freedom is not for free 4 | Wenig faszinierende Strategien 27

03Sep
2022

Ich bin mir nicht sicher, ob “wenig faszinierend” wirklich das richtige Adjektiv ist für die Initiative zweier recht alter Politiker (beide über 65), namentlich Friedrich Merz und Frank-Walter Steinmeier, ein soziales Pflichtjahr für junge Erwachsene einzuführen. Vielleicht wäre eine Beschreibung wie “infame Dreistigkeit” doch besser?

Jens Jessen schreibt in einem sehr lesenswerten Essay in der ZEIT dazu:

Zur einseitigen Belastung der Jugend passt auch der Vorstoß, das Freiwillige Soziale Jahr für sie verpflichtend zu machen. Warum kein soziales Pflichtjahr für die rüstigen Rentner? Das zudem den Zusatznutzen hätte, sie von ihren umweltschädlichen Freizeitvergnügen abzuhalten, insbesondere den bizarr klimaschädigenden Kreuzfahrten. Der Vorschlag einer sozialen Verpflichtung der Pensionäre, den Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung machte, verhallte undiskutiert wie ein unfreiwillig kabarettistischer Beitrag.

“Warum so ernst?”, Essay von Jens Jessen, Die ZEIT, Ausgabe 35/2022

Haben die betagten Volksvertretern schon wieder vergessen, in welchem Verzicht sich die Jugend und jungen Erwachsenen in den letzten drei Jahren der Pandemie üben mussten? Wie die ganze Zeit “Solidarität mit den Alten” gefordert wurde und Schule, Studium und Partys ausfallen mussten, damit vor allem Menschen ab 60 nicht vorzeitig ableben?

Vielleicht ist der Vorschlag des sozialen Pflichtjahrs für junge Leute auch nur eine vermeintlich ganz besonders schlaue Idee, ein anderes Problem zu lösen, welches durch Corona zu Tage befördert wurde: Die desaströse Situation der Pflege. Anstatt die Altenpfleger gerecht zu bezahlen, kann man natürlich auch einfach junge Menschen zum Dienst am alten Menschen zum Mindestlohn verpflichten. Das hat auch den netten Nebeneffekt, dass die Verhandlungssituation hauptamtlich beschäftigter Pflegerinnen sich nicht all zu sehr bessern dürfte.

Ich finde es bereits wenig faszinierend, dass junge Leute erst ab 18 Jahren wählen dürfen, wo doch die Klimaaktivist:innen zeigen, wie viel die “Minderjährigen” an politischen Engagement zeigen. Gewisse Auswüchse wie wilde Straßenblockaden mögen nicht unbedingt die Richtigen treffen, andererseits stellt sich auch die Frage, welche Wege den jungen Leute überhaupt gegen die Übermacht der mindersolidarischen Alten bleiben? Man könnte auch mal (ernsthaft diskutieren), ob das Wahlrecht ab 16 nicht mit Stimmgewicht 1 beginnen sollte, dann linear abnehmend mit einem Alter von 100 bei 0 enden sollte. Warum dürfen hochbetagte Menschen gegen das Windrad oder den neuen Bahnhof vor ihr Tür votieren, welche wir in 30 Jahren dringend brauchen werden?

Historisch gesehen hatten alte Leute nie so viel politisches Gewicht. Erstens werden Menschen immer älter und zweitens gab es lang Zeit die “Alterspyramide”. Die will niemand mehr haben, weil sie nur durch hohe Kindersterblichkeit, viele Gefallene in Kriegen und frühes Ableben durch heute behandelbare Krankheiten entstehen konnte. Vielleicht wird es Zeit, entweder das Wahlsystem grundlegend zu reformieren oder gleich die ganze Regierungsform. Ich lese gerade Against Democracy von Jason Brannon. Die Grundthese besteht darin, dass jedes politische Engagement schlechte Eigenschaften in den Leuten hervorbringt und nur zu einer weiteren Polarisierung im Diskurs beiträgt. Zumindest bringt es, schaut man sich das Handeln der altern Politiker an, jede Menge Egoismus hervor.

Wenn die Jungen ihre Freiheit behalten wollen, nach all den Corona-Freiheitseinschränkungen “aus Solidarität mit Alten” und erst den zukünftigen noch viel größeren Freiheitseinschränkungen durch die Klimakrise (wie auch das BVerfG nun auch anerkannt hat), wird es wohl früher oder später nötig sein, für die Freiheit zu kämpfen. Freedom is not for free.