freedom is not for free 3 | Selbstkritische Betrachtungen 16

06Mar
2022

Zum zweiten Mal seit Dezember zitiere ich die Textzeile “freedom is not for free”, die sich mir im War Memorial Museum in Seoul tief eingeprägt hat. Es ist die essenzielle Erkenntnis, dass schöne Ideale und vorgelebter Frieden alleine nicht reichen, um zu überleben, jedenfalls nicht dann, wenn die Truppen des nordkoreanischen Aggressors nur wenige Kilometer nördlich stehen und den Befehl zum Einmarsch erhalten. Nun ist die Ukraine in einer Situation wie Südkorea im damals Koreakrieg. Sie ist überfallen worden von einem diktatorischen Aggressor, der ohne Rücksicht auf eigene wie fremde Verluste seinen Einflussbereich vergrößern möchte und seine Macht sichern will.

Selbstkritisch frage ich mich, ob diese Textzeile im vorletzten Blogeintrag, gemünzt auf die Freiheitseinschränkungen der Corona-Politik, nicht eine unangemessene Relativierung dieser Botschaft war. Gut, damals, Ende letzten Jahres hat diese kriegerische Eskalation, bis auf wenige Dauerkriegspropheten, niemand kommen sehen. Jetzt geht es nicht mehr um Freiheit für Künstler und Diskothekenbetreiberinnen, oder um Arbeitsbedingungen für Prostituierte oder Veranstaltungstechniker. Jetzt geht es um Krieg und Frieden. Und vielleicht war der Atomkrieg noch nie so nahe wie jetzt, zumindest in der Zeit, in der ich nun seit gut 34 Jahren auf dieser Welt lebe.

Ich habe mich die allermeiste Zeit in diesem Land sehr gut regiert gefühlt. Wir können uns glücklich schätzen, von Real-Life-Trollen wie Trump und Johnson verschont geblieben zu sein und von besonnenen und konsensorientierten Staatsfrauen und -männern wie Angela Merkel und Olaf Scholz regiert zu werden. Natürlich war es ein bisschen peinlich, wie Merkel die EU darauf trimmte, strengere Emissionsrichtlinien für Neufahrzeuge lange zu verhindern. Vielleicht war es noch ein bisschen peinlicher, Nord Stream 2 gegen den Widerstand der restlichen EU durchzudrücken und das ein Jahr nach der Annexion der Krim – und gerade jetzt weiß man es besser. Aber gut, irgendwie kann man das schon nach alles als einen Kompromiss aus einer wertegeleiteten und einer pragmatischen wirtschaftsfreundlichen Politik verkaufen. Einen Kompromiss aus EU-Interessen und egoistischen nationalen Interessen. So schade es ist, dass nationale Interessen eine so große Rolle spielen, so sehr muss man auch akzeptieren, dass es keine demokratischen Mehrheiten für einen europäischen Bundesstaat gibt.

Aber bei dem kategorischen Nein der deutschen Politik zu Waffenlieferungen an die Ukraine kurz vor Ausbruch des Konflikts habe ich mich für die deutschen Poltiker:innen geschämt. Was hat das bitte mit “Lernen aus der Geschichte” zu tun? Was haben wir daraus gelernt, wo doch die Freiheit und der Rechtsstaat nur durch den Waffeneinsatz der Alliierten wiederhergestellt werden konnte? Wer sich gegen Russland verteidigen will, wer die freie und selbstbestimmte Welt gegen eine menschenverachtende Diktatur schützen, dem wird das nur mit Waffen gelingen.

All die Relativierungen wie “Der Westen hat auch Angriffskriege geführt” oder “Die NATO ist schon weit an Putin herangerückt” verkennen den fundamentalen Unterschied, dass die Staatsführer:innen des Westens demokratisch legitimiert sind und das Selbstbestimmungsrecht der Völker ausüben. Dass auch manche demokratisch legitimierte Entscheidungen im Lichte späterer Erkenntnisse sich als vollkommene Fehlentscheidungen erweisen, das ist in meinen Augen eine Selbstverständlichkeit. Aber die Demokratie hat die Möglichkeit zur Selbstkorrektur, hat Institutionen wie Gerichte, die Entscheidungen der Exekutive kassieren und kann vor allem Kompromisse zwischen unterschiedlichen Interessen finden, die Gegensätze vereinen.

