch von Intellekt, der “auf Dauer nicht gegen seinen Namen ankommt”, dessen Name stets zu “Prof. Unrat” (eigentlich “Prof. Raat”) verhohnepiepelt wird. Sein Gegenspieler: Der Schüler Lohmann, der es viel subtiler schafft den Tyrannen zu provozieren, als ihm “Prof. Unrat” hinterherzurufen, wie es seine Schülerkollegen tun:

    Unrat haßte Lohmann beinahe mehr als die andern, wegen seiner unnahbaren Widersetzlichkeit, und fast auch deshalb, weil Lohmann ihm nicht seinen Namen gab; denn er fühlte dunkel, das sei noch schlimmer gemeint.
    […]
    [Lohmann] stand auf, stützte die Hände auf den Tischrand, sah dem Professor neugierig beobachtend in die Augen, als habe er einen merkwürdigen Versuch vor, und deklamierte vornehm gelassen:
    »Ich kann hier nicht mehr arbeiten, Herr Professor. Es riecht auffallend nach Unrat.«

    Lohmann selbst beginnt Respekt für den “Anarchisten” zu empfinden und billigt ihm mehr Selbstbewusstsein als sich selbst zu (was sein Lehrer höchstwahrscheinlich genau umgekehrt empfindet):

    »Dieser Unrat fängt an, mich zu beschäftigen: er ist eigentlich eine interessante Ausnahme. Bedenke, unter welchen Umständen er handelt, was er alles gegen sich auf die Beine bringt. Dazu muß man ein Selbstbewußtsein haben, scheint mir – ich für meine Person brächte so eines nicht auf. Es muß in einem ein Stück Anarchist stecken…«

    Als im weiteren Verlauf der Tyrann einer von seinen Schülern angebeteten Tänzerin in einem Vergnügungslokal hinterherläuft und schließlich – gegen regelmäßige hohe Geld- und Sachzuwendungen – bei ihr landet, die Affäre im Rahmen eines Gerichtsprozesses (aus einem anderen Anlass) herauskommt und der Lehrer zum Direktor zitiert wird, erklärt er sich mit:

    »Ich würde mein Leben – immer mal wieder – für nichts erachten, wenn ich den Schülern die klassischen Ideale nur vorerzählte wie müßige Märchen. Der humanistisch Gebildete darf des sittlichen Aberglaubens der niederen Stände billig entraten.«

    Diese Persiflage bürgerlicher Moral finde ich herrlich: An dem Punkt, wo die Fassade der bürgerlichen Moral, der Vorbildfunktion des gestrengen Lehrers zusammenbricht, legitimiert der Protagonist sein Handeln mit der Ansicht, das Regeln doch nur für die anderen gelten. Tatsächlich könnte man so eine gelebte Doppelmoral, isoliert betrachtet, als eine gelungene Persiflage auf kleinbürgerliche Sitten und Moral, die dem Lauf der Zeiten unterworfen sind, betrachten. In der Geschichte allerdings hat der Professor seine “Recherchen” über die Tänzerin im Vergnügungslokal stets damit begründet, seine Schüler von “Nebendingen” abhalten zu müssen, es als Teil seiner erzieherischen Aufgabe betrachtet, die Schüler von den Verführungskünsten der käuflichen Dame fernhalten zu müssen. Damit wird seine Erklärung, dem “sittlichen Aberglauben der niederen Stände zu entraten” zu einer bloßen Ausrede von einem gescheiterten Doppelmoralisten, einem missglückten Versuch, sein Weltbild doch noch irgendwie zurechtzurücken. Das Ende ist dann gerade zu episch: Er verliert während der Liaison mit jener “Künstlerin” (deren Ehemann und gleichermaßen Zuhälter er ist) erst sein Vermögen durch den kostspieligen Lebensstil der beiden und am Ende noch seine Freiheit – nachdem er während eines Eifersuchtsanfalls durchdreht und gewalttätig wird, verursacht durch den Besuch Lohmanns bei seiner Gattin.

