In letzter Zeit hatte ich vor allem Sachbücher gelesen. Zuletzt hatte ich “Emotional Intelligence” von Daniel Goleman gelesen, auf das ich in der Empfehlungsliste am Ende in “search inside yourself” gestoßen bin. Bezüglich der Vielfalt der Themen und auch was den Schreibstil angeht, hatte mir letzteres etwas besser gefallen, und doch kann ich auch Daniel Goleman jedem Menschen sehr ans Herz legen, der sich für die Natur menschlicher Emotionen aus einer sehr wissenschaftlichen Sicht interessiert. Mit dem heutigen Eintrag möchte ich nun einen Roman vorstellen, der sich eng an historischen Tatsachen orientiert, und nicht nur große Emotionen thematisiert, sondern auch deren Bedeutung für Krieg und Frieden, sowie den Aufstieg und Zerfall von Weltreichen.
In John Williams monumentalen Epos “Augustus” tauchen wir ein in die faszinierende Welt des antiken römischen Reichs. Die Aussagen über Brot und Spiele, die Metapher der “spätrömischen Dekadenz”, sie haben sich in in vielen populären Diskursen bis heute gehalten. Ich erinnere mich an meinen Lateinunterricht, in denen wir die Kriegsberichte Cäsars, die Reden von Augustus oder die Beobachtungen der Geschichtsschreiber wie Livius und Plutarch übersetzten. Vieles wirkte einerseits sehr greifbar, wenn man Zitate wie “Veni, vidi, vici!” schon aus Asterix und Obelix kannte, oder die römischen Namen von Städten und Provinzen in deren heutigen Namen wiedererkannte. Anderes wirkte künstlich, gerade der Schreibstil der wörtlichen Übersetzungen. Ich erinnere mich an Briefe die, wörtlich übersetzt, mit “Markus entbietet Gaius seinen Gruß” begannen, und mir die Welt der damaligen Akteure nicht gerade zugänglich machten.
Um so faszinierender fand ich in John Williams Werk die klare und moderne Sprache, mit der er die Machtkämpfe, die Bürgerkriege, aber auch die philosophischen Einsichten bis hin zu den lustvollen Ausschweifungen der römischen Elite sehr plastisch darstellt. Das Werk besteht vor allem aus Briefen und aus Tagebucheinträgen, deren Formulierung frei erfunden ist, doch deren Inhalt den historischen Geschehnissen folgt. Es geht um die Zeit nach der Ermordung Cäsars, in der vor allem Octavius (der spätere Kaiser Augustus) und Cicero (ein Unterstützer der Verschwörer, die Cäsar umbrachten) um die Macht konkurrieren und sich dabei in wechselnde Koalitionen begeben. Die zwielichtige Gestalt von Marcus Antonius lässt sich zunächst nicht so genau einordnen, später verbündet jener sich mit Kleopatra und will ein römisch-ägyptisches Weltreich regieren, sobald er Augustus aus dem Weg geräumt hat. Ein Größenwahn, mit dem er grandios scheitert.
Dieses Buch erzählt ein menschliches Drama, das in der aktuellen weltpolitischen Lage aktueller denn je ist. Zerfallende Imperien, eine neue Weltordnung, der Größenwahn einzelner Männer, die Machtausübung durch strenge moralische Regeln, die der Elite aber völlig egal sind. All diese Absurditäten der aktuellen Zeit lassen sich im Handeln der mächtigen Männer des alten Roms finden. Besonders erhellend fand ich die resignativen Einsichten von Augustus am Ende seines Lebens, niedergeschrieben in einem langen Brief an Nikolaos von Damaskus:
Will er [der die Welt verändern will] seinem Geschick treu bleiben, muss er in sich eine harte, geheime Seite finden oder schaffen, die gleichgültig gegenüber ihm selbst und anderen bleibt, auch gegenüber der Welt, die er neu, wenn auch nicht gemäß seinem eigenen Verlangen gestalten will, sondern entsprechend ihrer Natur, die sich ihm erst im Prozess des Gestaltens offenbart.
