Wenig faszinierende Strategien 32 | Faszinierende Erkenntnisse 4

17Nov
2025

Nachdem ich im Sommer das Buch “Stealing Fire” empfohlen habe, möchte ich nun ein weiteres Sachbuch vorstellen, welches mich sehr bewegt und inspiriert hat. Der Psychotherapeut Francis Weller hat mit “The Wild Edge of Sorrow: The Sacred Work of Grief” sehr schön herausgearbeitet, wie wichtig es ist, Trauer zuzulassen, Verluste zu verarbeiten, sich dabei in Gemeinschaften gegenseitig zu halten und Trost zu spenden.

In der westlichen kapitalistischen Welt ist eine Kultur entstanden, in der wir uns sehr viel vergleichen und bewerten – ein Trend der durch Social Media natürlich noch erheblich verstärkt wurde. Ein authentisches und ehrliches Sharing unserer Gefühle, unserer Sorgen und Hoffnungen ist im zwischenmenschlichen Austausch selten eingeladen. Trauer und Verluste, die wir unvermeidlich erleben werden, brauchen Zeit und Raum, verarbeitet zu werden. Wir brauchen eine Gemeinschaft, in der wir mit unseren Sorgen ernst genommen und gehalten werden. Sehr faszinierend fand ich in diesem Zusammenhang die Erkenntnis, die Francis Weller bei der Beobachtung der abendlichen Sharing-Zirkeln in einem westafrikanischen Dorf erlangt:

This feeling of belonging is rooted in the village and, at times, in extended families. It was in this setting that we emerged as a species. It was in this setting that what we require to become fully human was established.
[…]
I remember vividly my experience in Malidoma Somé’s village of Dano in Burkina Faso in West Africa. I felt pangs of envy when, every night near dusk, people would gather in the common area and share their day. (This is when we have happy hour in our culture. Drinks at half-price! Perhaps this is how we anesthetize our loss.)

Ich empfinde es als eine wenig faszinierende Strategie, unseren Verlust mit alkoholischen Getränken zu anästhesieren. Die kurzfristige Betäubung, vielleicht sogar das kurzfristige Glücksgefühl, dass wir dadurch erhalten, wird nicht von Dauer sein und schon gar keine nachhaltigen Erkenntnisse liefern.

Ich empfinde es als ein großes Glück, mich immer wieder in Räumen zu bewegen, in denen ein ehrliches Sharing eingeladen ist und ich mich gehalten fühle. Ich würde mir sehr wünschen, dass es mehr davon in unserer Welt gibt. Ich würde mir wünschen, dass Fragen nach dem Befinden (“Wie geht’s?”) nicht zu der im englischen Sprachraum üblichen Begrüßungsformel degradieren (“Great! How are you?”), sondern dass eine Antwort wie “Ambivalent.” vollkommen akzeptiert ist und auch potentiell einen Raum für ein ehrliches Sharing öffnet (“Magst du etwas teilen?”), sofern Zeit und emotionale Kapazität dafür da ist. Und ich glaube, dass für den Austausch über Trauer, Sorgen und Verlust deutlich mehr Raum sein sollte.

Wenig faszinierende Strategien 31 | freedom is not for free 5

08Oct
2025

Dieser Blog sollte nie im engeren Sinne politisch werden und insofern bleibt es hoffentlich eine Ausnahme, dass ich hier für eine konkrete politische Kampagne Werbung mache. Die Pläne des europäischen Rates zur “Chatkontrolle”, also ein Gesetz, die Messengerdienste dazu zu verpflichten, Hintertüren in die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der Kommunikation einzubauen, finde ich jedenfalls derart wenig faszinierend, dass hier auf auf die Kampagne “Chatkontrolle stoppen” verweisen möchte.

Die Chefin der Signal-Stiftung (Signal ist einer der wenigen Messenger, hinter dem eine gemeinnützige Stiftung steht) droht mit dem Rückzug aus Europa. Meta, Apple & co würden sich wahrscheinlich dem Druck beugen, in Amerika unter Trump sieht man derzeit, wie sehr die Konzerne bereit sind, sich mit der Politik zu arrangieren. Wer auch immer einwenden mag, dass ein Volk eben eine andere Regierung wählen könnte, der möge sich vor Augen führen, dass das demokratisch deutlich direkter legitimierte europäische Parlament mit breiter Mehrheit gegen die Chatkontrolle ist. Der europäische Rat (die Regierungsvertreter der Mitgliedsstaaten) haben wenig überraschend ein Interesse daran, exekutive Befugnisse auszuweiten.

