Wenig faszinierende Strategien 31 | freedom is not for free 5

08Oct
2025

Dieser Blog sollte nie im engeren Sinne politisch werden und insofern bleibt es hoffentlich eine Ausnahme, dass ich hier für eine konkrete politische Kampagne Werbung mache. Die Pläne des europäischen Rates zur “Chatkontrolle”, also ein Gesetz, die Messengerdienste dazu zu verpflichten, Hintertüren in die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der Kommunikation einzubauen, finde ich jedenfalls derart wenig faszinierend, dass hier auf auf die Kampagne “Chatkontrolle stoppen” verweisen möchte.

Die Chefin der Signal-Stiftung (Signal ist einer der wenigen Messenger, hinter dem eine gemeinnützige Stiftung steht) droht mit dem Rückzug aus Europa. Meta, Apple & co würden sich wahrscheinlich dem Druck beugen, in Amerika unter Trump sieht man derzeit, wie sehr die Konzerne bereit sind, sich mit der Politik zu arrangieren. Wer auch immer einwenden mag, dass ein Volk eben eine andere Regierung wählen könnte, der möge sich vor Augen führen, dass das demokratisch deutlich direkter legitimierte europäische Parlament mit breiter Mehrheit gegen die Chatkontrolle ist. Der europäische Rat (die Regierungsvertreter der Mitgliedsstaaten) haben wenig überraschend ein Interesse daran, exekutive Befugnisse auszuweiten.

Ich bin ein großer Freund der Idee der europäischen Union, weil sie für mich die derzeit wirkmächtigste Vertreterin westlicher freiheitlicher Werte ist. Aber trotzdem beruht ihre Konstruktion auf historisch gewachsenen Kompromissen. Wenn diese Kompromisse dazu führen, dass Entwicklungen völlig falsch laufen, dann muss es dagegen zivilgesellschaftlichen Widerstand geben. Sich für Freiheit einzusetzen wird manchmal ein wenig kosten. Vielleicht können schon ein paar Euro an Betreiber von Messengern, die nicht zu Konzernen gehören, an progressive politische Kampagnen oder auch an progressive Parteien etwas daran ändern.

Wenig faszinierende Strategien 30 | Ende und Neuanfang 9

03Oct
2025

Die Strategie unserer derzeitigen Gesellschaft mit Drogen umzugehen ist wenig faszinierend. Auf dem derzeit stattfindenden Oktoberfest wird der exzessive Konsum von Alkohol geradezu zelebriert (wobei man auch alkoholfreie Maß Bier bestellen kann und dort eine gute Zeit haben kann, wie ich kürzlich ausprobierte). Deutschland ist im weltweiten Vergleich eines der Länder, in dem der Alkohol am günstigsten zu erwerben ist, obwohl eine Verteuerung nachweislich am meisten bringen würde, um junge Leute vom Alkoholkonsum und dessen gesundheitlichen Gefahren abzuhalten.

Sehr spannend fand ich in diesem Zusammenhang, was der Notfallmediziner Gernot Rücker, der regelmäßig auf der Fusion in Berlin im Einsatz ist, zum Thema Alkohol und Drogen schreibt:

Alkohol löst keine Probleme. Da ist es fast cleverer, einen Joint zu rauchen, weil der Kater nicht so heftig ist.
[…]
Alkohol schlägt auf das Frontalhirn, den Geschäftsführer des Hirns. Das heißt, man kommt auf dumme Ideen. Das ist in einem emotionalen Ausnahmezustand wie Liebeskummer ausgesprochen kontraproduktiv.
[…]
Ein Muss ist aus meiner Sicht die Freigabe von LSD. Für die Therapie bei schwersten behandlungsresistenten Depressionen und als Freizeitdroge ist es absolut geeignet. Es ist risikoarm, wenn man damit umzugehen weiß und ein erfahrener Tripsitter einen begleitet.

https://www.zeit.de/campus/2025/04/die-alkoholdiktatur-wird-fallen

Sehr empfehlen kann ich in diesem Kontext auch das Buch Stealing Fire, in dem das gigantische Potential erörtert wird, wir uns durch besondere Bewusstseinszustände weiterentwickeln können. Wie man seine Mitte finden und seine geistigen Fähigkeiten weiterentwickeln kann, in dem man sich nicht mit Drogen wie Alkohol oder exzessiven Social-Media-Konsum sediert, sondern nach Introspektion durch besondere Bewusstseinszustände sucht. Sei es durch Meditation, besondere Atemtechniken oder den bewussten Umgang mit Substanzen.

Whether we’re examining psychedelics like LSD or empathogens like MDMA, mind-altering drugs are more popular than at any other time in history. Thirty-two million Americans use psychedelics on a regular basis (that’s nearly one in ten) and report considered reasons for doing so. According to a 2013 study published in a journal of the National Institutes of Health, the most common motivations are to “enhance mystical experiences, introspection and curiosity.” Transcendence, not decadence, appears to be driving use forward.

aus: Stealing Fire, Kapitel 8

In der Tendenz ist das Buch keine Werbung für Substanzen, diese werden nur als eine von vielen Möglichkeiten aufgeführt, intensive Selbsterfahrungen zu machen. Es gibt viele Möglichkeiten im Bereich von Yoga, Meditation oder Atemtechniken, die vielleicht den längeren, aber vielleicht auch nachhaltigeren, Weg zur Erkenntnis bedeuten. Substanzen werden eher als die Abkürzung beschrieben, mit der sich bestimmte Zustände erreichen lassen. Klar ist, dass die aktuelle Studienlage sehr klar zeigt, dass die Psychedelika und Empathogene erheblich weniger gefährlich sind, was Toxizität und Abhängigkeitspotential angeht, als Alkohol.

Vielleicht ist der Traum der Hippies aus den 70ern, dass eine andere Gesellschaft möglich ist, mit weniger Aggressivität und mehr Miteinander, Empathie und Liebe, doch nicht ganz ausgeträumt. Ein Neuanfang für den Umgang mit bewusstseinsverändernden Techniken und Substanzen könnte auch ein Neuanfang für unser soziales Miteinander sein.