Faszinierende Literatur 13 | Die Endlichkeit 1

06Jul
2026

Vor wenigen Tagen hatte ich mein morgendliches Leseritual mit Tränen in den Augen beendet. Von Mélissa da Costa hatte ich All das Blaue vom Himmel fertig gelesen, die Geschichte eines jungen Mannes, Emile, der die Diagnose einer schnell verlaufenden Alzheimer-Demenz bekommt, und dem noch maximal zwei Jahre zu leben bleiben. Er findet über eine Kleinanzeige eine Reisebegleitung für “einen letzten Trip”, eine junge, zunächst sehr autistisch wirkenden Frau, mit der er mit dem Wohnmobil Richtung Berge fährt. Nach und nach erfährt man, welche verschlungene und komplizierte Geschichte seine Begleitung mitbringt. Im Verlauf der Reise wird sie zugänglicher für Emile. Sie lehrt ihm, im Moment und in der Präsens zu leben und die bleibenden Momente ganz bewusst zu genießen und zu schätzen. Er lernt die Schönheit der Natur und der Berge zu schätzen. Emile findet den Mut, ganz tief ins Innere seines Wesens zu reisen, und im Licht der Endlichkeit seines Daseins noch ganz viel von seiner Reise durch das Leben verstehen zu wollen.

Die fast schon banale philosophische Erkenntnis, dass sich der Sinn des Lebens erst aus dessen Endlichkeit ergibt, wird zu einer harten Realität im Angesichts der fortschreitenden Krankheit. Und doch bringt sie Emile ein großes Gefühl der Dankbarkeit.

“Sein Glück ist, an diesem Abend an diesem Ort zu sein, in den Überresten einer uralten Natursteinhütte. Sein Glück ist, diese Reise zu unternehmen. Letztlich ist sein Glück sogar zu wissen, dass er bald sterben wird. Ohne dieses Wissen hätte er sich niemals dazu aufgerafft, alles hinter sich zu lassen, diese Reise in sein Innerstes anzutreten, die Dinge mit neuen Augen zu sehen.
Ein solches Gefühl der Nähe und Dankbarkeit dem Universum gegenüber hat er noch nie zuvor empfunden. Ja, er wird bald sterben, aber an diesem Abend ist er da. An diesem Abend hat er unglaublich viel begriffen.”
(Mélissa da Costa, All das Blaue vom Himmel, Kap. 7)

Mit fortschreitender Zeit nehmen nicht nur seine Erkenntnisse zu, sondern auch seine mentalen Fähigkeiten ab. Emile vergisst zunehmend die schönen Erlebnisse, verliert immer wieder die Orientierung und wird immer abhängiger von der Betreuung seiner Reisebegleiterin. Es ist rührend zu lesen, mit welcher Aufopferung sie sich um ihn kümmert, und wie viel beide voneinander lernen können. In einer klaren und schönen Sprache erzählt die Autorin von Emiles Entwicklung.

Ihm wird bewusst, wie simpel er gestrickt ist. Ein oberflächlicher, stumpfer Typ, der nichts begriffen hat. Ein Typ, der nie Tagebuch geführt hat, der sich nie dafür interessiert hat, die Bedeutung eines Zitats zu entschlüsseln oder genussvoll ein Stück Torte zu verspeisen. Sie hingegen hat gelernt zu leben. Ihr Vater hat es ihr beigebracht. Deswegen ist bei ihr alles Poesie, alles rein und schön.
(Kap. 16)

Mit Emiles fortschreitender Krankheit wird klar, dass es hier kein vollkommenes Happy End geben kann. Ohne hier etwas spoilern zu wollen kann ich sagen: Es wird episch, es wird in emotionaler Hinsicht sehr tief. Gleichzeitig bleibt die Geschichte realistisch, vorstellbar, dass es so oder so ähnlich sich tatsächlich zutragen könnte. An vielen Stellen fragt man sich, warum Emile sich nicht schon viel früher auf die Idee kam, sein Leben, seinen Job und seine Beziehung zu hinterfragen.