Wer jetzt was tun will, kann jetzt an das ukrainische Militär spenden. Natürlich kann man auch ein blau-gelbes Fähnchen in sein Facebook-Hintergundbild malen, aber das wird Putin sicherlich erheblich weniger beeindrucken als ein paar Stinger-Raketen mehr, die dann seine Flugzeuge bedrohen. Der Pazifismus ist aus meiner Sicht ideologisch am Ende in einer Welt, in der Freiheit nur mit Waffen verteidigt werden kann.

Natürlich frage ich mich, ob ich das nicht alles anders sehen würde, wäre ich bspw. im Umfeld von Putins Oligarchen sozialisiert worden. Wahrscheinlich. Aber was ist unsere ganze Sozialisation im Frieden und in der Freiheit, in einem demokratischen Rechtsstaat, in einer bunten und diversen Welt, eigentlich noch Wert, wenn man einen Krieg nur mit einer Ukraine-Flagge neben der Regenbogen-Fahne und einer nett gemeinten Friedensbotschaft bekämpfen will?

Den Weg zur Freiheit gibt es nicht umsonst. Und er führt über viele verschlungene Umwege. Hoffentlich ist der Pazifismus nur einer dieser Umwege und nicht das Ende der Freiheit.

Selbstkritische Betrachtungen 15 | Faszinierende Literatur 7

30Jan
2022

Unlängst habe ich Dostojewskis “Aufzeichnungen aus dem Kellerloch” gelesen, ein großer Ausbund an Misanthropie, absurder Komik, aber auch voller kluger Bemerkungen eines karrieretechnisch und sozial gescheiterten Intellektuellen, der aus seiner Kellerwohnung die Welt und die Menschen studiert. Gleich zu Beginn lässt er seiner Abneigung über die “charakterfesten Tatmenschen” freien Lauf:

Jetzt friste ich die Tage in meinem Winkel, indem ich mich selbst mit dem böswilligen und zugleich sinnlosen Trost aufstachle, daß ein kluger Mensch ernsthaft überhaupt nie etwas werden kann und nur ein Dummkopf etwas wird. Ja, der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts muß, er ist dazu sogar moralisch verpflichtet, ein im großen und ganzen charakterloses Wesen sein; dagegen ist ein charakterfester Mensch, ein Tatmensch – ein im großen und ganzen beschränktes Wesen.

So paradox diese Aussage klingen mag, mich hat sie zum Nachdenken über den Sinn und Unsinn unseren Handelns gebracht. Je intellektuell anspruchsvoller unserer Denken und Arbeiten ist, um so spezialisierter, um so kleinteiliger ist es. Ist es gut und richtig, ein kleines Zahnrad zu entwickeln, eine Zeile Programmcode zu schreiben, die vielleicht der harmlosen Unterhaltung dient oder die, in der Gesamtwirkung betrachtet, die Ungleichheit auf der Welt erhöht? Dreht sich das kleine Zahnrad vielleicht in einer Kampfdrohne – und wenn ja, kämpft diese dann auf der richtigen Seite der Geschichte? Ist wissenschaftlicher und technischer Fortschritt grundsätzlich gut, oder hat dieser erst recht zur Klimakrise und Ressourcenknappheit beitragen?