Ich bin ein großer Freund der Idee der europäischen Union, weil sie für mich die derzeit wirkmächtigste Vertreterin westlicher freiheitlicher Werte ist. Aber trotzdem beruht ihre Konstruktion auf historisch gewachsenen Kompromissen. Wenn diese Kompromisse dazu führen, dass Entwicklungen völlig falsch laufen, dann muss es dagegen zivilgesellschaftlichen Widerstand geben. Sich für Freiheit einzusetzen wird manchmal ein wenig kosten. Vielleicht können schon ein paar Euro an Betreiber von Messengern, die nicht zu Konzernen gehören, an progressive politische Kampagnen oder auch an progressive Parteien etwas daran ändern.

Wenig faszinierende Strategien 30 | Ende und Neuanfang 9

03Oct
2025

Die Strategie unserer derzeitigen Gesellschaft mit Drogen umzugehen ist wenig faszinierend. Auf dem derzeit stattfindenden Oktoberfest wird der exzessive Konsum von Alkohol geradezu zelebriert (wobei man auch alkoholfreie Maß Bier bestellen kann und dort eine gute Zeit haben kann, wie ich kürzlich ausprobierte). Deutschland ist im weltweiten Vergleich eines der Länder, in dem der Alkohol am günstigsten zu erwerben ist, obwohl eine Verteuerung nachweislich am meisten bringen würde, um junge Leute vom Alkoholkonsum und dessen gesundheitlichen Gefahren abzuhalten.

Sehr spannend fand ich in diesem Zusammenhang, was der Notfallmediziner Gernot Rücker, der regelmäßig auf der Fusion in Berlin im Einsatz ist, zum Thema Alkohol und Drogen schreibt:

Alkohol löst keine Probleme. Da ist es fast cleverer, einen Joint zu rauchen, weil der Kater nicht so heftig ist.
[…]
Alkohol schlägt auf das Frontalhirn, den Geschäftsführer des Hirns. Das heißt, man kommt auf dumme Ideen. Das ist in einem emotionalen Ausnahmezustand wie Liebeskummer ausgesprochen kontraproduktiv.
[…]
Ein Muss ist aus meiner Sicht die Freigabe von LSD. Für die Therapie bei schwersten behandlungsresistenten Depressionen und als Freizeitdroge ist es absolut geeignet. Es ist risikoarm, wenn man damit umzugehen weiß und ein erfahrener Tripsitter einen begleitet.

https://www.zeit.de/campus/2025/04/die-alkoholdiktatur-wird-fallen

Sehr empfehlen kann ich in diesem Kontext auch das Buch Stealing Fire, in dem das gigantische Potential erörtert wird, wir uns durch besondere Bewusstseinszustände weiterentwickeln können. Wie man seine Mitte finden und seine geistigen Fähigkeiten weiterentwickeln kann, in dem man sich nicht mit Drogen wie Alkohol oder exzessiven Social-Media-Konsum sediert, sondern nach Introspektion durch besondere Bewusstseinszustände sucht. Sei es durch Meditation, besondere Atemtechniken oder den bewussten Umgang mit Substanzen.

Whether we’re examining psychedelics like LSD or empathogens like MDMA, mind-altering drugs are more popular than at any other time in history. Thirty-two million Americans use psychedelics on a regular basis (that’s nearly one in ten) and report considered reasons for doing so. According to a 2013 study published in a journal of the National Institutes of Health, the most common motivations are to “enhance mystical experiences, introspection and curiosity.” Transcendence, not decadence, appears to be driving use forward.

aus: Stealing Fire, Kapitel 8

In der Tendenz ist das Buch keine Werbung für Substanzen, diese werden nur als eine von vielen Möglichkeiten aufgeführt, intensive Selbsterfahrungen zu machen. Es gibt viele Möglichkeiten im Bereich von Yoga, Meditation oder Atemtechniken, die vielleicht den längeren, aber vielleicht auch nachhaltigeren, Weg zur Erkenntnis bedeuten. Substanzen werden eher als die Abkürzung beschrieben, mit der sich bestimmte Zustände erreichen lassen. Klar ist, dass die aktuelle Studienlage sehr klar zeigt, dass die Psychedelika und Empathogene erheblich weniger gefährlich sind, was Toxizität und Abhängigkeitspotential angeht, als Alkohol.