Am Ende bleibt die tröstende Erkenntnis, dass es nie zu spät ist, zu lernen bewusst zu leben. Dass es sich lohnt zu reflektieren, zu verstehen, nach großer Tiefe in den Verbindungen zu anderen Menschen und zu sich selbst zu suchen. Zu lernen im Moment zu leben, also nicht die Vergangenheit zu beklagen, und auch nicht auf eine unbestimmte Zukunft zu hoffen. Sondern die Reinheit, die Schönheit, die Poesie und alles, was wir fähig sind, in der vollkommenen Präsens eines Augenblicks wahrzunehmen, zu genießen und zu schätzen. Glücklich darf sich fühlen, wer davon schon viel lernen darf, ohne dabei mit der nahenden Endlichkeit des Lebens derart drastisch wie Emile konfrontiert zu sein. Noch glücklicher dürfen wir uns schätzen, wenn wir all die schönen Momente als einen Schatz in unserem Herzen bewahren, ohne dass die Flüchtigkeit der Erinnerung sie uns all zu schnell nimmt. 

Faszinierende Literatur 12 | Ende und Neuanfang 10

11May
2026

Ein weiteres Werk, dass ich euch sehr ans Herz legen möchte, ist bell hooks kraftvolles Buch über die Liebe. Ein Werk mit dem Names “Alles über Liebe” verspricht viel, und wird in meinen Augen diesem Anspruch auch gerecht. Es geht um viel mehr als die Liebe, eine “kraftvolle Utopie” nannte es die taz, ich habe es gelesen als ein Plädoyer für Herzöffnung, für tiefe Verbindung, für den unbedingten Willen danach, in einer kapitalistischen, patriarchalen, oft auch gewalttätigen Welt, die Suche nach Liebe nicht aufzugeben. Die Suche nach Liebe beginnt bei uns selbst, und folgerichtig sollten wir uns in unserem eigenen Herzen auf die Suche nach Verbindung zu uns selbst begeben.

“Doch es gibt Hoffnung, auch wenn wir nicht von klein auf gelernt haben, uns selbst zu lieben. Das Licht der Liebe ist immer in uns, egal wie kalt die Flamme ist. Es ist immer präsent und wartet auf einen Funken, der es wieder aufflammen lässt, wartet darauf, dass unser Herz erwacht und unsere allererste Erinnerung daran weckt, die Lebenskraft an einem dunklen Ort zu sein, die nur darauf wartet, geboren zu werden – darauf wartet, das Licht zu sehen.”
(bell hooks in “Alles über Liebe”, Kapitel 4, “Verpflichtung: Lass Liebe in mir sein”)

Selbstliebe hat nichts mit rücksichtslosem Egoismus zu tun, sondern mit der Fähigkeit, sich mit all seinen Fehlern und Mängeln zu akzeptieren und anzunehmen, und in der Folge auch die Menschen um uns herum in der gleichen Güte anzunehmen. 

