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  • 02Dec
    2020
    8:33 pm

    Geschäftsstrategien im Bereich des Plattformkapitalismus gehören für mich zu den am wenigsten faszinierenden Strategien überhaupt. Sei es Uber, Lieferando, Amazon Marketplace oder wie all die Geschäftsmodelle heißen, die im Wesentlichen nach folgendem Schema aufgebaut sind: Wir haben eine App. Für dich, lieber Konsument, wird es nun sehr komfortabel. Kundenzentrierung heißt schließlich unsere Religion! Wir bekommen natürlich eine (anfangs kleine) Provision. Dass diese stetig mit unserer Marktmacht wachsen wird, sagen wir dir noch nicht. Der Dienstleister oder Produzent (bspws. Uber- oder Lieferando-Fahrer, Pizzabäcker, etc.) soll sich nicht so anstellen. Konkurrenz belebt das Geschäft! So haben wir das doch alle in der Mikroökonomie mal gelernt.

    Die hohen Anfangsinvestionen und die Zuversicht der Investoren lässt sich nur damit erklären, dass von Anfang an die Hoffnung besteht, dass die Plattform zu einem marktbeherrschenden Quasi-Monopol mutiert, die den Produzenten die Bedingungen erklärt. Diese Produzenten werden zunächst natürlich liebevoll umworben: Wir sorgen für dich, deine Auftragslage wird besser, die Provisionen sind niedrig! Dies ist vorsätzlich unehrlich. Jeder Spielkasino-Betreiber, jeder Hersteller von autonomen Kampfdrohnen, jeder Bordellbetreiber hat ein ehrlicheres Geschäftsmodell als die Plattformkapitalisten. Kaum mehr nötig zu erwähnen, dass das Beschäftigungsverhältnis der Dienstleister in diesem Geschäft (die Lieferando-Fahrer) als Solo-Selbstständige eine einzige Umgehung des Sozialstaates ist.

    Die ZEIT hat in ihrer aktuellen Ausgabe die Situation exemplarisch für das Beispiel Lieferando beleuchtet:

    “Dafür zahlen die beiden eine Provision von normalerweise 28 Prozent, sie haben einen älteren Vertrag. Restaurants, die heute neu auf die Plattform kommen, müssen 30 Prozent abgeben.
    […]
    Seine wachsende Marktmacht hat das Unternehmen genutzt, um die Provision Jahr für Jahr weiter zu erhöhen. Wer, anders als die Hamburger Pizzeria, das Essen selbst zu den Kunden bringt, statt es von der Lieferando-Flotte ausfahren zu lassen, zahlte vor fünf Jahren pro Vermittlung neun Prozent. Heute sind es durchschnittlich 13 Prozent.
    […]
    Immer wieder passiere es, dass Pizzen zusammengefaltet “wie eine Calzone” bei seinen Kunden ankämen, weil ein Lieferando-Fahrer die Kartons hochkant in seinen Rucksack stecke, sagt er. Schon “tausend Mal” habe er den Kundendienst darauf hingewiesen, ohne Erfolg. Lieferando erstattet ihm in solchen Fällen nur die Hälfte des Verkaufspreises.”
    aus: ZEIT 49/2020, “Lieferando – Das schmeckt ihnen nicht” (nur für Z+ verfügbar)

    Soweit also die desolate Lage von Restaurants, die von einem Anbieter abhängig geworden sind, weil die service-verwöhnte Kundschaft lieber mit einem Klick in einer App bestellt, als direkt bei einem Restaurant anzurufen oder auch einfach mal selbst vorbeizulaufen und die Pizza abzuholen. Ein bisschen Bewegung schadet sicherlich nicht in diesen Covid-19-Zeiten, in denen so viele von uns jeden Tag im Home Office sitzen.

    Dieser Beitrag wurde nicht mit “Das Drama der Menschheit” überschrieben, sondern ich habe mir das Label “Die Macht unseres Handelns” neu ausgedacht, weil es zum einen in der Macht der Konsumenten liegt, daran etwas zu ändern und sich parallel dazu auch auf der Seite der Produzenten Widerstand formiert:

    “Dass sich auch kleine, familiengeführte Restaurants von Lieferando lossagen können, will der Unternehmer Fadi Abu-Gharbieh aus Münster beweisen. […]
    Vor allem aber verlangt sie von den Restaurants statt einer prozentualen Umsatzbeteiligung nur einen Betrag von maximal 250 Euro pro Monat.
    […]
    ‘Die Unzufriedenheit vieler Gastronomen mit Lieferando ist groß’, sagt er. ‘Die flehen uns regelrecht an, dass wir ihnen helfen.'”
    (gleiche Quelle)

    Insofern ist es in unserer Hand, durch einen bewussteren Konsum und eine bewusstere Auswahl unserer beauftragten Dienstleistungen etwas zu ändern.

    Posted by Patrick @ 8:33 pm

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