Wäre es besser, lieber nichts an Taten zu vollbringen, die den Lauf der Welt tatsächlich verändern? Sollten wir nicht einfach bei einem guten Glas Wein das Leben genießen und uns an unserer Faulheit erfreuen? Für Dostojewski ein verlockender Gedanke:

»Ein Faulpelz!« – aber das ist doch Titel und Bestimmung, das ist doch eine Karriere, meine Herrschaften. Scherz beiseite, so ist es! Dann bin ich rechtmäßiges Mitglied eines renommierten Vereins und achte mich unablässig. Ich kannte einen Herrn, der sein Leben lang stolz darauf war, sich auf Lafitte-Weine zu verstehen. Er hielt das für einen ausgesprochenen Vorzug und zweifelte nie an sich selbst. Er starb nicht nur mit ruhigem, sondern mit einem triumphierenden Gewissen und war damit vollkommen im Recht. Denn hätte auch ich Karriere gemacht, ich wäre ein Faulpelz und Vielfraß geworden, doch beileibe kein gewöhnlicher, sondern einer mit Sinn für das Schöne und Erhabene.

Eine faszinierende Passage. Da haben Dichter und Denkerinnen schon tausende Seiten über die Jahrhunderte hinweg über das Erhabene philosophiert und dann erklärt der Kommentator aus dem Kellerloch mal nebenbei den Weinsommelier für einen Menschen mit Sinn für das Erhabene – weil er ein Faulpelz und kein Tatmensch ist. So absurd das klingen mag, ich kann mir jenen Menschen vorstellen, der am Ende seines Lebens sich des Umstands erfreut, niemals zu wenig Genuss im Leben verspürt zu haben, und der sich niemals zweifelnd fragen wird, ob er sich vielleicht für die falsche Seite der Geschichte eingesetzt hat. Und doch kann ich mir unmöglich vorstellen, dieser Mensch zu sein.

Äußerst spannend finde ich auch Dostojewskis Ansichten zum freien Willen:

Und das alles aus einem absolut unwesentlichen Grunde, den zu erwähnen überhaupt nicht lohnt: nämlich deshalb, weil der Mensch immer und überall, wer er auch sei, stets so zu handeln vorzieht, wie er will, und durchaus nicht so, wie ihm Vernunft und Vorteil diktieren; wollen aber kann man auch gegen den eigenen Vorteil, zuweilen ist es unbedingt notwendig (das ist nun meine Idee). Sein eigenes uneingeschränktes und freies Wollen, seine eigene, selbst die allerausgefallenste Laune, seine Phantasie, die zuweilen bis zur Verrücktheit verschroben sein mag – das, gerade das ist ja jener übersehene allervorteilhafteste Vorteil, der sich nicht klassifizieren läßt und durch den alle Systeme und Theorien fortwährend zum Teufel gehen.

Dass der freie Wille sich eben dadurch auszeichnet, dass der Mensch kein spieltheoretischer perfect reasoner ist, empfinde ich als faszinierende Idee. Das psychologisch noch gut erklärbare Ultimatumspiel, aber vielleicht auch der politische Siegeszug der Populisten, die von Leuten gewählt werden, die ganz offensichtlich Nachteile von der Regentschaft von bspw. Trump oder Johnson haben: Lässt sich all das dadurch erklären, dass es ein innerstes Bedürfnis einer Person ist, so zu handeln, wie sie es selbst will und nicht, wie es “Vernunft und Vorteil” (oder die Wissenschaft) gebietet? Eine kindliche Trotzreaktion, die den Menschen zum Menschen macht, aber “Systeme und Theorien” scheitern lässt? Ist es die Unvernunft, die den Menschen erst zum Menschen macht und das Leben damit spannend und unberechenbar macht?

Zweifelnd blickt Dostojewski auch auf das “Lebendige”, das er im Individuum sucht und dort nicht finden kann:

Wir wissen ja nicht einmal, wo jetzt das Lebendige lebt, was es ist, wie es heißt! Laßt uns allein, ohne Buch, und wir werden sofort irre, unschlüssig – wissen nicht wohin, an was uns halten, was lieben und was hassen, was achten und was verachten! Es ist uns ja sogar lästig, Mensch zu sein – ein Mensch mit wirklichem eigenen Fleisch und Blut; wir schämen uns dessen, halten es für eine Schmach und trachten lieber danach, irgendwelche phänomenale Allgemeinmenschen zu sein.