Schön finde ich auch, was sie später über Gemeinschaften schreibt. Dass Menschen sich friedlich und gegenseitig unterstützend organisieren, ist ohne einen weiten Begriff von Liebe kaum denkbar. Die strenge Kategorisierung in unterschiedlichen Arten der Liebe zu Freunden, Familienmitgliedern, romantischen Partnern, etc. ist mir in meiner polyamoren Sicht auf den Begriff der Liebe schon seit längerem unverständlich, bzw. lässt sich mir nur durch eine wirkmächtige soziokulturelle Konstruktion erklären. bell hooks schreibt nicht direkt über Polyamorie, gleichzeitig gefällt mir wie weit sie den Liebesbegriff fasst. Spannend fand ich, wie sie über Gemeinschaften schreibt, und wie sie die Kleinfamilie dekonstruiert als “aristokratische Einheit”. Ähnliche Ideen habe ich schon bei Meike Stoverock gelesen, die Kleinfamilie als kleinste funktionale Einheit in einer hierarchischen, patriarchalen Gesellschaft. Darin wird eine romantische partnerschaftliche Verbindung priorisiert und idealisiert, die dann primär dazu dient, dass jeder Mann einen Besitzanspruch für eine Frau realisieren kann, den es sonst bei einer Damenwahl (titelgebend für “female choice”) nicht gäbe. Für ein Gesellschaftskonstrukt hat das allerlei Vorteile, nämlich eine klare Chain of Command vom Souverän der staatlichen Gemeinschaft bis hinunter zum Patriarch der Kleinfamilie, der weitgehend unbehelligt vom Einfluss von Freund:innen und Geschwistern regieren kann. Verkauft wird uns das in den Filmen und Büchern als die Liebesverbindung von Märchenprinz und Märchenprinzessin, für die all die Aufgabe der Autonomie und der anderen Verbindungen in der Gemeinschaft dann gerechtfertigt scheint. Für mich stellt sich das als fataler Irrweg da. bell hooks schreibt zum Thema Gemeinschaft und Kleinfamilie:

“Um ihr Überleben zu sichern, organisieren sich Männer und Frauen weltweit in Gemeinschaften. Gemeinschaften erhalten das Leben – nicht die Kernfamilie, nicht das »Paar« und ganz sicher nicht der rücksichtslose Individualist. […] Bei den »Familienwerten«, über die in unserer Gesellschaft so viel gesprochen wird, wird meist die Kernfamilie hervorgehoben, die aus Mutter, Vater und am liebsten noch einem oder zwei weiteren Geschwistern besteht. […] Selbst diejenigen, die in Kernfamilien aufwachsen, erleben diese normalerweise als eine kleine Einheit in einem erweiterten Familienkreis. Durch den Kapitalismus und das Patriarchat wurde dieser erweiterte Familienkreis jedoch im Lauf der Zeit untergraben und zerstört. Da die Familiengemeinschaft durch eine privatere kleine autokratische Einheit ersetzt wurde, kam es zu einer verstärkten Entfremdung und gestiegenem Machtmissbrauch.”
(bell hooks in “Alles über Liebe”, Kapitel 15, “Gemeinschaft: Liebende Verbundenheit”)

Bei all dem destruktiven Potential des Kapitalismus für die wahre Liebe, die liebevolle Gemeinschaft und den Frieden, glaube ich doch fest daran, dass eine Heilung möglich ist. Es erfordert viel kritische Auseinandersetzung mit dem System, in dem wir sozialisiert werden, mit den Vorurteilen, mit denen wir aufwachsen und den mächtigen Narrativen aus den Filmen und Romanen, die unser Verständnis der Liebe formen. Zerstören lässt sich die wahre Liebe nicht, und genauso wenig der Wille nach ihr zu suchen, sie zu erfahren, sie neu zu entflammen.

“Wenn wir Wunden in der Familie heilen, stärken wir die Gemeinschaft. Damit üben wir uns aktiv in der Praxis der Liebe. Die Liebe legt die Grundlage, mit Fremden eine konstruktive Gemeinschaft aufzubauen. Die Liebe, die wir in der Gemeinschaft schaffen, bleibt ein Teil von uns, wo immer wir auch sind. Angeleitet von diesem Wissen machen wir jeden Ort, an den wir gehen, zu einem Ort, wo wir zur Liebe zurückkehren.”
(gleiche Quelle)

Mir gefällt die Metapher der “Praxis der Liebe” ausgesprochen gut. Sie erinnert mich an die formale Praxis der Meditation wie sie Yongey Mingyur Rinpoche in seinem Buch beschreibt, welches ich im Eintrag zuvor empfohlen habe. Wenn wir jeden Ort ein bisschen liebevoller zurücklassen, als wir ihn erreicht haben, in jeder Verbindung zu einem anderen Wesen Liebe hineingeben und mit offenem Herzen uns begegnen, dann erschaffen wir etwas. Dann haben wir nicht aufgegeben nach Gemeinschaft zu suchen, die wir am Feuer uns wärmend einst hatten, bevor wir uns alle individualisiert haben und hinter immer höheren Hecken und Mauern verschanzt haben. Der Kapitalismus, all das Gegeneinander und das Vergleichen mag das Ende einer Kultur der Liebe sein, wie sie bell hooks vorschwebt.