Und doch waren sie meine Freunde und mir nie so nah wie in eben jenem Augenblick, in dem mein Herz sie aufgab. Was für ein widersprüchliches Wesen ist doch der Mensch, der nichts so sehr schätzt wie das, was er zurückweist oder aufgibt! Der Soldat, der den Krieg zu seinem Beruf machte, sich aber mitten in der Schlacht nach Frieden sehnt und den es in der Sicherheit des Friedens nach dem Klirren der Schwerter und dem Chaos auf blutgetränktem Feld verlangt; der Sklave, der sich gegen auferlegte Knechtschaft wehrt und durch Fleiß die Freiheit erkauft, um sich dann an einen grausameren und gestrengeren Mann zu binden, als es sein früherer Herr gewesen war; der Liebhaber, der seine Geliebte verlässt und danach nicht aufhört, von ihrer vermeintlichen Vollkommenheit zu träumen.
aus: John Williams, Augustus, Kapitel “I. Brief, Octavius Cäsar an Nikolaos von Damaskus, 9. August, 14 n. Chr.”
Die “harte und geheime Seite” liest sich geradezu euphemistisch für mich, wenn man zuvor darüber gelesen hat, wie er seine Tochter in unglückliche Ehen gezwungen hat und schließlich ins Exil verstoßen hat, weil sie sich seinen Moralvorstellungen nicht hat fügen wollen, alleine um des Machterhalts willen. Was ist die Macht am Ende wert, wenn sie die Inhaber der Macht dazu zwingt, seine Familie und Freunde aufzugeben und derjenige sich auch nicht am Reichtum oder an der Macht erfreuen kann? Oder ist die vermeintliche Macht nicht eine unglaubliche Schwäche, wenn sie einen zwingt, sich selbst zu korrumpieren und all das, was das Leben lebenswert macht, aufzugeben? Und wofür das ganze Mühsal, wenn am Ende die Welt sich doch nur “entsprechend ihrer Natur, die sich erst im Prozess des Gestaltens offenbart” gestalten lässt? Wofür führt Putin Krieg um ein altes Imperium wiederzubeleben, wofür hat Ajatollah Chamenei das eigene Volk unterdrückt und mit einer kruden Moral überzogen? Am Ende wird sich die Natur des Menschen, die sich nach Freiheit und Miteinander sehnt durchsetzen, daran glaube ich, oder erhoffe es zumindest sehr.
Am Ende seines Lebens erkennt Augustus, dass er die Freunde, die Liebe und die Zuversicht verloren hat. Verbittert und alleine bereitet er sich auf sein Ende vor.
Ich habe Dir in der Vergangenheit darin zugestimmt, dass [die Dichter] zu viel über die Liebe schreiben und dem, was im besten Falle doch bloß ein angenehmer Zeitvertreib ist, zu große Bedeutung beimessen, nur bin ich mir nicht länger sicher, ob ich mit dieser Zustimmung tatsächlich gut beraten war. […] Seit ich nicht länger fähig bin zu lieben, habe ich jene geheimnisvolle Macht genauer untersucht, die auf so mannigfache Weise und über so viele Jahre hinweg in mir existierte. […] Ich bin zu der Ansicht gekommen, dass im Leben eines jeden Menschen früher oder später der Moment kommt, in dem er – über das hinaus, was er sonst noch versteht und unabhängig davon, ob er sein Verstehen in Worte fassen kann – die schreckliche Tatsache begreift, dass er allein ist.
(gleiche Quelle)
Was bleibt vom Leben, wenn jemand so zynisch geworden ist, dass die Liebe ein “reiner Zeitvertreib” ist? Was bleibt von unserem Leben, wenn wir einmal feststellen sollten, am Ende ganz alleine zu sein? Viele finden den Trost im Glauben, doch auch das lehnt er für sich ab.