Wer auch immer nach erhabenen oder vielleicht auch “phänomenalen” Menschen sucht, der sucht nach Individuen, die aus sich heraus strahlen, und die für sich selbst stehen. Aber was ist das Werk einer Künstlerin ohne die Tausenden von Künstlern vor ihr, von denen sie sich hat inspirieren lassen? Wie lassen sich die Leistungen eines Wissenschaftlers noch würdigen (das wird bei den Nobelpreisen derzeit auch intensiv diskutiert), wenn diese auf hunderten Arbeiten anderer Wissenschaftlerinnen unmittelbar aufbauen? Was wäre dieser Blog ohne die ganzen Zitate aus der Literatur und aus der Tagespresse? Schlaue Ideen und Gedanken eines Individuums existieren nur innerhalb eines sozialen Umfelds, in dem wir diese Ideen teilen und kreativ werden durch das ständige Rekombinieren von Ideen und Gedanken. Wenn allerdings kreatives Erschaffen zu 99% aus Transpiration und 1% Inspiration besteht, wie Thomas Alva Edison einst sagte, ist die Kreativität dann etwas, was den Tatmenschen vorbehalten bleibt, würde man Dostojewski fragen? Spannende Fragen.

Wenig faszinierende Strategien 26 | Freedom is not for free 2

24Dec
2021

Freiheit ist ein großes Wort, vielleicht eines der größten Wörter, die es gibt. Die Phrase “Freedom is not for free” hat sich mir tief eingeprägt im War Memorial Museum in Seoul, Südkorea, als die aus dem Koreakrieg gewonnene Erkenntnis, dass man (manchmal auch mit Waffengewalt) für seine Freiheit kämpfen muss; jedenfalls dann, wenn der kommunistische Norden versucht, einen zu überfallen. Dass im Wettstreit dieser beiden Systeme nur eines davon gewisse Grundfreiheiten für das Individuum garantieren kann, was politische Meinungen, wirtschaftliches Erfolgsstreben oder die persönliche Lebensentfaltung angeht. Dass es diese Freiheit nicht umsonst gibt.

Freiheit ist ein strapazierter Begriff in den westlichen Gesellschaften, die so frei sind an Regeln und Vorschriften, wie wahrscheinlich nie ein Individuum auf einem zivilisierten Siedlungsgebiet in der Geschichte je war. Freiheit hat zu Auswüchsen geführt, die vielen kritischen Beobachter:innen im links-grünen Milieu zuwider sind. Da ist der Raubbau an natürlichen Ressourcen, die Verschmutzung unserer Umwelt, aber auch die Tatsache, dass die Freiheit des obersten Drittels (oder Fünftels? Zehntels?) von der Unfreiheit des untersten Drittels erkauft wird. Die Gutverdienenden können sich frei davon machen, Einkäufe zu schleppen, zu kochen oder Reparaturarbeiten im Haus auszuführen, das unterste Drittel wird per App mit Paketen und Essen zu den Kunden beordert, per Armband getrackt, oder auch mal in einen Wirbelsturm geschickt –  unter der ständigen Drohung des Jobverlusts. Die Gleichung, dass der Kapitalismus allen die Freiheit für alle gebracht hat, war ein frommer Wunsch (auch von mir, vor langer Zeit), aber sie ist nicht aufgegangen.