Die Zeit für einen Neuanfang ist genau jetzt und genau hier. In jedem Lächeln, in jedem liebevollen Blick, in jedem liebevollen Gedanken, in jedem Lächeln, welche wir an unser Gegenüber richten oder an uns selbst.

Faszinierende Literatur 11 | Faszinierende Erkenntnisse 6

18Apr
2026

Heute war der erste Tag in diesem Jahr, an dem ich mich für mein morgendliches Lese-und-Cappuccino-Ritual auf den Balkon gesetzt habe. Auf dem Liegestuhl, ausgerüstet mit einer flauschigen Decke und dünnen Jacke, ging mein Blick zunächst in die sonnige Umgebung, und dann in den e-Reader. Passend zur Morgenlektüre möchte ich diesen Eintrag für zwei Literaturempfehlungen nutzen.

Zur Zeit lese ich “Buddha und die Wissenschaft vom Glück“, ein Werk eines tibetischen Mönches, der erklärt, wie wir mit Achtsamkeit und Meditation dem persönlichen Glück näher kommen. Auch dieses Buch war in der Empfehlungsliste von “search inside yourself” (welches ich Anfang des Jahres schon sehr empfohlen hatte). In einem ähnlichen Duktus wie Chade-Meng Tan verknüpft der Autor Yongey Mingyur Rinpoche alte Weisheiten des Buddhismus und moderne psychologische und neurologische Forschung. Über viele Kapitel erklärt er wenig erfolgreiche Strategien, was unsere Suche nach Glück angeht, wie bspw. der Anhaftung zu erliegen.

Wenn wir zum Beispiel so etwas wie Schokolade als angenehm und erfreulich erleben, richten wir eine neuronale Verknüpfung ein, die Schokolade mit dem Körperempfinden von Genuss gleichsetzt. Das bedeutet nicht, dass die Schokolade für sich genommen etwas Gutes oder Schlechtes ist. In der Schokolade befinden sich eine Menge chemischer Substanzen, die das Körperempfinden von Freude und Vergnügen auslösen. Unsere neuronale Anhaftung an Schokolade ist es, die Probleme schafft. Leider nimmt die Anhaftung, wie andere Süchte auch, mit der Zeit an Intensität zu. Was immer an Befriedigung wir erleben, wenn wir das Objekt unseres Begehrens bekommen, ist nicht von Dauer. Was oder wer immer uns heute, in diesem Monat oder in diesem Jahr glücklich macht, wird und muss sich ändern. Der Wandel ist die einzige Konstante in der relativen Wirklichkeit. […] Der Buddha verglich das Anhaften mit dem Trinken von Salzwasser aus dem Ozean. Je mehr wir trinken, desto durstiger werden wir.
(aus: Yongey Mingyur Rinpoche, Buddha und die Wissenschaft vom Glück, Kapitel 8, “Warum sind wir unglücklich?”)

Wenn alles im Wandel ist, alles stetig fließt, dann ist wahre Kunst die Annahme, die Akzeptanz und die Hingabe, an das was ist. Schuldzuweisungen, ganz gleich ob an sich selbst oder andere, werden uns nicht weiterbringen, wenn wir unglückliche Erfahrungen und Erlebnisse haben. Yongey Mingyur Rinpoche schreibt dazu:

Wenn sich die zugrunde liegenden Ursachen ändern, die eine Erfahrung von Glück erzeugten und aufrechterhielten, geben die meisten Leute den äußeren Bedingungen (anderen Menschen, einem Ort, dem Wetter und so weiter) oder sich selbst die Schuld (»Ich hätte etwas Netteres oder Klügeres sagen sollen«, »Ich hätte woanders hingehen sollen«). Aber eine solche Schuldzuweisung macht die Suche nach dem Glück nur noch schwieriger, weil sie von einem Verlust an Selbstvertrauen oder Glauben an die Dinge zeugt, die uns, wie man uns beibrachte, zum Glück verhelfen sollten.
(gleiche Quelle)

Ein ebenso sehr empfehlenswertes Buch ist “The Choice” von Edith Eger, eine unglaublich mitreisende Geschichte einer KZ-Überlebenden. Aus all den traumatischen Erfahrung konnte sie ein enormes Empowerment schöpfen und viele Erkenntnisse ziehen, was Resilienz, Glück und Zufriedenheit angeht. Später arbeitete sie als Psychotherapeutin und konnte all ihre persönlichen Erfahrungen nutzen, um auch bei schweren Traumata (z. B. von ehemaligen Soldat:innen) einen Zugang zu entwickeln. 

Der titelgebende Kerngedanke ihres Buchs ist, dass es immer unsere Wahl ist, uns für Gefühle und Haltungen zu entscheiden. In dieser Weise ergänzt es die obige Idee, von Schuldzuweisungen abzusehen, ganz wunderbar. Unser Glück und Unglück liegt nicht darin zu erhoffen, was sein wird, oder zu bedauern, was gewesen ist. Die Frage ist vielmehr, wie wir annehmen können, was gerade präsent ist, und mit welcher Haltung wir dem begegnen, ganz egal wie die Umstände gerade sind, die sich sowieso ständig wandeln werden.

If I had to name my therapy I’d probably call it Choice Therapy, as freedom is about CHOICE—about choosing compassion, humor, optimism, intuition, curiosity, and self-expression. And to be free is to live in the present. If we are stuck in the past, saying, “If only I had gone there instead of here…” or “If only I had married someone else…,” we are living in a prison of our own making. Likewise if we spend our time in the future, saying, “I won’t be happy until I graduate…” or “I won’t be happy until I find the right person.” The only place where we can exercise our freedom of choice is in the present.
(aus: Edith Eva Eger, “The Choice”, Kapitel 15 “What Life Expected”)

Dieses Buch ist zweifelsfrei sehr harte Kost, manche Szenen ist schwer erträglich, bspw. über den Todesmarsch zwischen zwei Konzentrationslagern am Ende des Krieges, den sie ganz knapp überlebt hat. Um so faszinierender ist, welchen Mut diese Frau gefunden hat, was sie später im Leben noch erreicht hat, und was wir nun davon lernen dürfen.

Abschließend noch eine Podcastempfehlung, die Episode “Lob der Verletzlichkeit?” des Podcasts “Sternstunde Philosphie”. Darin waren viele schöne Gedanken, wie sehr uns erst die Verletzbarkeit zu fühlenden Menschen macht und wie Gemeinschaft, Trost, und Miteinander entstehen und helfen können, gerade in einer sehr schlingernden Weltlage. Besonders faszinierend fand ich die Idee, wie Zärtlichkeit ihrer Ansicht nach die richtige Antwort auf Verletzlichkeit ist:

Zärtlichkeit ist nun wirklich, glaube ich, die schönste Antwort, weil sie im Grunde diese Verletzbarkeit, diese Offenheit und Berührbarkeit des Menschen so aufnimmt. Also wenn wir einfach nur von Respekt anderen Menschen gegenüber reden, dann bleiben wir da irgendwie auch weiter weg stehen, reden wir da aber von Offenheit und Berührbarkeit und dass Menschen das primär sind, dann ist Zärtlichkeit im Grunde diese feine Art der Berührung. […] Das ist natürlich im übertragenen Sinn gemeint als eine Art Haltung, die wir einnehmen können. Eine Haltung, bei der wir umsichtig sind, vorsichtig sind, nachsichtig sind, bei der wir mit dem anderen in einer sehr liebevollen Weise umgehen.
(Die Philosophin Barbara Schmitz in “Sternstunde Philosophie, Lob der Verletzlichkeit?” vom 11.04.2026)

