Faszinierende Metastrategien 8 | Das Drama der Menschheit 5

01Nov
2014

Als eine Replik auf die Positionen der “Tigermutter” Amy Chua sagt eine kanadische Pädagogin im Spiegel-Interview:

“Die größten Erfinder, Entdecker und Künstler wurden von ihren Eltern nicht gefördert, gezogen, gezwungen. Die waren von ihrer Leidenschaft angetrieben.”
Shimi Kang im Spiegel 42/2014 “Lasst sie spielen”

Ich denke, das lässt sich auf alle Arten von Denkern und von Arbeitern übertragen: Instrinsische Motivation und nicht extrinsischer Druck führt uns zu guten Leistungen. Das man die Leidenschaft der Menschen als erste Maxime ihres Handelns begreifen und verstehen muss, sehe ich als faszinierende Metastrategie an.

Wenig faszinierend ist dagegen eine Statistik, die sie wenige Fragen später in dem gleichen Interview zitiert:

“Die Depression ist auf dem besten Weg, bis 2020 die zweithäufigste Krankheitsursache in den Industrieländern zu werden. Der Missbrauch von Medikamenten gehört schon jetzt zu den gravierendsten Gesundheitsproblemen, und Studenten sind dabei die am schnellsten wachsende Untergruppe. Es sterben mehr junge Menschen durch Selbstmord als durch Kriminalität und Krieg zusammen. Ich würde sagen: Wir haben ein Problem.”
(gleiche Quelle wie oben)

Man kann es natürlich als einen zivilisatorischen Erfolg sehen, dass junge Menschen heute nicht mehr so viel in den Krieg ziehen; das kein Lehrer wie im Film “Im Westen nichts Neues” seine ganze Schulklasse motiviert in den ersten Weltkrieg zu ziehen. Heute gehen die jungen Leute durch eine Schule des Pazifismus, die manchmal vielleicht auch mehr idealisierend als realistischerweise passend zu einem Jahr der Kriege wie 2014 ist. Aber das ist ein anderes Thema.

Sicherlich kein zivilisatorischer Erfolg ist es, wenn Mobbing, Diskriminierung und Leistungsdruck junge Menschen in den Selbstmord treibt. Gleichzeitig kann es darauf keine einfachen Antworten geben. Wir stehen im Wettbewerb, auch mit uns selbst. Das ganze so zu gestalten, dass wir in einer Gesellschaft im Überfluss, in der Hochphase der Zivilisation, daraus auch Spaß und Leidenschaft schöpfen und uns nicht selbst bekriegen, weil wir mit den Rahmenbedingungen des Lebens nicht klar kommen, ist eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft.

Wenig faszinierende Erkenntnisse 9 | Faszinierende Metastrategien 7

26Oct
2014

Der Fortschritt macht bekanntlich vor nichts halt. Ist es also nicht längst überfällig auch die universitäre Bildung mal gründlich zu reformieren? Ein amerikanischer Bildungsforscher und Betreiber einer Plattform für Online-Kurse hat genau das vor, und wird im Spiegel in einem Artikel zu neue Formen der Bildung wie folgt zitiert:

“Der Verkehr, der Handel, die Kommunikation – alles hat sich grundlegend verändert. Ein Hörsaal dagegen sieht heute noch genauso aus wie vor 50 Jahren.”
Anant Agrarwal im Spiegel 42/2014, “Rebellen auf dem Campus”

Keine erstaunliche Erkenntnis, immerhin hat sich an den Grundlagen der Mathematik und der Naturwissenschaften in den letzten 50 nicht viel geändert. Auch für neuere Wissenschaften wie die Informatik sind die für’s Verständnis wichtigen Grundlagen recht alte Erkenntnisse der Mathematik.

Geändert hat sich natürlich unsere Wahrnehmungsschwelle für die Vielzahl an Reizen in dieser Welt, unsere Kontakte in sozialen Netzwerken, die Informationshäppchen die wir tagtäglich aufnehmen, kreieren und weiterleiten. Da liegt der Gedanke doch fast schon nahe, dass Wissenschaft auch einfach nur in kleine gut verdaubare und anklickbare Häppchen verpackt werden muss:

“Wir sollten uns auf sehr kurze Einheiten beschränken. Die optimale Länge liegt bei nur sechs Minuten.”
(Quelle wie oben)

Würde man dieses Zitat aus dem Zusammenhang reißen, könnte man glauben, hier wird ein Betreiber eines neuen Porno-Portals interviewt. (Jetzt werden wieder viele Google-Suchanfragen hier landen, die was ganz anderes gesucht haben…)

