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Blogroll:

  • 15Dec
    2012
    1:41 pm No Comments

    Gegeben sei ein Konflikt zwischen zwei Diskutanten und wir nehmen an, dass für beide die gleichen rationalen Schlüsse bei gleicher Ausgangslage möglich sind. Weiterhin nehmen wir an, dass vollständige Information vorliegt, also das beide die gleichen für den Konflikt relevanten Informationen kennen. Unmittelbar stellt sich die Frage, wo nun noch überhaupt ein Konflikt bestehen kann: gleiche Ausgangslage, vollständige Information, perfekte Urteilskraft der Diskutanten – in der Multiagentenlogik folgt unmittelbar, dass beide Agenten (Diskutanten) für jedes gegebene Problem zum gleichen Schluss kommen müssten. Warum funktioniert das in der realen Welt zumeist nicht? Weil die “vollständige Information” und die “perfekte Urteilskraft” bei der Antizipation des Weltbildes des anderen aufhört. “Weltbild” schließt so viele Dinge, wie die gesamten Lebenserfahrungen, den politischen Standpunkt oder die ideologische Prägung mit ein. Dabei erkennen wir durchaus das Weltbild des anderen, also können wir es theoretisch zumindest als einfaches Modell rezipieren und “darin denken”, was bereits hinreichend sein kann um einen beliebigen Konflikt mit einem anderen Menschen mit dieser einfach Erkentnis aufzulösen:

    Ich erkenne, dass dies in deinem Weltbild Sinn macht. Gleichzeitig ist es in meinem Weltbild Schwachsinn. Wir können an dieser Stelle aufhören, zu streiten, denn dieser Konflikt ist für unsere Bekanntschaft/Freundschaft/Zusammenarbeit nicht weiter relevant. Wir können die Antizipation des jeweils anderen Weltbildes (das durch einen lange Reifeprozess entstanden ist) als Bereicherung auffassen und darüber beizeiten nachdenken. Unser Weltbild wird sich sicherlich noch ändern im Laufe des Lebens. Vielleicht kommen wir dann in diesem Konflikt sogar irgendwann einmal zu dem gleichen Schluss.

    Dies Fähigkeit, die ich umschreiben möchte mit “Weltbild-Antizipationsfähigkeit”, könnte das soziale Leben unter den Menschen um ein vielfaches friedlicher machen und selbst die Tatsache, dass in unserer Kultur Feindschaft besser als Freundschaft gedeiht, könnte mit einer Kultur der Weltbild-Antizipationsfähigkeit nivelliert werden; wir könnten friedlicher und freundlicher miteinander umgehen. Da diese Idee faszinierend ist und das Weltbild des anderen eine Menge von Strategien ist, nenne ich dies eine faszinierende Metastrategie.

    Wenig faszinierend dagegen ist, dass diese Idee unter Begriffen wie Respekt und Toleranz seit Jahrtausenden in unserer Kultur gepredigt wird. Dabei sind diese Begriffe sinnleer, solange sie von Menschen gebraucht werden, die nicht in der Lage sind oder nicht willens sind, einmal im Weltbild des Anderen zu denken. Stattdessen ist die Welt voller Weltbild-Missionare, Menschen die ihre Energie darin verschwenden, anderen Menschen ihr Weltbild aufzudrängen, man kennt das als politische oder religiöse Ideologien.

    Wenig faszinierend ist auch, dass diese Strategie für den politischen Konsens nicht funktioniert. Ein politischer Konsens hat das Ziel einen möglichst großen gemeinsamen Nenner vieler Weltbilder zu finden und am Ende mit einem möglichst großen Minimalkonsens der Weltbilder aus der Debatte herauszugehen. Weltbild-Missionierung und Erklärung des gegnerischen Weltbildes zu einer schwachsinnigen Strategie sind hierbei die bewährtesten Methoden der politischen Debatte; Weltbild-Antizipation wird sich in diesem Bereich nie durchsetzen. Stattdessen geht es um den Streit um Meinungen und um Worte, zum dem Hermann Hesse in “Siddhartha” schreibt:

    “Laß dich aber warnen, du Wißbegieriger, vor dem Dickicht der Meinungen und vor dem Streit um Worte. Es ist an Meinungen nichts gelegen, sie mögen schön oder häßlich, klug oder töricht sein, jeder kann ihnen anhängen oder sie verwerfen.”