Vielleicht ist der Traum der Hippies aus den 70ern, dass eine andere Gesellschaft möglich ist, mit weniger Aggressivität und mehr Miteinander, Empathie und Liebe, doch nicht ganz ausgeträumt. Ein Neuanfang für den Umgang mit bewusstseinsverändernden Techniken und Substanzen könnte auch ein Neuanfang für unser soziales Miteinander sein.

Wachstumsräume 1 | Faszinierende Erkenntnisse 3

04Jun
2025

Schon über ein halbes Jahr ist seit dem letzten Eintrag nun vergangen. Dabei passiert so viel in meinem Leben. Der Großteil meiner Energie, die ich dazu verwende, meine Erlebnisse, mein Empfinden, meine Gedanken in Worte zu fassen, bündelt sich jetzt seit April letzten Jahres in einem privaten Tagebuch. Zu persönliche Geschichten, als dass sie in diesem Blog veröffentlicht werden könnten, gleichzeitig ein grandioses Werkzeug, meine Gedanken zu strukturieren, Schlüsse aus dem zu ziehen, woher ich kam und wohin ich hin will. Zu lernen, aus all dem, was passiert ist. Verbindungen haben sich gelöst, wurden neu geknüpft, auf neue Art verwoben, wurden etwas ganz Wunderbares. Ich habe Gemeinschaften gesehen, von denen ich unglaublich viel lernen konnte, darf geradezu demütig bewundern, welche integrativen Fähigkeiten, welchen Einsatz für die Gemeinschaft so liebe Menschen um mich herum an den Tag legen. Ich habe neue Energie geschöpft für neue berufliche Herausforderungen, denen ich voller Erwartung und gespannter Vorfreude gegen Ende des Sommers entgegen gehen werden. Ich habe mich in Wachstumsräumen bewegt, um darin zu lernen, um zu verstehen, um Nähe und sichere Häfen zu erleben. Ich habe verstanden, dass ich die größte Zeit meines Lebens viel an formalen Inhalten, wie beispielsweise an Mathematik und Software-Entwicklung gelernt habe, und sehr wenig über Menschen, Gemeinschaften, wir darin fühlen und uns verbinden. Über solche Dinge etwas zu lernen, stimmt mich glücklich, und lässt mich deutlich mehr im Einklang fühlen in der Welt der menschlichen Interaktionen, die mir früher oft feindlich und befremdlich erschien.

Es sind im letzten halben Jahr keine längeren Texte entstanden, die zur Veröffentlichung bestimmt sind, und doch auf dieser Seite ist ein wenig Neues hinzugekommen. Ich habe mir eine neue kleine Herausforderungen in einem privaten Hardware-Bastelprojekt gesucht, welches auf dieser Seite dokumentiert ist. Nach vielen Jahren Pause habe ich mich auch entschlossen, die Photo-Seite wieder mit neuen Inhalten zu befüllen, vorerst mit einigen Bildern von Skitouren und Wanderungen in der beeindruckenden kanarischen Natur. Ich habe viel gelesen. Besonders hervorheben möchte ich “Stealing Fire”, trotz des etwas “amerikanischen Stils” (kurze Kapitel, viel Fokus auf spektakuläre Ergebnisse) sind die Erkenntnisse darüber, wie wir unsere mentalen Fähigkeiten und unser Bewusstsein auf ein höheres Level bringen können atemberaubend und durchgehend nahe an der wissenschaftlichen Forschung. Ich bin statistisch gesehen kurz vor der Mitte meines Lebens und sehe mich erst am Anfang einer Reise, die Fähigkeiten meines Geistes zu explorieren und gezielt in Wachstumsräume zu gehen – welch schöne Perspektive. Auch Beziehungsformen bleiben ein Forschungsfeld für mich. Ich lese gerade “The Ethical Slut”, von der Idee eines nichtmonogamen Lebensstils war ich schon seit jeher fasziniert und mittlerweile denke ich auch viel über ein freundschafts- und gemeinschaftszentriertes Leben nach. Liebe Menschen, die man nicht hierarchisch einordnet nach “Partner:in” und (nachprior) “andere Freund:innen” sondern ganz einfach Freund:innen, mit denen man Verbindungen pflegt, die fluide und gestaltbar sein können, mit denen sich Aktivitäten, Nähe, Geborgenheit und Gemeinschaft erleben lassen. Und doch leben die meisten lieben Menschen um mich herum in relativ klassischen Beziehungskonzepten und manche meiner Erfahrungen innerhalb von Gemeinschaften waren durchaus ambivalent. Die Faszination, die ich für die Idee, in Gemeinschaften zu leben, im vorigen Blogeintrag beschrieben habe, ist teils gewachsen, teils durch Erfahrungen in der Realität ein wenig eingeschränkt worden.