  • 24Jan
    2020
    12:21 am Comments Off on Faszinierende Menschen 1 | Wenig faszinierende Erkenntnisse 19

    Edwards Snowdens Autobiographie “Permament Record” beschreibt einen der faszinierendsten Menschen, von denen ich bisher gelesen habe.

    Wenige Menschen machen sich in ihrer täglichen Arbeit Gedanken darüber, ob sie das Richtige tun. Noch viel, viel weniger Menschen gehen große Risiken ein, um in bewusster Verletzung der Loyalität zu ihren Geldgebern auch tatsächlich das Richtige zu tun. Das Richtige nicht in einem absoluten Sinne, sondern im Grad der Konformität mit den Werte- und Moralvorstellungen, die wir uns angeeignet haben. Werte, die uns nicht angeboren sind, sondern die wir im Rahmen unserer soziokulturellen Prägung adaptiert haben und schließlich zu den unseren erklärt haben. Snowden ist kein klassischer Gegenspieler der Institutionen, der Spionagebehörden, der staatlichen Gewalt, sondern war ein begeisterter Spion und Techniker und hat sich darüber hinaus selbst zu einem amerikanischen Patrioten erklärt.

    Nicht trotz dieser Tatsache, sondern genau deswegen waren und sind ihm die in der amerikanischen Verfassung verbrieften Rechte auf eine private Sphäre und auf das Briefgeheimnis wichtiger als die Loyalität zu seinen Vorgesetzten. Für den Kampf für diese Rechte hat er das in seinen Augen Richtige getan, ein Vorhaben, für das er alles riskiert hat. Auch hat er, zumindest legen dies zahlreiche Andeutungen nahe, keineswegs mit einem so glimpflichen Ausgang (er lebt nun in Russland gemeinsam mit seiner Frau, die zu ihm gezogen ist) gerechnet, sondern sich eher den Rest seines Lebens hinter Gittern vorgestellt.

    Was ist von seinen Enthüllungen über die anlasslose Massenüberwachung geblieben? Was haben wir aus der Existenz von Programmen wie “XKEYSCORE” gelernt, die nach Eingabe eines Namens oder einer Handynummer den Geheimdienstmitarbeitern Chatverläufe, Screenshots aus Videounterhaltungen oder Anruflisten schön übersichtlich auflisten, über jede Person dieser Welt, die über das Internet kommuniziert?

    Produkte wie Cloud-Services für private Bilder oder Geräte wie Echo, Alexa, etc. sind beliebter denn je, weil schließlich “alles so schön praktisch ist”. Auf die Konsequenzen hingewiesen, dass gleichermaßen weltweit agierende Konzerne und Geheimdienste vieler Länder dieser Welt somit noch viel einfacheren Zugriff auf unzählige private Daten haben, hört man gerne “Ich habe nichts zu verbergen.” Dazu schreibt Snowden:

    “Zu behaupten, dass uns unsere Privatsphäre egal ist, weil wır nichts zu verbergen haben, ist letztlich dasselbe, als würden wir behaupten, dass uns die freie Meinungsäußerung egal ist, weil wir nichts zu sagen haben. Oder dass uns die Freiheit der Presse egal ist, weil wir nicht gern lesen. Oder dass uns die Religionsfreiheit egal ist, weil wir nicht an Gott glauben. Oder dass uns das Recht auf friedliche Versammlung egal ist, weil wir träge und antisozial sind und an Agoraphobie leiden. Nur weil uns die eine oder andere Freiheit heute nicht wichtig ist, heißt das nicht, dass sie uns oder unserem Nachbarn morgen auch noch unwichtig sein muss, oder den vielen prinzipientreuen Dissidenten, denen ich auf meinem Handy folgte, während sie an verschiedenen Orten demonstrierten in der Hoffnung, nur einen Bruchteil der Freiheiten zu erlangen, die mein Land so eifrig zu beschneiden suchte.”

