Ein weiteres Werk, dass ich euch sehr ans Herz legen möchte, ist bell hooks kraftvolles Buch über die Liebe. Ein Werk mit dem Names “Alles über Liebe” verspricht viel, und wird in meinen Augen diesem Anspruch auch gerecht. Es geht um viel mehr als die Liebe, eine “kraftvolle Utopie” nannte es die taz, ich habe es gelesen als ein Plädoyer für Herzöffnung, für tiefe Verbindung, für den unbedingten Willen danach, in einer kapitalistischen, patriarchalen, oft auch gewalttätigen Welt, die Suche nach Liebe nicht aufzugeben. Die Suche nach Liebe beginnt bei uns selbst, und folgerichtig sollten wir uns in unserem eigenen Herzen auf die Suche nach Verbindung zu uns selbst begeben.
“Doch es gibt Hoffnung, auch wenn wir nicht von klein auf gelernt haben, uns selbst zu lieben. Das Licht der Liebe ist immer in uns, egal wie kalt die Flamme ist. Es ist immer präsent und wartet auf einen Funken, der es wieder aufflammen lässt, wartet darauf, dass unser Herz erwacht und unsere allererste Erinnerung daran weckt, die Lebenskraft an einem dunklen Ort zu sein, die nur darauf wartet, geboren zu werden – darauf wartet, das Licht zu sehen.”
(bell hooks in “Alles über Liebe”, Kapitel 4, “Verpflichtung: Lass Liebe in mir sein”)
Selbstliebe hat nichts mit rücksichtslosem Egoismus zu tun, sondern mit der Fähigkeit, sich mit all seinen Fehlern und Mängeln zu akzeptieren und anzunehmen, und in der Folge auch die Menschen um uns herum in der gleichen Güte anzunehmen.
Schön finde ich auch, was sie später über Gemeinschaften schreibt. Dass Menschen sich friedlich und gegenseitig unterstützend organisieren, ist ohne einen weiten Begriff von Liebe kaum denkbar. Die strenge Kategorisierung in unterschiedlichen Arten der Liebe zu Freunden, Familienmitgliedern, romantischen Partnern, etc. ist mir in meiner polyamoren Sicht auf den Begriff der Liebe schon seit längerem unverständlich, bzw. lässt sich mir nur durch eine wirkmächtige soziokulturelle Konstruktion erklären. bell hooks schreibt nicht direkt über Polyamorie, gleichzeitig gefällt mir wie weit sie den Liebesbegriff fasst. Spannend fand ich, wie sie über Gemeinschaften schreibt, und wie sie die Kleinfamilie dekonstruiert als “aristokratische Einheit”. Ähnliche Ideen habe ich schon bei Meike Stoverock gelesen, die Kleinfamilie als kleinste funktionale Einheit in einer hierarchischen, patriarchalen Gesellschaft. Darin wird eine romantische partnerschaftliche Verbindung priorisiert und idealisiert, die dann primär dazu dient, dass jeder Mann einen Besitzanspruch für eine Frau realisieren kann, den es sonst bei einer Damenwahl (titelgebend für “female choice”) nicht gäbe. Für ein Gesellschaftskonstrukt hat das allerlei Vorteile, nämlich eine klare Chain of Command vom Souverän der staatlichen Gemeinschaft bis hinunter zum Patriarch der Kleinfamilie, der weitgehend unbehelligt vom Einfluss von Freund:innen und Geschwistern regieren kann. Verkauft wird uns das in den Filmen und Büchern als die Liebesverbindung von Märchenprinz und Märchenprinzessin, für die all die Aufgabe der Autonomie und der anderen Verbindungen in der Gemeinschaft dann gerechtfertigt scheint. Für mich stellt sich das als fataler Irrweg da. bell hooks schreibt zum Thema Gemeinschaft und Kleinfamilie:
“Um ihr Überleben zu sichern, organisieren sich Männer und Frauen weltweit in Gemeinschaften. Gemeinschaften erhalten das Leben – nicht die Kernfamilie, nicht das »Paar« und ganz sicher nicht der rücksichtslose Individualist. […] Bei den »Familienwerten«, über die in unserer Gesellschaft so viel gesprochen wird, wird meist die Kernfamilie hervorgehoben, die aus Mutter, Vater und am liebsten noch einem oder zwei weiteren Geschwistern besteht. […] Selbst diejenigen, die in Kernfamilien aufwachsen, erleben diese normalerweise als eine kleine Einheit in einem erweiterten Familienkreis. Durch den Kapitalismus und das Patriarchat wurde dieser erweiterte Familienkreis jedoch im Lauf der Zeit untergraben und zerstört. Da die Familiengemeinschaft durch eine privatere kleine autokratische Einheit ersetzt wurde, kam es zu einer verstärkten Entfremdung und gestiegenem Machtmissbrauch.”
(bell hooks in “Alles über Liebe”, Kapitel 15, “Gemeinschaft: Liebende Verbundenheit”)
Bei all dem destruktiven Potential des Kapitalismus für die wahre Liebe, die liebevolle Gemeinschaft und den Frieden, glaube ich doch fest daran, dass eine Heilung möglich ist. Es erfordert viel kritische Auseinandersetzung mit dem System, in dem wir sozialisiert werden, mit den Vorurteilen, mit denen wir aufwachsen und den mächtigen Narrativen aus den Filmen und Romanen, die unser Verständnis der Liebe formen. Zerstören lässt sich die wahre Liebe nicht, und genauso wenig der Wille nach ihr zu suchen, sie zu erfahren, sie neu zu entflammen.
“Wenn wir Wunden in der Familie heilen, stärken wir die Gemeinschaft. Damit üben wir uns aktiv in der Praxis der Liebe. Die Liebe legt die Grundlage, mit Fremden eine konstruktive Gemeinschaft aufzubauen. Die Liebe, die wir in der Gemeinschaft schaffen, bleibt ein Teil von uns, wo immer wir auch sind. Angeleitet von diesem Wissen machen wir jeden Ort, an den wir gehen, zu einem Ort, wo wir zur Liebe zurückkehren.”
(gleiche Quelle)
Mir gefällt die Metapher der “Praxis der Liebe” ausgesprochen gut. Sie erinnert mich an die formale Praxis der Meditation wie sie Yongey Mingyur Rinpoche in seinem Buch beschreibt, welches ich im Eintrag zuvor empfohlen habe. Wenn wir jeden Ort ein bisschen liebevoller zurücklassen, als wir ihn erreicht haben, in jeder Verbindung zu einem anderen Wesen Liebe hineingeben und mit offenem Herzen uns begegnen, dann erschaffen wir etwas. Dann haben wir nicht aufgegeben nach Gemeinschaft zu suchen, die wir am Feuer uns wärmend einst hatten, bevor wir uns alle individualisiert haben und hinter immer höheren Hecken und Mauern verschanzt haben. Der Kapitalismus, all das Gegeneinander und das Vergleichen mag das Ende einer Kultur der Liebe sein, wie sie bell hooks vorschwebt.
Die Zeit für einen Neuanfang ist genau jetzt und genau hier. In jedem Lächeln, in jedem liebevollen Blick, in jedem liebevollen Gedanken, in jedem Lächeln, welche wir an unser Gegenüber richten oder an uns selbst.
Ich bin Patrick, lebe und arbeite als Softwareentwickler in München und beschäftige mich gerne mit Literatur, Philosophie, Politik und manchmal auch privat mit Software-Projekten. Abseits des Bildschirms bin ich gerne in der Natur unterwegs, insbesondere auf Wander- und Skitouren.