Genug für den ersten Beitrag des Jahres. Der Vorsatz ist da, diesen Blog regelmäßiger zu befüllen. Das private Tagebuch wird Priorität haben. Das Erleben und Gestalten natürlich auch. Ich war lange viel in der Theorie und im Denken unterwegs. Ich bin nun mehr draußen in der Realität, am Forschen, am Erfahren, und am Wachsen. 

Faszinierende Ideen 4 | Wenig faszinierende Erkenntnisse 23

07Nov
2024

Ich empfinde eine zunehmende Faszination für die Idee, in Gemeinschaften zu leben. In unserer Erziehung, in unserer Sozialisation und in der medialen Darstellung von langfristigen Beziehungen herrscht die Idee vor, dass für eine Vielzahl von unseren wichtigsten Bedürfnissen eine einzige Person in unserem Leben existieren sollte. Ein Mensch, den man liebt, mit dem man zusammen wohnt, dazu noch die meisten Hobbys und Freunde teilt, schließlich Nestwärme und Geborgenheit empfindet, und all das auch noch möglichst für immer. Oftmals habe ich schon aus der Nähe beobachtet, dass diese Konstellation, meist in Form einer monogamen Ehe für einige Jahre ein wunderbares Glück bereithält, aber das Ewigkeitsversprechen dieses Zustands sich nicht realisieren lässt. Mit einer Mischung aus sunken cost fallacy (im Deutschen habe ich gerade den Begriff “eskalierendes Commitment” dazu gefunden) und gesellschaftlich-familiärer Erwartungshaltung wird in manchen dieser unglücklichen Beziehungen über viele Jahre noch eine Fassade aufrecht erhalten, hinter der längst die Flamme erloschen ist.

Manche mögen mir hier widersprechen, andere sehen zwar die grundsätzliche Problematik, aber sehnen sich so sehr nach langfristigen, vertrauensvollen Bindungen, so dass sie sich für die serielle Monogamie entscheiden. Dies ist das in der westlichen Welt verbreitetste Beziehungsmodell und kombiniert ein idealistisches Ewigkeitsversprechen mit der Realität, in der man nach einigen Jahren die Partnerperson austauscht. Bewegt man sich weg von der Idee der Monogamie, so muss die Suche nach Verbindungen, die von Vertrauen, Commitment und Ehrlichkeit geprägt sind, in keinster Weise auf eine einzige Person fokussiert sein. Wenn wir den Wert von Gemeinschaften erkennen, so muss die Erwartungshaltung an eine einzige Partnerperson längst nicht so hoch sein und gleichzeitig steigt die Wertschätzung für Freundschaften, für Gemeinschaften, für das Miteinander. Emilia Roig schreibt dazu:

Was würde passieren, wenn wir die Familien vorbehaltene Bindung ausdehnen würden auf die Freundschaften und Communitys, auf die Gemeinschaft? Doch es gibt eine gesellschaftliche Skepsis, ja sogar Angst vor tiefen Verbindungen außerhalb der Paarbeziehung und der Kernfamilie, weil sie eine Bedrohung für das kapitalistisch-patriarchale Machtgefüge darstellen. […] Stellen wir uns vor, wie unsere Gesellschaft aussehen würde, wenn wir das Versprechen von Fürsorge, Liebe, Zuwendung und Treue nicht einer Person vorbehalten würden, sondern diese mit mehreren Personen austauschten. Es wäre revolutionär in einer patriarchalen Gesellschaft, wo Männer die emotionale und fürsorgliche Arbeit der Frauen vereinnahmen.