    Ebenso absurd ist es, zu behaupten, dass einem die Privatsphäre egal ist, “weil die NSA und Google eh schon alles wissen.” Es ist eine wenig faszinierende Erkenntnis, wie groß Egalität einer großen Anzahl der Nutzer all dieser schönen neuen praktischen Kommunikationsmittel gegenüber all diesen staatlichen und nichtstaatlichen Überwachungsmöglichkeiten geworden ist.

    Geradezu amüsant finde ich die Passage, als Snowden erstmals auf die Journalisten trifft, denen er sich anvertraut hat. Er glaubt zu erkennen, dass sie enttäuscht darüber sind, so einen jungen Menschen zu treffen (nachdem er zuvor nur vollkommen anonym kommunizierte). Deren Antizipation war wohl eher ein alter, depressiver, verbitterter Mensch, der weniger aus Überzeugung, als mehr aus Frust über seinen Arbeitgeber und sein Land die Geheimnisse des Geheimdienstes an die Presse weitergibt.

    Ich frage mich: Ist es wirklich plausibel, dass jemand ohne echten inneren Antrieb, ohne von Überzeugung und dem Glauben an das Wahre und Richtige getrieben zu sein, mit solch einem Aufwand und unter solch einem Risiko ein solches Vorhaben durchzieht? Braucht es nicht gerade den Idealismus eines jungen Menschen, um so etwas zu tun? Snowden schreibt dazu:

    “Aber es besteht immer eine Gefahr, wenn man eine hochqualifizierte Person zu schnell zu weit aufsteigen lässt, bevor sie genug Zeit hatte, um zynisch zu werden und ihren Idealismus aufzugeben.”

    Die amerikanischen Behörden brauchten Horden junger, technisch extrem begabter Leute, die mit großen Freiheiten ausgestattet, den besten denkbaren Signal Intelligence Dienst aufbauen sollten. Das dürften sie bekommen haben. Neben sehr vielen loyalen und vermutlich an Politik und Gesellschaft vollkommen desinteressierten Technikern haben sie auch einige wenige Mitarbeiter bekommen, die ihren freien Geist nutzen, die grundsätzliche Legitimität ihrer Aufgaben hinterfragen und sich am Ende höheren Werten (wie den Rechten in der Verfassung) dann doch mehr verpflichtet fühlen als der Dienstanweisung eines Vorgesetzten.

    Vielleicht bräuchte die Welt mehr von solchen Leuten. Vielleicht würden Firmen, Nationen, Armeen, Großfamilien und viele weitere Strukturen, die auf Kollektiven berufen, nicht mehr funktionieren, wenn es eine kritische Masse von Leuten gibt, die regelmäßig die Legitimität ihres Handelns in Frage stellen und im Zweifel sogar danach handeln. Noch so eine wenig faszinierende Erkenntnis.

  • 02Jan
    2020
    11:37 pm Comments Off on Selbstkritische Betrachtungen 12 | Faszinierende Strategien 22

    Wir leben im Jahr 2020.

    Das ist so ein Satz, der nicht nur einen sehr simplen Fakt enthält und vielleicht zu einem Art “Jahresrückblick”-Post passt, sondern den man noch oft in diesem Jahr hören wird. Als ein Argument, als eine Art Totschlagargument, wenn es um Fragen geht wie: Warum musste die Silvesterböllerei sein, die so viel Feinstaub erzeugt? Warum ist Fleisch so billig und die Produktion davon so umweltschädlich und warum ist die Nutztierhaltung so wenig artgerecht? Warum sind immer noch so wenig Frauen in deutschen Vorstandsetagen? Warum kann man einen SUV zulassen, ohne dafür im Zulassungsantrag eine extra Unterschrift für die Aussage „Ich gebe hiermit klar und deutlich zu Protokoll: Meine Umwelt ist mir vollkommen schnuppe.“ leisten zu müssen?