Seit Corona hat der Begriff “Freiheit” noch einmal eine ganz andere Dimension bekommen. Da wäre zuallererst die Freiheit, nicht mit dem Virus so leicht in Kontakt kommen zu müssen, weil man (wie ich) seit fast zwei Jahren die allermeiste Zeit im Home Office arbeitet, weil man die Möglichkeit zum Individualverkehr besitzt, und sich weder in Büros noch in öffentlichen Verkehrsmitteln aufhalten muss. Aber natürlich geht es auch um unsere Freiheiten, uns in sozialen Gruppen treffen zu dürfen, Sporteinrichtungen zu besuchen oder einfach nur Party zu machen. Die Äußerung von Jens Spahn “Es gibt kein Grundrecht auf Party” hat Constantin van Lijnden im (hörenswerten!) FAZ-Einspruch-Podcast so schön gekontert mit “Natürlich gibt es das und das nennt sich allgemeine Handlungsfreiheit!” und auch noch einen längeren Kommentar zum Thema geschrieben. Leider sind die Zeiten vorbei, in denen die Aussage richtig war, dass Geimpfte und Genese tun und lassen können was sie wollen, ohne zum Pandemieverlauf beizutragen. Ob die Maßnahmen, so wie sie jetzt sind, angemessen sind oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich mag mich nicht einreihen in die Millionen von Hobby-Virolog:innen, die gleich den Hobby-Fußballbundestrainern zu WM-Zeiten, von der heimischen Couch aus alles besser zu wissen glauben. Nur so viel: Politik muss erklärbar bleiben. Wenn es so weit kommt, dass in einem Land wie der Schweiz die Intensivplätze voll sind und bereits der Schweizer Wirtschaftsverband für stärkere Corona-Maßnahmen wirbt, stelle ich die Erklärbarkeit in Frage.

Ob man nun für mehr oder weniger einschneidende Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung ist – solange man damit Grundrechte und Grundfreiheiten einschränkt (was, wenn auch in geringerem Maße, sogar in Schweden und der Schweiz passiert), muss man diese Einschränkungen auch erklären. Eine Verklärung unserer Handlungsfreiheit zum vernunftgeleiteten, verantwortungsbewussten Bürger, der es als seine Freiheit sieht, sich vom Gemeinwesen seine Freiheit abnehmen zu lassen, ist eine wenig faszinierende Strategie. Jan Ross schreibt in einem wunderbaren Kommentar in der Zeit dazu:

Worte müssen einen klaren Sinn haben: Freiheit ist Freiheit. Sie ist genau das, was der angeblich anachronistische Freiheitsbegriff des Altliberalismus sagt: das Fehlen von Beschränkung und Bevormundung, die Möglichkeit, nach eigenen Vorlieben, Einsichten und Entscheidungen zu handeln. Der Anspruch, stattdessen einen anderen, umfassenderen, besseren Freiheitsbegriff zu besitzen, ist Schummelei und Etikettenschwindel.

Es mag in Ordnung sein, keine Veranstaltungen mit mehr als 50 Leuten, oder auch keine persönlichen Treffen mit mehr als zehn Leuten, vielleicht auch keine Treffen von mehr als zwei Haushalten (alles darunter halte ich persönlich für einen psychosozialen Irrsinn) zu erlauben – je nach Pandemielage, je nach politischer Ausrichtung der Regierungsparteien. Aber es gehört für mich dazu, zu sagen: Wir werden nun in unserer Freiheit eingeschränkt, und dies geschieht, weil hier Grundrechte gegeneinander abgewogen wird. Das Recht auf Party der einen wird gegen das Recht auf die Unverletzlichkeit der Person des anderen abgewogen, der bei einem Schlaganfall oder Herzinfarkt ein freies Intensivbett samt geschultem Pflegepersonal vorfinden möchte. Eine solche Abwägung, eine solch klare Benennung der Rechtsgüter macht für mich die Erklärbarkeit der Politik aus. Und sie steht für einen Freiheitsbegriff, der dem Namen gerecht wird und nicht die “Freiheit zur Unfreiheit” einschließen darf. So wie ein Toleranzbegriff eben nicht die Toleranz vor den Intoleranten inkludiert.

