Wenn ich auf das vergangene Jahr zurückblicke und überlege, welche Texte und welche Erkenntnisse aus dieser Zeit mich am meisten fasziniert haben, dann fällt auf jeden Fall das Buch “search inside yourself” von Chade-Meng Tan darunter. Er ist einer der ganz frühen Software-Ingenieure bei Google, und hat sich Lehren wie dem Zen-Buddhismus und der Achtsamkeitsmeditation zugewandt. Daraus gestaltete er einen Kurs bei Google, der vor allem bei Mitarbeiter:innen mit viel Kundenkontakt (Vertrieb, Support, etc.) zu mehr emotionaler Intelligenz, damit zu mehr Empathie und schließlich zu mehr Erfolg und Zufriedenheit führen sollte. Schnell stellte man fest, dass der Kurs auch bei Software-Ingenieuren zu mehr Produktivität und Kreativität führte. Menschen, die in ihrer Mitte sind, ihr Handeln reflektieren und voller Güte und Empathie durch die Welt navigieren, sind glücklicher, zufriedener und nicht zuletzt auch produktiver.
Beeindruckend ist, wie sehr die Erkenntnisse, die Chade-Meng Tan lediglich zusammenfasst und zugänglich macht (wie er ganz bescheiden immer wieder betont), durch wissenschaftliche Studien untermauert werden. Denn ein vermeintlich flüchtiger Zustand wie Glück lässt sich heutzutage durch Messungen der Gehirnaktivität relativ objektiv messen.
Diese Mönche sind bei weitem die glücklichsten Menschen, die je wissenschaftlich untersucht wurden. Was die Frage aufwirft, woran sie während des Scans wohl gedacht haben? An etwas Unanständiges vielleicht? Mönche und ihre undurchsichtigen Machenschaften sind ja immer irgendwie verdächtig. Sie wissen schon. Die Wahrheit ist, dass sie über das Mitgefühl meditiert haben. Vielen Menschen mag dies unglaublich vorkommen, da wir Mitgefühl oft als einen eher unangenehmen Geisteszustand empfinden. Die vorliegenden wissenschaftlichen Daten aber belegen, dass genau das Gegenteil der Fall und Mitgefühl ein Zustand extremen Glücks ist.
(aus “Search inside yourself”, Kapitel 8, “Wie man etwas bewirkt und trotzdem geliebt wird”)
Man darf durchaus kritisch betrachten, wenn all die Erkenntnisse, die uns zu einem guten und glücklichen Leben verhelfen sollen, sich dann doch so nah an den Bedürfnissen der Wirtschaftswelt, dem Streben nach Gewinn und monetärem Erfolg orientieren. Doch letztlich ist für die allermeisten Menschen ein Leben, welches sich primär um Sinnsuche, Meditation und guten Taten für ihre Nächsten dreht, weder realistisch noch finanzierbar. Faszinierend ist, wie übertragbar die Erkenntnisse bezüglich Zufriedenheit und dem Wert von emotionaler Intelligenz sind, ganz egal ob man als tibetischer Mönch oder als Software-Ingenieur arbeitet. Viele der Erkenntnisse sind “alte Weisheiten”, die durch sehr aktuelle (neuro-)psychologische Untersuchungen unterstützt werden. Dies weckt in mir den Verdacht, dass es hier um sehr grundlegende, sehr universelle Einsichten geht.