Der Gedanke, dass das Machtgefüge des Kapitalismus und Patriarchats mit der Kernfamilie und der Monogamie zusammenhängen, mag nicht unmittelbar einleuchtend sein. Ich denke inzwischen, dass die Beobachtungen, die Emilia Roig hier macht, ähnlich denen von Meike Stoverock in “Female Choice”, durchaus zutreffend sind: Eine Gesellschaftsarchitektur, in der es eine klare Chain of Command von patriarchalen Herrschern zum autoritär agierenden Familienoberhaupt einer Kernfamilie gibt, fällt zusammen mit einem Status- und Besitzdenken des Individuums, welches seine Attraktivität auf dem Dating-Markt (insbesondere als Mann) durch sozioökonomischen Status generiert.

Die Symptome dieses Konkurrenzkampfs innerhalb dieses Machtgefüges wären nicht vorhanden, oder zumindest erheblich eingeschränkt, wenn wir viele unserer Bedürfnisse in Gemeinschaften gleichberechtigter Individuen stillen. Wenn wir nicht nur Ideen und Werte teilen, sondern auch Liebe, (intime) Interessen und Wohnraum. Wenn wir uns gegenseitig einen sicheren emotionalen Hafen genauso wie einen Wachstumsraum anbieten. Die Versuchung nur aufgrund einer sunken cost fallacy oder zur Bewahrung einer hübschen Fassade, etwas zu tun, was sich gegen die eigenen Bedürfnisse richtet, ist aus meiner Sicht innerhalb einer liebevollen und achtsamen Gemeinschaft erheblich geringer. Sobald sich toxische Bindungsmuster bei Menschen ergeben, die in vertrauensvollen Gemeinschaften leben, bietet sich die Gemeinschaft als Korrektiv an, als sicherer Hafen, als Alternative zur emotionalen Abhängigkeit.

Befürworter monogamer Beziehungsformen sprechen hier gerne von “Beliebigkeit”, wenn man sich in Gemeinschaften bewegt und fluide Verbindungen zu vielen lieben Menschen pflegt, die mal intensiver und mal weniger intensiv gestaltet werden können. Auch wird gerne von fehlender Tiefe oder fehlender Intensität polyamorer Beziehungen gesprochen. In meiner Lebenserfahrung argumentieren häufig diejenigen so, die dazu neigen, besonders hohe Besitzansprüche oder emotionalen Druck gegenüber ihre:r Partner:in aufzubauen, die ihm:ihr emotional nicht gut tun. Auch Versuche in diesen Beziehungen gezielt Abhängigkeiten aufzubauen, habe ich immer wieder beobachtet. Am Ende hört man ganz oft das Argument, das Liebe nun mal nicht teilbar ist.

Menschen in polygamen Beziehungen werden oft als egoistisch und gierig bezeichnet, dabei ist das Gegenteil der Fall: Die Ausdehnung der Liebe auf mehrere Menschen schwächt sie nicht, sondern kann sie stärken, weil es Einzelne von dem Druck des Besitzanspruchs befreit. Die Begrenztheit der monogamen Paarbeziehung, wie ich sie wahrnehme, basiert auf der Vorstellung, dass Liebe eine knappe Ressource ist, die sich weder teilen noch vermehren lässt.

Niemand würde widersprechen, dass sich die geschwisterliche oder freundschaftliche Liebe auf mehrere Personen aufteilen lässt. Solche Relationen gewinnen an Festigkeit und Harmonie, wenn alle Beteiligten untereinander emotional positive Interaktionen haben. Nur das soziokulturelle Konstrukt der romantischen Liebe soll ausgerechnet auf eine einzige Person beschränkt sein. Hier ist ein derart mächtiges Narrativ entstanden, so dass aus meiner Sicht völlig zurecht die Frage gestellt werden darf, warum dies in den eigentlich so freien westlichen Gesellschaften so vehement von den herrschenden Strukturen verteidigt und subventioniert wird. Wer nun einwendet, dass doch in der Kleinfamilie alles gut sei, und diese Struktur eine offensichtliche Erfolgsgeschichte ist, der verschließt die Augen vor der wenig faszinierenden Erkenntnis, dass tagtäglich sehr viel psychische wie physische Gewalt in Partnerschaften stattfindet, während die Fassade nach außen hin aufrecht erhalten wird.

Die Kleinfamilie ist kein neutraler oder gar natürlicher Ort, sie ist eine mächtige gesellschaftliche Norm, die kollektiv aufrechterhalten wird, unter anderem durch das Schweigen darüber, was innerhalb von Familien wirklich geschieht.