Was die Freiheit des Intensivbetts samt dem geschulten Personal angeht: Viel ist geschrieben worden über die schlechten Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte, wenige haben es so gut auf den Punkt gebracht wie Janko Tietz in seiner Kolumne auf Spiegel online:

Nach allem, was man hört, wird [die Regierung] Folgendes verkünden: »Die Bundesregierung sagt am heutigen Tag, dass wir nicht zulassen werden, dass die Coronakrise zu einer Krise des gesamten Gesundheitssystems wird. Wir sagen den Beschäftigten des Gesundheitssektors zu, dass wir alles Geld in die Hand nehmen, um die Belastungen zu lindern. […].« Haha, schön wär’s, Sie merken schon, das wird nie passieren.

Ganz ähnliche Worte sind in der Bankenkrise 2008 tatsächlich gefallen. Whatever it takes, die Einlagen sind sicher. Natürlich gab es gute Gründe, das Bankensystem zu retten, aber es hätte auch gute Gründe gegeben, die massenhafte Abwanderung der Pflegekräfte in andere Berufe zu stoppen. Geld in die Hand zu nehmen. Aber die Mitarbeiter:innen in den Bankentürmen gehören eben zum obersten Zehntel, die Pflegekräfte zum unteren Drittel. Nicht alle werden im politischen Berlin gleichermaßen berücksichtigt. Zumindest Karl Lauterbach, der Gesundheitsminister, der durch Social Media in sein Amt gewählt wurde, wie Micky Beisenherz zuletzt in seinem Podcast spekulierte, drückt nun seine Wertschätzung in seiner Weihnachtsansprache an die Pflegekräfte aus. Was auch immer man von ihm politisch hält, ich nehme ihm das voll und ganz ab. Frohe Weihnachten!

Ende und Neuanfang 8 | Das Drama der Menschheit 14

19Oct
2021

Der Sommer neigt sich dem Ende entgegen, das Herbstlaub wird goldfarben und ich bin in der leicht sentimentalen Stimmung, in der Zeit ein wenig zurückblicken zu wollen. Das Ende und der Neuanfang bezieht sich dabei nicht etwa auf das Weltgeschehen oder gar ein konkretes Ereignis (wie die Wahl zum deutschen Bundestag), sondern ausnahmsweise mal ganz persönlich auf mein Leben. Eine ziemlich exakt fünf Jahre währende Epoche ist vor kurzem zu Ende gegangen – mein erster richtiger Job (wenn man das Doktorandendasein zuvor mal außen vor lässt) ist passé. Ich blicke zurück auf meine ersten wirklich großen C++ Projekte mit mehreren hunderttausend Codezeilen, das erste Mal ernsthaftes Arbeiten unter Linux und eine kollaborative Arbeit in einem agilen Team, die mal mehr oder weniger gut funktioniert hat. Auf jeden Fall habe ich unglaublich viel lernen dürfen, was sehr schön war. Hach, habe ich vor dem Arbeiten unter Linux die Visual Studio Entwicklungsumgebung von Microsoft (zuerst mit Visual Basic, dann mit Visual C++) einst geliebt. Und heute frage ich mich, warum diese Firma aus Redmond immer noch so viel verkauft. Wer arbeitet wirklich gerne mit Outlook und Office, wo es doch an freier Software so viele bessere Alternativen für Dokumente und Mails gibt? Wie auch immer, ich habe nun im neuen Job wieder einen Arbeitslaptop mit Windows und komme auch damit klar.

Schlagen wir den Bogen von quasireligiösen Linux vs. Windows Streitfragen zu ernsthafteren Themen: Ich recherchierte im Arbeitskontext zur richtigen Verwendung von Threads im Qt-Framework, stoße auf diesen erhellenden Blogbeitrag von einer Maya Posch und lese wenige Klicks weiter einen Ausschnitt aus ihrer Biographie der einen bestürzt zurücklässt: Intersexualität ist eben kein Thema, dass es nur in dämlichen Toilettenwitzen einer Interimsparteivorsitzenden einer sogenannten Volkspartei gibt, sondern das auch dramatische Biographien auslöst: Der Weg von Thijs Posch zu Maja Posch ging über dutzende Klinikbesuche, einen Suizidversuch und einen Ortswechsel von den Niederlanden nach Deutschland, weil D – man höre und staune – in den frühen 10er Jahren in den Fragen der Anerkennung Intersexueller tatsächlich weiter war als NL.