Es werden viele kleine Hilfestellungen beschrieben, die uns bei der Suche nach unserem inneren Glück unterstützen. Beispielsweise hat es bereits einen erheblichen Einfluss auf unsere Zufriedenheit, wenn wir nur wenige Minuten am Tag meditieren oder diesen Zeitaufwand für ein privates Tagebuch aufwenden (was ich seit gut zwei Jahren mehr oder weniger regelmäßig verfolge, mit mehr Zeit als nur wenigen Minuten, worunter zugegebenermaßen auch dieser Blog etwas leidet). Faszinierend fand ich auch alltägliche, fast banale Einsichten. Beispielsweise erzählt Chade-Meng Tan, wie sehr er als Kind teures Essen in edlen Restaurants genossen hatte, in denen er relativ selten von seinen Eltern mitgenommen wurde. Schließlich kam ihm die Erkenntnis, dass es weniger der bessere Geschmack oder das besondere Ambiente war, was zu dem höheren Genuss führte, sondern die Achtsamkeit, mit der er jeden Bissen wertgeschätzt hatte. Seitdem ich das gelesen habe, versuche ich auch so oft es die Zeit und die Umstände erlauben, bewusst den Geschmack von guten Essen zu schätzen, und in Langsamkeit und Achtsamkeit zu speisen.
Neben diesen kleinen alltäglichen Optimierungen unseres Daseins wird am Ende die ganz große Brücke zwischen Meditation und dem Weltfrieden geschlagen:
Inneres Glück ist ansteckend. Wenn jemand dieses glückliche innere Strahlen nach außen dringen lässt, reagieren die Menschen in seinem Umfeld meist positiver auf ihn. Der Meditierende stellt daraufhin fest, dass seine zwischenmenschlichen Begegnungen zunehmend angenehmer werden, und da wir soziale Wesen sind, steigern angenehme Sozialkontakte das innere Glück noch weiter. Dadurch entsteht eine erfreulich positive Dynamik inneren und zwischenmenschlichen Glücks. Je stärker sie wird, desto deutlicher merkt der Meditierende, dass er immer gütiger und mitfühlender wird.
Wir können unseren Geist dahingehend schulen und entwickeln, dass innerer Friede, Glück und Mitgefühl in ihm entstehen. Das Beste an diesem Training aber ist, dass wir uns diese Eigenschaften nicht abringen müssen. Sie sind ganz natürlich
in jedem Menschen vorhanden. Wir müssen lediglich die Voraussetzungen schaffen, dass sie zum Vorschein kommen, wachsen und gedeihen können. Dies tun wir, indem wir meditieren. Indem wir meditieren, gestatten wir uns, sehr viel glücklicher und mitfühlender zu werden, und wenn genügend Menschen diesen Weg einschlagen, legen wir damit das Fundament für den Weltfrieden.(aus “search inside yourself”, Kapitel 9 “In drei einfachen Schritten zum Weltfrieden”)
Natürlich mag man einwenden, dass es an Hybris grenzt, Meditation und Achtsamkeit bei einigen Menschen zu schulen und am Ende den Weltfrieden für alle erreichen zu wollen. Und doch glaube ich, dass die Art und Weise, wie wir uns auf individueller Ebene begegnen, mit wie viel Geduld, Mitgefühl und Achtsamkeit wir unseren Kolleg:innen oder unseren Freund:innen in kleinen alltäglichen Situationen oder in schwierigen Lebenssituationen zur Seite stehen, einen ganz erheblichen Einfluss haben wird. Die liebende Güte, mit der wir an andere denken, uns in deren Situation hineinversetzen, steigert nicht nur unser eigenes Glück, sie strahlt auch als gutes Vorbild auf andere aus. Für mich war die Lektüre von “search inside yourself” voller fundierter Einsichten, die Kalendersprüchlein wie “Geben ist seliger als nehmen” plötzlich sehr klar und logisch erscheinen lassen und mit viel Substanz hinterlegen. Ob die Lektüre mein Leben verändert hat, wie auf dem Klappentext beworben, vermag ich jetzt noch nicht zu beurteilen. Einer von vielen Bausteinen auf der Suche zu mir selbst und einem Leben, das von liebevollem Miteinander geprägt werden soll, ist dieses Werk auf jeden Fall.
Ich bin Patrick, lebe und arbeite als Softwareentwickler in München und beschäftige mich gerne mit Literatur, Philosophie, Politik und manchmal auch privat mit Software-Projekten. Abseits des Bildschirms bin ich gerne in der Natur unterwegs, insbesondere auf Wander- und Skitouren.