Ich erinnere mich noch gut an meine allererste Vorlesung, ein Mathe-Vorkurs für Physiker. “Eine Vorlesung reicht aus, um die komplexen Zahlen zu behandeln”, erklärte der Professor. In der gymnasialen Mathe-Oberstufe wird dagegen fast ein halbes Jahr mit zwei Wochenstunden für mehr oder weniger denselben Stoff einkalkuliert. Mit seiner Aussage hatte der Dozent dennoch vollkommen recht. Es geht; aber es geht nur, wenn man 90 Minuten konzentriert zuhört, und danach mit gewissem Ehrgeiz versucht die Übungsaufgaben zu lösen und dann in der Übung bei der Besprechung noch mal zuhört. Ich bin gespannt, wieviele 6-Minuten-Clips es braucht, um die komplexen Zahlen zu erklären. Und wieviel 2 Jahre nach der Klausur (bzw. nach des Online-Multiple-Choice-Tests) dann davon hängengeblieben ist. Und was sich dann damit noch anfangen lässt, wenn es darum geht, darauf aufbauendes Wissen und Fähigkeiten zu erwerben.

Statt Bildungskonsumenten mit neuen Strategien zu ködern, halte ich für eine faszinierende Meta-Strategie am Konzept von Vorlesungen, Kreide und Tafel festzuhalten; jedenfalls für alle ernstzunehmenden Wissenschaften.

Wenig faszinierende Strategien 11 | Die Folgen des Wandels 1

30Aug
2014

In der Zeit positionierten sich letztens 19 Autoren – zumeist sehr kritisch – zu Amazon, vor kurzem haben 909 Autoren in einer ganzseitigen NYT-Anzeige Amazon kritisiert. Die hinlänglich bekannten Methoden des Konzerns, der weniger auf Gewinn als mehr auf Wachstum und Verdrängungswettbewerb setzt, sowie einen Feldzug gegen die Verlage führt, sorgen nicht für Beliebtheit. Man kann das natürlich anders sehen, wie in dem Kommentar “Der Deutsche Buchmarkt geht an der eigenen Arroganz zu Grunde”, und im Streit um das Leistungsschutzrecht zwischen Verlagen und Google galten meine Sympathien im letzten Eintrag in diesem Blogs der geschäftsbelebenden Konkurrenz aus dem Internet und nicht den Ignoranten des Wandels. Verlage bieten viel Angriffsfläche; gut und Böse ist hier nicht so leicht zu addressieren.

Doch das Problem von Verdrängungswettbewerb, Monopolisierung und dem Niedergang der klassischen Branchen betrifft in ganz ähnlicher Form nicht nur die Bücher. Elektronik schon immer, nun werden auch Mode, Möbel oder sogar Brillen heute online gekauft. Manche warnen vor leeren Innenstädten. Oder von Innenstädten, in denen im Erdgeschoss in den Fußgängerzonen vornehmlich Rechtsanwälte und Steuerberater residieren. Und das passiert nicht grundlos; es passiert weil wir als Konsumenten meistens dem Billigsten und Praktischsten den Vorzug geben und nicht dem Nachhaltigsten oder dem, was wir eigentlich ethisch und moralisch für richtig halten.

Ich bin nicht viel in der Innenstadt unterwegs, dafür umso mehr in der näheren Umgebung der etwas abseits gelegenen Campus-Universität in Augsburg. Es gibt dort einen Fahrradhändler, bei dem ich regelmäßig Ersatzteile kaufe und einen Optiker, wo ich für Brille und Kontaktlinsen regelmäßig Kunde bin. Letztens wollte ich für ein Buchgeschenk (ich selbst lese fast nur e-books) zu einem kleinen Buchhändler im Univiertel gehen. Der hatte allerdings bereits Anfang des Jahres geschlossen; der Laden steht seitdem noch immer leer.

Wenig faszinierende Strategien 10 | Ignoranten des Wandels 1

29Jun
2014

Im Kulturkampf zwischen klassischen Verlagen und dem “Internet”, zumeist subjektiviert im allseits beliebten und immer konsensfähigen Feindbild Google, wurde eine kleine Schlacht von den Ignoranten des Wandels gewonnen: Das Leistungsschutzrecht wurde Gesetz. Doch das ist den Verlagen nicht genug.