Gut, der vorangehende Abschnitt hat nichts mit mir zu tun. Aber diese Geschichte passt leider viel zu gut zum Drama der Menschheit. Binarität mag gut und praktisch sein für die Programmierung von Maschinen, aber in den Geschlechterfragen sein Weltbild auf zwei unveränderliche Geschlechter festzulegen, ist eine ziemlich bornierte Beschränkung. Immerhin bin ich mit solchen Fragen zumindest indirekt früh in Berührung gekommen als jemand, der in seiner Jugend zeitweise gerne die sehr düstere Musik von Anna-Varney (in ihrem Projekt Sopor Aeternus) gehört hat, die ihre Intersexualität in Liedern wie “Drama der Geschlechtslosigkeit” thematisiert. Ich höre heute solche Musik nur noch selten. Die großartige Melancholie in dieser Kunst spricht mich mittlerweile kaum mehr an. Zuviel Optimismus, Grundzufriedenheit und vielleicht auch einfach stabile Verhältnisse sind in mein Leben eingekehrt, als das ich mich noch in solchen Stimmungswelten wiederfinde.

Mein Optimismus erstreckt sich auch darauf, dass nach einem “normalen” Post-Corona-Sommer nun auch ein relativ normaler Post-Corona-Winter folgt. Dabei will ich mich über den letzten Winter gar nicht beschweren, ich war so viel in den Bergen wie nie zuvor, auch Tages-Skitouren waren jederzeit möglich. Dennoch werden die bayerischen Alpen auf Dauer ein wenig eintönig und ich hoffe dementsprechend, auch die schweizerischen und österreichischen Berge auf Tourenskiern erkunden zu können, wenn sie bald in malerisches Weiß gekleidet sein werden. In der ewigen Alpinistenfrage “Sind die Berge im Sommer oder im Winter schöner?” votiere ich für letzteres und freue mich gleichermaßen über die letzten Sommertouren, bei denen man nun schon die Schneefallgrenze kratzt (auf der Zugspitze bereits im September), wie über den Beginn der Wintersaison. Auf den Neuanfang!

Faszinierende Literatur 6 | Wenig faszinierende Erkenntnisse 22

09Sep
2021

Unlängst habe ich das zur Weltliteratur zählende Werk “Rot und Schwarz” von Stendhal gelesen (mangels Kenntnis der französischen Sprache auf Deutsch). Es ist eine wunderbare Reise durch die Welt der höfischen und klerikalen Heuchelei. Der Begriff der Liebe spielt eine ganz zentrale Rolle und doch behaupte ich, dass wahre Liebe an keiner Stelle vorkommt. Stattdessen lesen wir von einem Begriff der Liebe, der Stolz und Eitelkeit bedient sowie von einer Liebe, die zu Karrierezwecken nützlich erscheint. Heute würde man dies wohl als “hochschlafen” abqualifizieren, jedoch durch einen männlichen Protagonisten (Julian), der sich Macht und Einfluss sichern will, in dem er sich jeweils an die am höchsten stehende Dame des Hauses heranmacht. Welch emanzipatorischer Akt, könnte man retrospektiv sagen.

Himmelweit entfernt von der Ungebundenheit des Naturmenschen, gehörte Julian bereits zu den Sklaven der Überkultur, denen die Liebe nichts ist als eine langweilige, konventionelle Sache. Eitel und kleinlich sagte er sich: »Ich bin es mir unbedingt schuldig, bei dieser Frau zum Ziele zu kommen. Sollte ich je berühmt werden, und es würfe mir jemand diesen armseligen Hauslehrerposten vor, so kann ich andeuten, die Liebe hätte mich in diese Stellung geführt.«