  • 08Dec
    2012
    12:38 pm No Comments

    “Der Wissensdrang, das ist eine seltsame Sache… Es gibt nur sehr wenige Leute, die ihn besitzen, selbst unter den Forschern; die meisten begnügen sich damit, Karriere zu machen, und geben sich bald nur noch mit Verwaltungsarbeit ab; dabei spielt das für die Geschichte der Menschheit eine unglaublich große Rolle. Man könnte sich eine Fabel ausdenken, in der eine ganz kleine Gruppe von Leuten – höchstens ein paar hundert Menschen auf dem ganzen Erdball – mit verbissener Hartnäckigkeit eine sehr schwierige, sehr abstrakte, dem Nichteingeweihten völlig unverständliche Tätigkeit verrichten. Diese Menschen bleiben der übrigen Bevölkerung für immer unbekannt; sie gelangen weder zu Macht noch zu Reichtum und werden nicht einmal mit Ehren überhäuft; niemand ist überhaupt in der Lage, das Vergnügen zu begreifen, das ihnen ihre Tätigkeit bereitet. Und doch sind sie die wichtigste Macht der Welt, und zwar aus einem einfachen Grund, einem ganz einfachen Grund: Sie haben die Schlüssel zur rationalen Gewißheit in der Hand. Alles, was sie als wahr erklären, wird früher oder später von der gesamten Bevölkerung als wahr anerkannt. Keine wirtschaftliche, politische, soziale oder religiöse Macht ist in der Lage, sich der offenkundigen rationalen Gewißheit zu widersetzen. Gewiß hat sich die westliche Welt über alle Maßen für Philosophie und Politik interessiert und sich in geradezu unsinniger Weise um philosophische und politische Fragen gestritten; gewiß hat die westliche Welt auch eine wahre Leidenschaft für Literatur und Kunst entwickelt; aber nichts in ihrer ganzen Geschichte hat eine solche Bedeutung gehabt wie das Bedürfnis nach rationaler Gewißheit. Diesem Bedürfnis nach rationaler Gewißheit hat die westliche Welt schließlich alles geopfert: ihre Religion, ihr Glück, ihre Hoffnungen und letztlich ihr Leben.
    Das ist etwas, was man nicht vergessen darf, wenn man ein Gesamturteil über die westliche Zivilisation abgeben will.
    […] Ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß die Religionen vor allem Versuche sind, die Welt zu erklären; und kein Versuch, die Welt zu erklären, ist von Bestand, wenn er gegen unser Bedürfnis nach rationaler Gewißheit verstößt. Der mathematische Beweis und die induktive Methode sind endgültige Errungenschaften des menschlichen Bewußtseins.”

    Michel Houellebecq in “Elementarteilchen”

  • 24Nov
    2012
    8:26 pm No Comments

    “Aber für die Entwicklung der Persönlichkeit ist die Ablösung notwendig – und deswegen kann auch das Verhältnis von Eltern und Kindern nie konfliktfrei und nie frei von Verletzungen sein. Jeder, der Kinder hat, faßt immer von neuem den Vorsatz, daß diesmal alles problemlos verlaufen soll. Das wird es aber nie, weil der Weg des Kindes letztlich zum Bruch mit den Eltern führen muß. Er beginnt bei maximaler Abhängigkeit und minimaler Autonomie, und er zielt auf minimale Abhängigkeit und maximale Autonomie. Das geht für alle Beteiligten nicht ohne Schmerzen ab. Manche schaffen das Heraustreten aus der Weltsicht der Eltern schon mit dreizehn, vierzehn, andere können froh sein, wenn sie es mit fünfunddreißig zustande bringen, und wieder andere haben es mit siebzig noch nicht geschafft. “

    Daniel Kehlmann (in “Requiem für einen Hund”, Gespräch mit Sebastian Kleinschmidt)

  • 17Oct
    2012
    12:03 am No Comments

    Eine faszinierende Erfolgsstrategie im Rahmen der parasitären Symbiose von a) des kleinen Mannes, der kleinen Frau, des_r besorgten Mitbürger_in und b) der etablierten Arroganten, oder arroganten Etablierten, respektive, besteht in der aufmerksamen Analyse einer zur Erlangung eines akademischen Grades notwendigen Abschlussarbeit, dessen Relevanz für das Zeitgeschehen, die Tätigkeit des Verfassenden und die Allgemeinheit an sich, noch zu zeigen, noch zu beweisen wäre, sowie der anonymen, schwarmintelligenten Propagation eines zeilulösen Gutachtens, ganz im Dienste der Wissenschaft; schließlich war es zu deren Fortschritt willen, das vor lange zurückliegender Zeit das Archiv einer Universität um ein paar Hundert Seiten Blattwerk, angesiedelt zwischen Rekombination, Reinterpretation, Reorganisation – aber nicht Plagiarismus! – berreicht worden ist, dort gut behütet, niemals von irgendjemanden zur Kenntnis genommen, bis nun, zum heutigen Tage, als sie nun kamen, sie, die das Blattwerk nun erstmals akribischst unter die Lupe nahmen – ja wer? Die Schwarmintelligenten!