    All diese Fragen finde ich vollkommen berechtigt und viele unserer Verhaltens- und Lebensweisen finde ich nicht mehr zeitgemäß. Im Lichte der neuen Erkenntnisse (z. B. dem IPC-Sonderbericht bezüglich der Erwärmung von 1.5° gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter) kann man eigentlich nur zu dem Schluss kommen, dass es Zeit ist, etwas zu ändern. Aber was? Die globalisierte Weltwirtschaft? Die individuelle Mobilität? Die unendliche Verfügbarkeit von Konsumartikeln? Wo fangen wir an? Dieter Nuhr scherzt in seinem Jahresrückblick darüber, dass er das “Fridays for Future”-Engagement seiner Tochter unterstützt, in dem er ihr über den Winter die Heizung abdreht. Und er fragt sich, ob die Aussage von Greta Thunberg “Ihr habt mir meine Kindheit gestohlen” nicht besser zu einem 11 jährigen passen würde, der in einer Coltan-Miene unter menschenunwürdigen Bedingungen schuften muss. Damit bringt er zwei wesentliche Dinge auf den Punkt: Wir fangen ungern mit dem Verzicht bei uns selbst an. Und: Die Ankläger sind in der Regel nicht die, die unter den Konsequenzen der angeklagten Zustände leiden müssen.

    Ich finde es richtig, dass wir als diejenigen, die es sich leisten können, anklagen. Wir klagen die Zustände an, wie wir unseren Planeten derzeit ausbeuten anklagen. Ich war bei einigen der “Globaler Klimastreik” Demos dabei. Ich bin für eine Politik, die durch Steuern und Umlagen teureres Fleisch, teureres Benzin und vor allem teurere Flüge generiert. Eine Politik, die das Auto in der Stadt unattraktiver macht. Und dennoch, wir sind hier bei Stichwort “selbstkritische Betrachtungen”: Ich fahre regelmäßig aus purer Bequemlichkeit Auto. Strecken, die eigentlich mit dem Rad oder Öffis bewältigbar werden, aber bei denen ich ein motorisiertes Vehikel bevorzuge weil es kalt und dunkel ist, weil es regnet oder weil ich an dem Tag schon über eine Stunde geradelt bin und gerade weder Lust auf Radeln noch auf volle und vergleichsweise unzuverlässige Öffis habe. Allerdings fahre ich nie mit dem Auto zu Stoßzeiten in die Müchner Innenstadt. Zur Arbeit radle ich immer, egal bei welchem Wetter, 10km einfach. Warum? Weil es deutlich schneller geht als das Auto, weil es stressfreier ist und weil die Parkplatzsituation bei meiner Arbeitsstelle im Zentrum sehr begrenzt und teuer wäre.

    Die Verknappung eines Guts (durch den Markt und die begrenzten Ressourcen) in geschickter Verbindung mit dem politischen Setzen von Anreizen (umweltschädliches Verhalten teurer und unattraktiver machen) funktioniert. Und genau da hat Dieter Nuhr etwas sehr fundamentales nicht verstanden, der sich auch über “Umweltspuren [= Spuren exklusiv für Fahrgemeinschaften], durch die mehr Stau und damit mehr Abgase auf den anderen Spuren entstehen” beklagt: Natürlich es ist genau der richtige Anreiz, Leute zum Bilden von Fahrgemeinschaften zu motivieren. Und natürlich werden Leute auf Öffis oder auf’s Rad umsteigen, wenn der Verkehr auf dem täglichen Pendelweg zu zähflüssig wird, oder wenn durch hohe Parkgebühren und City-Maut das Auto dort unattraktiver wird, wo es wirklich nicht notwendig ist.

    Die politische Strategie, über die richtigen Anreize, langsam aber sicher unsere Städte umweltfreundlicher zu gestalten und die kostbare Ressource Platz (ein Auto nimmt mehr als zehnfachen Verkehrsraum eines Fahrrads ein) gerechter zu verteilen, ist so einfach wie faszinierend. Und sie wird besser funktionieren als plötzliche Verbote oder der moralische Appell an den Einzelnen. Der reine moralische Appell (“Ändert doch einfach euer Verhalten, anstatt euch zu beschweren!”) ist, zumindest von Seiten der Politik, eine Arbeitsverweigerung. Denn deren Aufgabe ist in meinen Augen eine gesellschaftlich gerechte und auf Nachhaltigkeit bedachte Regulierung.

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