In diesem Sinne wünsche ich mir von all den lieben Wesen in der Welt mehr Umsicht und Achtsamkeit füreinander, mehr Einsicht in die eigene Verletzlichkeit und mehr Offenheit in unseren Begegnungen. Vielleicht ist eine andere Welt möglich, als all das Gegeneinander, was wir gerade auf der Weltbühne erleben, und vielleicht ist die Antwort auch manchmal sich in kleinere heile Welten, in kleinere Gemeinschaften zu flüchten, in denen Zärtlichkeit und Berührbarkeit möglich sind. Gleichzeitig wünsche ich mir, so eine Botschaft hinaus in die Welt tragen zu können. Wenn ich diese, vielleicht naive, Hoffnung nicht hätte, so würde ich diese Gedanken hier nicht öffentlich kommunizieren.

Faszinierende Literatur 9 | Faszinierende Erkenntnisse 5

10Jan
2026

Wenn ich auf das vergangene Jahr zurückblicke und überlege, welche Texte und welche Erkenntnisse aus dieser Zeit mich am meisten fasziniert haben, dann fällt auf jeden Fall das Buch “search inside yourself” von Chade-Meng Tan darunter. Er ist einer der ganz frühen Software-Ingenieure bei Google, und hat sich Lehren wie dem Zen-Buddhismus und der Achtsamkeitsmeditation zugewandt. Daraus gestaltete er einen Kurs bei Google, der vor allem bei Mitarbeiter:innen mit viel Kundenkontakt (Vertrieb, Support, etc.) zu mehr emotionaler Intelligenz, damit zu mehr Empathie und schließlich zu mehr Erfolg und Zufriedenheit führen sollte. Schnell stellte man fest, dass der Kurs auch bei Software-Ingenieuren zu mehr Produktivität und Kreativität führte. Menschen, die in ihrer Mitte sind, ihr Handeln reflektieren und voller Güte und Empathie durch die Welt navigieren, sind glücklicher, zufriedener und nicht zuletzt auch produktiver.

Beeindruckend ist, wie sehr die Erkenntnisse, die Chade-Meng Tan lediglich zusammenfasst und zugänglich macht (wie er ganz bescheiden immer wieder betont), durch wissenschaftliche Studien untermauert werden. Denn ein vermeintlich flüchtiger Zustand wie Glück lässt sich heutzutage durch Messungen der Gehirnaktivität relativ objektiv messen.

Diese Mönche sind bei weitem die glücklichsten Menschen, die je wissenschaftlich untersucht wurden. Was die Frage aufwirft, woran sie während des Scans wohl gedacht haben? An etwas Unanständiges vielleicht? Mönche und ihre undurchsichtigen Machenschaften sind ja immer irgendwie verdächtig. Sie wissen schon. Die Wahrheit ist, dass sie über das Mitgefühl meditiert haben. Vielen Menschen mag dies unglaublich vorkommen, da wir Mitgefühl oft als einen eher unangenehmen Geisteszustand empfinden. Die vorliegenden wissenschaftlichen Daten aber belegen, dass genau das Gegenteil der Fall und Mitgefühl ein Zustand extremen Glücks ist.

(aus “Search inside yourself”, Kapitel 8, “Wie man etwas bewirkt und trotzdem geliebt wird”)

Man darf durchaus kritisch betrachten, wenn all die Erkenntnisse, die uns zu einem guten und glücklichen Leben verhelfen sollen, sich dann doch so nah an den Bedürfnissen der Wirtschaftswelt, dem Streben nach Gewinn und monetärem Erfolg orientieren. Doch letztlich ist für die allermeisten Menschen ein Leben, welches sich primär um Sinnsuche, Meditation und guten Taten für ihre Nächsten dreht, weder realistisch noch finanzierbar. Faszinierend ist, wie übertragbar die Erkenntnisse bezüglich Zufriedenheit und dem Wert von emotionaler Intelligenz sind, ganz egal ob man als tibetischer Mönch oder als Software-Ingenieur arbeitet. Viele der Erkenntnisse sind “alte Weisheiten”, die durch sehr aktuelle (neuro-)psychologische Untersuchungen unterstützt werden. Dies weckt in mir den Verdacht, dass es hier um sehr grundlegende, sehr universelle Einsichten geht.