     

  • 06Oct
    2012
    12:32 pm No Comments

    Dieses Blog sollte immer unpolitisch bleiben. Ich weiß nicht wie sehr mir das gelingen kann, als jemand, der jeden Tag mindestens drei Stunden lang auf mindestens drei verschiedenen Nachrichtenportalen politische Artikel liest; aber wenigstens versuche ich es. Denn wer politisiert, der muss zwangsläufig auch polarisieren, sich weit in eine Richtung neigen um die schwerfällige Mitte ein ganz klein wenig in die gewünschte Richtung ziehen zu können. Wie die Gewerkschaft, die 15% mehr Lohn fordert, im sicheren Wissen, dass der Betrieb dann pleite ging; aber sich schließlich mit 3% nach langen und zähen Verhandlungen zufrieden gibt. Dies sind Erfolgstrategien, ohne Frage, aber es ist wenig faszinierend wie sehr man sich damit auf das Feld der Feindschaft und der Gegnerschaft begibt.

    Vielleicht deswegen gefällt mir Roche&Böhmermann so gut: Weil diese Talkshow im besten Sinne unpolitisch ist. Natürlich waren schon oft Politiker eingeladen; da war Marina Weisband, die so schön ist, dass es auch bei viel gutem Willen schwer fällt, sich auf die Inhalte ihrer Politik zu konzentrieren. Auch Boris Palmer war schon da, ein Kommunalpolitiker, der im Stuttgarter Bahnhofsstreit Bekanntheit erlangte. Doch wer versucht zu politisieren in dieser Talkshow, dem wird durch die ironische Distanz eines Jan Böhmermann jeglicher Wind aus den Segeln genommen. Das, was noch an Fahrt übrig bleibt, das wird spätestens mit Charlotte Roches naiven und lieb-lächelnd vorgetragenen Fragen absorbiert. Genau dafür ist sie mir so unglaublich symphatisch. Sie sagt einfach, was sie denkt, egal ob es gerade ein wenig kindlich klingt oder fast schon zu viel sexuelle Explizitheit für eine “zdf.kultur” Sendung an den Tag legt. Auch den sonst so aalglatten Markus Lanz hat man noch nie so symphatisch erlebt, wie als Gast bei Roche&Böhmermann, als der zu Charlotte sagt:

    “Das Subversive, was ihr hier so verströmt – ich mag das! Und ich mag es auch, mit dir über Sex zu reden, das gefällt mir.”
    Sendung vom 2. September, 27:50

    Im Grunde genommen ist nichts an dieser Sendung im klassischen Sinne intellektuell und doch gleichzeitig voller intellektueller Anspielungen. Die Sendung ist ein Lehrbeispiel wie gelungene Rethorik abseits des Politischen funktioniert; oder auch nur Gestik, so wie “Playboy” Rolf Eden in der Sendung vom 23. September, auf die Abschlussfrage an jeden Gast, mit welchem anderen Gast er gerne schlafen würde, wortlos mit einem nüchternen Fingerzeig auf die (zugegebenermaßen sehr attraktive) Jeanine Michaelsen antwortet. In dieser Melange aus ironischer Distanz, glaubwürdiger Naivität und ein wenig tatsächlicher Subversivität, da ist nur jemand wie Christopher Lauer von den Piraten fehl am Platz, so wie in der Sendung vom 30. September. Einerseits ist er für einen modernen Politikertypus ein durchaus sympathischer Vertreter – still, intellektuell, ernsthaft. Gleichzeitig versagt er auf ganzer Linie dabei, die Ironie dieser Sendung zu verstehen; geradezu beleidigt konstatiert er irgendwann “Jan, du machst hier den Kasper!”. In der Rolle als kettenrauchender Beobachter, der das Geschehen kritisch verfolgt und sich gleichzeitig dazu bekennt, die Sendung zu mögen da mag man ihn auch. Doch Charlotte kann man gut verstehen, wenn sie sagt, dass die Stimmung in dem Raum runter geht, wenn Christopher Lauer das Wort ergreift. Irgendwie ist es tatsächlich unterhaltsamer, wenn Charlotte über männliche Brustbehaarung spricht als wenn Christopher Lauer diese Sendung versucht zu politisieren.

    Was lernen wir daraus? Gute Talkshow-Unterhaltung muss nicht intellektuell sein, es reichen ein paar intellektuelle Gäste und eine Sprunghaftigkeit der Moderatoren, die jede politische Debatte recht schnell im Blickwinkel der ironischen Distanz als lächerlich erscheinen lässt.

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