“Weil Google bereits deutlich gemacht hatte, keine Lizenzverträge abzuschließen, legten die zwölf in der VG Media organisierten Verlage zusätzlich Beschwerde beim Bundeskartellamt ein. Die Begründung: Google missbrauche seine marktbeherrschende Stellung, weil es sich weigere, Verträge über das LSR abzuschließen und Geld für die Anzeige von Snippets bei Google News zu bezahlen. Es sei missbräuchlich, dass Google jene Verlage, die hierauf bestehen, nicht mehr bei Google News anzeigen wolle.

Lassen wir uns das ganze noch einmal auf der Zunge zergehen: Erst lassen sich die Presseverleger vom Gesetzgeber ein neues rechtliches Monopol schaffen, das Leistungsschutzrecht. Fortan soll bezahlt werden, was vorher (und überall sonst auf der Welt) im Rahmen eines Verhältnisses, das von Geben und Nehmen geprägt ist, umsonst genutzt werden konnte. Denn Suchmaschinen führen ihre Nutzer zu den Angeboten der Verleger, die dadurch höhere Werbeeinnahmen generieren können.”

Aus: “Eine Farce nähert sich ihrem Höhepunkt” auf Zeit online

Was sagt uns dass, wenn dieser Gastbeitrag selbst auf Zeit online veröffentlicht wird? Dass die Ansicht, dass das Vorhaben eines solchen verschärften Leistungsschutzrechtes geradezu absurd sein muss, eben dort vertreten wird? Muss Zeit online als Portal eines nicht-öffentlichen Verlags bei jedem Vorwurf der Parteinahme über jeden Zweifel erhaben sein?

Man sollte nicht ganz vergessen, dass Google seine eigenen Auffassungen des Urheberrechts zu Tage treten ließ, als Google-Books einfach die Volltexte aller Bücher veröffentlichen wollte, wenn die Rechteinhaber nicht explizit widersprachen. Dass Konzerne mit zu großer Marktmacht immer eine Gefahr für den Wettbewerb und die Angebotsvielfalt sein können.

Nichtsdestotrotz sehe ich es als wenig faszinierende Strategie an, den Wandel an dieser Stelle aufhalten zu wollen. Während Verlage es sich über Jahrzehnte gemütlich eingerichtet haben und in einem Duktus der Allmächtigkeit entscheiden konnte, was gedruckt wird, hat mit Google und den Blogs eine neue Epoche der Demokratisierung des Journalismus begonnen. Die Ignoranten des Wandels können jetzt laut wehklagen; sie könnten ihre Zeit aber auch sinnvoller damit verbringen, sich ein neues Geschäftsmodell zu überlegen. Andere haben schließlich auch neue Ideen.

Wenig faszinierende Strategien 9 | Faszinierende Metastrategien 6

01Jun
2014

Viele große Katastrophen dieser Welt hängen damit zusammen, dass Wissenschaftler die Kompetenzen und den Anwendungsbereich ihrer Disziplinen systematisch überschätzen. Finanz- und Wirtschaftskrisen werden durch Ökonomen begünstigt, die immer noch den perfekten Markt und den rein rational handelnden Marktteilnehmer annehmen; die langfristige Klimaentwicklung und den Einfluss des Menschen darauf mit den derzeitigen Methoden der Klimatologie exakt vorherzusagen, ist die Hybris dieser Wissenschaften. Wie die mathematische Logik am sozialen Kontext scheitert, wird hier sehr schön beschrieben:

“Die reine Mathematik und ihre extensionale Logik kalkulieren die persönliche Distanz mit ein – fordern sie sogar ein -, um außerhalb einer Beziehung, einer Regierungspolitik, eines biologischen Phänomens, einer ganzen Galaxie zu stehen. Mathematik ist befreiend; sie befreit und entwirrt. Im Gegensatz dazu tendiert die nicht-formale intensionale Logik – deren schwammige Regeln aus dem Leben selbst enstammen – dazu, uns mit anderen zusammenzubringen. Sie will uns dazu überreden, einander zu beeinflussen und uns beeinflussen zu lassen. Sie zielt darauf ab, dass wir sowohl persönliche Souveränität als auch einen gemeinsamen sozialen Kontext voraussetzen. Intensionale Logik bezieht mit ein; sie verstrickt uns und verschränkt uns miteinander.”
John Allen Paulos in “Es war 1mal… Die verborgene mathematische Logik des Alltäglichen”

Die Kompetenzüberschreitung der (reinen) Wissenschaften ist eine wenig faszinierende Strategie, das Erkennen der Grenzen der eigenen Kompetenz dagegen eine faszinierende Metastrategie.