Es werden viele kleine Hilfestellungen beschrieben, die uns bei der Suche nach unserem inneren Glück unterstützen. Beispielsweise hat es bereits einen erheblichen Einfluss auf unsere Zufriedenheit, wenn wir nur wenige Minuten am Tag meditieren oder diesen Zeitaufwand für ein privates Tagebuch aufwenden (was ich seit gut zwei Jahren mehr oder weniger regelmäßig verfolge, mit mehr Zeit als nur wenigen Minuten, worunter zugegebenermaßen auch dieser Blog etwas leidet). Faszinierend fand ich auch alltägliche, fast banale Einsichten. Beispielsweise erzählt Chade-Meng Tan, wie sehr er als Kind teures Essen in edlen Restaurants genossen hatte, in denen er relativ selten von seinen Eltern mitgenommen wurde. Schließlich kam ihm die Erkenntnis, dass es weniger der bessere Geschmack oder das besondere Ambiente war, was zu dem höheren Genuss führte, sondern die Achtsamkeit, mit der er jeden Bissen wertgeschätzt hatte. Seitdem ich das gelesen habe, versuche ich auch so oft es die Zeit und die Umstände erlauben, bewusst den Geschmack von guten Essen zu schätzen, und in Langsamkeit und Achtsamkeit zu speisen.

Neben diesen kleinen alltäglichen Optimierungen unseres Daseins wird am Ende die ganz große Brücke zwischen Meditation und dem Weltfrieden geschlagen:

Inneres Glück ist ansteckend. Wenn jemand dieses glückliche innere Strahlen nach außen dringen lässt, reagieren die Menschen in seinem Umfeld meist positiver auf ihn. Der Meditierende stellt daraufhin fest, dass seine zwischenmenschlichen Begegnungen zunehmend angenehmer werden, und da wir soziale Wesen sind, steigern angenehme Sozialkontakte das innere Glück noch weiter. Dadurch entsteht eine erfreulich positive Dynamik inneren und zwischenmenschlichen Glücks. Je stärker sie wird, desto deutlicher merkt der Meditierende, dass er immer gütiger und mitfühlender wird.
Wir können unseren Geist dahingehend schulen und entwickeln, dass innerer Friede, Glück und Mitgefühl in ihm entstehen. Das Beste an diesem Training aber ist, dass wir uns diese Eigenschaften nicht abringen müssen. Sie sind ganz natürlich
in jedem Menschen vorhanden. Wir müssen lediglich die Voraussetzungen schaffen, dass sie zum Vorschein kommen, wachsen und gedeihen können. Dies tun wir, indem wir meditieren. Indem wir meditieren, gestatten wir uns, sehr viel glücklicher und mitfühlender zu werden, und wenn genügend Menschen diesen Weg einschlagen, legen wir damit das Fundament für den Weltfrieden.

(aus “search inside yourself”, Kapitel 9 “In drei einfachen Schritten zum Weltfrieden”)