Er kommt, zumindest zwischenzeitlich, zum Ziel bei seiner Arbeitgeberin und strebt doch nach “Höherem”. Nach was genau, kann man schwer sagen, aber man kann es sich wohl so ähnlich wie bei einem modernen Karrieristen vorstellen, der immer auf dem Weg zur nächsten Beförderungsstufe ist. Nur seine Mittel sind andere: “Liebe” in Form eines psychologischen Schachspiels, dass diejenige (oder derjenige) verliert, die zuerst ihre Zuneigung zeigt. Von wahrer und langfristiger Liebe scheint Stendhal ohnehin wenig zu halten:

Die moderne Ehe hat sonderbare Begleiterscheinungen. Ist vor der Heirat Liebe vorhanden, so stirbt sie sicher in der Langweile des ehelichen Beieinanders. Zumal bei Eheleuten, die reich genug sind, um nicht arbeiten zu müssen, stellt sich gründlicher Widerwille gegen das geruhsame Eheglück ein. Und nur die phantasielosen Frauen gehen an Liebschaften und Liebeleien vorbei, anstatt sich kopfüber in sie zu stürzen.

Moderner und etwas positiver interpretiert könnte man im Lob der “Liebelei” schon fast so etwas wie eine positive Perspektive hin zur Beziehungsanarchie sehen. Ein Konzept, dass allerdings in den strengen Sitten des beginnenden 19. Jahrhunderts dann doch noch nicht als plausibles Szenario denkbar war. Stattdessen scheint Eifersucht bei Stendhal die einzig wahre Triebfeder der (aus meiner Sicht) unwahren Liebe zu sein.

Auch soziologisch gesehen, enthält das Werk die ein oder andere wenig faszinierende Erkenntnis. Hochaktuell fand ich die Feststellung:

Urbanität ist nichts als die überlegene Unfähigkeit, sich über die schlechten Manieren andrer zu ärgern.

Auch wenn sich die “Urbanität” hier auf das Leben der adeligen Gesellschaftsschicht in Paris vor etwa 200 Jahren bezieht, so könnte man sicherlich eine eben solche Kritik an den Hipstermilieus der modernen Großstädte formulieren, wobei die “schlechten Manieren” dann eher die landläufig-traditionellen Wertevorstellungen sind, die von einer liberalen Elite abgelehnt werden. Bei Stendhal wird mit diesem Satz die ganze Heuchelei der “guten Gesellschaft” wunderbar pointiert zusammengefasst. Etwas ausführlicher erkennt der Protagonist am Ende seiner Reise:

»Ich habe mich durch den Schein narren lassen«, sagte er sich. »Sonst hätte ich erkennen müssen, daß es in der sogenannten guten Gesellschaft von Biedermännern vom Genre meines Vaters und von gerissenen Halunken vom Schlage der beiden Zuchthäusler wimmelt. Je mehr sie zu essen und zu trinken haben, um so mehr protzen sie mit ihrer anständigen Gesinnung und ihrer Ehrlichkeit. Und wenn sie Geschworene sind, so verurteilen sie von oben herab einen armen Schlucker, der einen silbernen Löffel genommen hat, um nicht zu verhungern. Gilt es aber, ein Ministerportefeuille zu verlieren oder zu gewinnen, dann fallen diese Ehrenmänner des Salons in genau die nämlichen Verbrechen wie jene Zuchthäusler. Es gibt kein natürliches Recht. Das ist veralteter Blödsinn, albernes Gerede von Staatsanwälten, deren Vorfahren selber Gauner waren. Es gibt nur ein Recht: die Macht, die diese oder jene Handlung unter Strafandrohung verbietet. […]«

Natürlich teile ich diese vollständige Absage an den Rechtspositivismus nicht. Dennoch muss man sich fragen, wie viel weiter wir 200 Jahre wirklich sind, wenn nach wie vor deutlich mehr People of Color in Amerikas Gefängnissen sitzen als Weiße oder noch keiner der Protagonisten des Cum-Ex-Betrugs in Deutschland verurteilt wurde.