Die Götter kümmert das armselige Wesen jedenfalls nicht, das sich seinem Schicksal entgegenmüht, und sie reden zu ihm so undeutlich, dass man letztlich selbst den Sinn dessen herausfinden muss, was sie einem mitteilen wollen. […] Vielleicht hattest Du doch Recht, mein lieber Nikolaos; vielleicht gibt es wirklich nur einen einzigen Gott. Falls das aber stimmt, gabt ihr ihm den falschen Namen. Er sollte Zufall heißen, sein Priester ist der Mensch, und das einzige Opfer dieses Priesters muss letztlich er selbst sein – sein armes, gespaltenes Ich.
(gleiche Quelle)
Die Einsicht, das jede:r selbst den Sinn herausfinden muss, finde ich durchaus sympathisch. Dass es mehr der Zufall ist, als eine steuernde Instanz, die unser Leben bestimmt, entspricht nicht nur verbreiteten Einsichten der Wissenschaften, sondern auch meiner Denkweise und meinen Erfahrungen. Doch ich lehne den Gedanken ab, dass irgendein denkendes und fühlendes Wesen sich am Ende alleine fühlen sollte. Alles Leben dieser Erde ist miteinander verbunden, stammt aus derselben Urzelle ab, und teilt sich die gleichen begrenztes Ressourcen. All die Wesen tun gut darin, in Harmonie und Frieden miteinander zu leben, eine Balance mit sich und ihrer Umgebung zu finden. Wir können etwas geben, an Liebe, an Frieden, an Kunst und Erkenntnissen, dass zu einem kleinen Teil weiterleben wird. Wenn uns das gelingt, gelingt uns vielleicht auch, uns am Ende nicht als “gespaltenes Ich” zu diagnostizieren.
Abseits meinem Streben nach Miteinander, dem steten Suchen meiner Mitte und meinem Frieden, mache ich mir natürlich Sorgen um die Welt, in der die Kriege zunehmen. Eine Welt, die Demokratien, Frieden und Freiheit geschaffen hat und in den Regionen, in denen es den Menschen am besten geht, nun radikale und antiliberale Strömungen Aufwind erhalten. Hat es so etwas schon mal gegeben?
Wir leben den römischen Wohlstand. Kein Bewohner Roms, sei er auch noch so arm, muss ohne eine tägliche Ration Korn auskommen; die Bewohner der Provinzen sind nicht länger der Willkür von Hungersnöten oder Naturkatastrophen ausgeliefert, da sie sich in allen Notlagen auf Hilfe verlassen können; und jeder Bürger, welcher Geburt auch immer, kann so reich werden, wie es sein Streben und die Launen der Welt ihm gestatten. Und wir leben die römische Harmonie. […] Und doch bemerke ich im Gesicht der Römer einen Blick, der Böses für die Zukunft ahnen lässt. Ehrlicher Annehmlichkeit überdrüssig sehnen sie sich nach jener Korruption zurück, die den Staat fast die Existenz kostete. Obwohl ich dem Volk zur Freiheit von Tyrannei, Macht und Herkunft verhalf, zur Freiheit, jederzeit ungestraft reden zu können, wurde mir vom Volk wie vom römischen Staat die Diktatur angeboten.
(gleiche Quelle)
Anscheinend haben die Menschen in den letzten zweitausend Jahren nicht viel dazugelernt. Das Drama der Menschheit geht weiter, und ich denke, dass es unser Anspruch sein sollte, dem etwas entgegen zu setzen.
Ich bin Patrick, lebe und arbeite als Softwareentwickler in München und beschäftige mich gerne mit Literatur, Philosophie, Politik und manchmal auch privat mit Software-Projekten. Abseits des Bildschirms bin ich gerne in der Natur unterwegs, insbesondere auf Wander- und Skitouren.