Natürlich mag man einwenden, dass es an Hybris grenzt, Meditation und Achtsamkeit bei einigen Menschen zu schulen und am Ende den Weltfrieden für alle erreichen zu wollen. Und doch glaube ich, dass die Art und Weise, wie wir uns auf individueller Ebene begegnen, mit wie viel Geduld, Mitgefühl und Achtsamkeit wir unseren Kolleg:innen oder unseren Freund:innen in kleinen alltäglichen Situationen oder in schwierigen Lebenssituationen zur Seite stehen, einen ganz erheblichen Einfluss haben wird. Die liebende Güte, mit der wir an andere denken, uns in deren Situation hineinversetzen, steigert nicht nur unser eigenes Glück, sie strahlt auch als gutes Vorbild auf andere aus. Für mich war die Lektüre von “search inside yourself” voller fundierter Einsichten, die Kalendersprüchlein wie “Geben ist seliger als nehmen” plötzlich sehr klar und logisch erscheinen lassen und mit viel Substanz hinterlegen. Ob die Lektüre mein Leben verändert hat, wie auf dem Klappentext beworben, vermag ich jetzt noch nicht zu beurteilen. Einer von vielen Bausteinen auf der Suche zu mir selbst und einem Leben, das von liebevollem Miteinander geprägt werden soll, ist dieses Werk auf jeden Fall.

Wenig faszinierende Strategien 32 | Faszinierende Erkenntnisse 4

17Nov
2025

Nachdem ich im Sommer das Buch “Stealing Fire” empfohlen habe, möchte ich nun ein weiteres Sachbuch vorstellen, welches mich sehr bewegt und inspiriert hat. Der Psychotherapeut Francis Weller hat mit “The Wild Edge of Sorrow: The Sacred Work of Grief” sehr schön herausgearbeitet, wie wichtig es ist, Trauer zuzulassen, Verluste zu verarbeiten, sich dabei in Gemeinschaften gegenseitig zu halten und Trost zu spenden.

In der westlichen kapitalistischen Welt ist eine Kultur entstanden, in der wir uns sehr viel vergleichen und bewerten – ein Trend der durch Social Media natürlich noch erheblich verstärkt wurde. Ein authentisches und ehrliches Sharing unserer Gefühle, unserer Sorgen und Hoffnungen ist im zwischenmenschlichen Austausch selten eingeladen. Trauer und Verluste, die wir unvermeidlich erleben werden, brauchen Zeit und Raum, verarbeitet zu werden. Wir brauchen eine Gemeinschaft, in der wir mit unseren Sorgen ernst genommen und gehalten werden. Sehr faszinierend fand ich in diesem Zusammenhang die Erkenntnis, die Francis Weller bei der Beobachtung der abendlichen Sharing-Zirkeln in einem westafrikanischen Dorf erlangt:

This feeling of belonging is rooted in the village and, at times, in extended families. It was in this setting that we emerged as a species. It was in this setting that what we require to become fully human was established.
[…]
I remember vividly my experience in Malidoma Somé’s village of Dano in Burkina Faso in West Africa. I felt pangs of envy when, every night near dusk, people would gather in the common area and share their day. (This is when we have happy hour in our culture. Drinks at half-price! Perhaps this is how we anesthetize our loss.)

Ich empfinde es als eine wenig faszinierende Strategie, unseren Verlust mit alkoholischen Getränken zu anästhesieren. Die kurzfristige Betäubung, vielleicht sogar das kurzfristige Glücksgefühl, dass wir dadurch erhalten, wird nicht von Dauer sein und schon gar keine nachhaltigen Erkenntnisse liefern.

Ich empfinde es als ein großes Glück, mich immer wieder in Räumen zu bewegen, in denen ein ehrliches Sharing eingeladen ist und ich mich gehalten fühle. Ich würde mir sehr wünschen, dass es mehr davon in unserer Welt gibt. Ich würde mir wünschen, dass Fragen nach dem Befinden (“Wie geht’s?”) nicht zu der im englischen Sprachraum üblichen Begrüßungsformel degradieren (“Great! How are you?”), sondern dass eine Antwort wie “Ambivalent.” vollkommen akzeptiert ist und auch potentiell einen Raum für ein ehrliches Sharing öffnet (“Magst du etwas teilen?”), sofern Zeit und emotionale Kapazität dafür da ist. Und ich glaube, dass für den Austausch über Trauer, Sorgen und Verlust deutlich mehr Raum sein sollte.