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  • 05May
    2018
    1:02 pm Comments Off on Wenig faszinierende Strategien 20 | Das Drama der Menschheit 10

    Die Strategien, mit denen die “sozialen Medien” um unsere Aufmerksamkeit buhlen sind wenig faszinierend. In der aktuellen ZEIT hat Christoph Drössner ein paar schöne Analogien dazu gefunden:

    “Werbung kann man aber nur jemandem zeigen, der sich gerade auf der Plattform befindet. Daher ist es das Interesse aller Dienste – ob Facebook, YouTube oder Netflix –, Menschen möglichst lange auf der eigenen Seite, in der eigenen App zu halten. Doch Aufmerksamkeit ist eine biologisch begrenzte Ressource, um die immer mehr Angebote konkurrieren. »YouTube hat ein Ziel«, sagt Harris, »nämlich dass du alle deine anderen Ziele vergisst und möglichst viele YouTube-Videos schaust.« Deshalb läuft immer gleich das nächste Video an, wenn ein Film zu Ende ist. Deshalb bietet die Plattform in einer Seitenleiste ähnliche Videos an, die den Nutzer auch interessieren könnten. Deshalb gratuliert Snapchat seinen Nutzern zu einem »Streak«, wenn zwei sich über eine Woche hinweg täglich Nachrichten geschickt haben. Und deshalb erblickt man auf Facebook nie die Meldung »Du hast nun alle Nachrichten deiner Freunde gelesen und kannst dich anderen Dingen widmen« – die Timeline, die Nachrichtenspalte, ist endlos, so weit man auch nach unten scrollt. Das erinnert an das berühmte Experiment mit den »bodenlosen Suppentellern«, mit dem Psychologen zeigten: Wenn man einem Menschen unbemerkt immer mehr Essen anbietet, dann überfrisst er sich maßlos.”
    Christoph Drösser: “Eine Überdosis Facebook”, in: DIE ZEIT vom 03.05.2018

    Es gehört zum Drama der Menschheit, dass unsere Aufmerksamkeit so leicht manipuliert werden kann. Evolutionsbiologisch ist es nicht nur sinnvoll, so viel zu essen, wie gerade irgendwie möglich ist, sondern auch einem Informationsstrom, der nicht abreist, weiter zu folgen: Solange sich im Gebüsch was regt, könnte die Beute oder wahlweise auch der Angreifer in der nächsten Sekunde hervorspringen. Im Facebook- oder Twitterstream passiert das natürlich nicht, dort erwartet uns vor allem simple Unterhaltung, abgesehen von den wenigen Momenten in denen man Worte wie “Nuclear Button” und “Kim Jong Un” wahrnimmt. Da hält die Welt kurz inne, fragt sich, ob hier jemand aus Versehen den dritten Weltkrieg auslöst und kurz darauf sind die Headlines der üblichen Medien voll davon. Wenigstens einer hat’s eben drauf, wie man die Wettkämpfer um die Aufmerksamkeitsökonomie mit ihren eigenen Waffen schlägt. Das muss man neidlos anerkennen.

    Und was tun wir nun dagegen, außer mit geballter Medienkompetenz uns ein eigenes Bild der Welt und unseres sozial-medialen Umfelds zu machen? Christoph Drössner hat am Ende des Artikels ein paar paternalistisch wirkende “Lebensratgeber”-Empfehlungen zum Umgang mit digitalen Medien. Dass man weniger Apps haben sollte, die uns ständig mit ihren Push-Mitteilungen herausreißen und dann um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren, finde ich gut. Beruflich erforderliche Dauerablenkungen wie der Firmen-Chat sind schon schlimm genug. Aber die Empfehlung, dass das Handy nicht das erste und letzte am Tag sein sollte, was man in der Hand hat, und daher nichts auf dem Nachtkästchen zu suchen hat? Ich weiß nicht. Ich finde es ganz beruhigend, wenn’s in der Spiegel-Headline “nur” um die Anklage gegen Winterkorn durch das amerikanische Justizministerium geht. Es schläft sich gut mit dem Wissen, dass der dritte Weltkrieg noch nicht angefangen hat und es ist nach dem Aufwachen beruhigend zu wissen, dass er auch in der Zeit dazwischen nicht angefangen hat.

  • 02Apr
    2018
    7:34 pm Comments Off on Faszinierende Literatur 1 | Das Drama der Menschheit 9

    Nach längerer Schreibpause möchte ich mit Literaturrezensionen hier nun eine neue Kategorie an Blog-Posts beginnen. Unter anderen motiviert durch einen lokalen Literaturzirkel (in dem eben jenes nun heir vorgestelltes Werk demnächst besprochen wird), lese ich nun wieder mehr Belletristik. Das erste hier vorgestellte Werk soll “Was vom Tage übrig blieb” vom Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro sein.

    Beschrieben wird die Geschichte des Butlers Stevens in einem englischen Adelshaus in den 30er Jahren. Dieser Posten entspricht keineswegs einem einfachen Diener, sondern eher dem eines ständigen Assistenten seines Dienstherrn und zugleich Personalchef über einen Großteil der Dienerschaft des Hauses – gleichrangig mit der Haushälterin Miss Kenton, der Herrin über den anderen Teil der Dienerschaft. Erzählt wird die Geschichte aus Stevens Sicht in mehreren Rückblicken, während sein vormaliger Dienstherr, der englische Lord Darlington, bereits verstorben ist und ein reicher Amerikaner das Anwesen übernommen hat, mitsamt Stevens als “Teil des Inventars”.

    Das Wesen von Stevens ist geprägt von Loyalität bis hin zur Selbstaufgabe, sein eigener Anspruch kreist beständig um den Begriff der “Würde”. Stevens stützt sich dabei auf die Aufnahmekriterien der Hayes-Society, die die größten Butler der Zeit vereinigt. Für einen “großen Butler” ist demnach

    “[…] das entscheidende Kriterium, dass der Bewerber von einer mit seiner Position in Einklang stehenden Würde beseelt ist. Kein Bewerber, wie hoch sein Leistungsniveau im Übrigen auch sei, kann den Erfordernissen entsprechen, wenn er diese Bedingung nicht erfüllt.”

    Ohne die Anweisungen seines Herrn im Mindesten zu hinterfragen, versucht er jeden Wunsch bestmöglichst zu erfüllen. Mehrfach findet Stevens sich in äußerst schwierigen Situationen wieder. Lord Darlington pflegt gute Kontakte nach Deutschland, in dem zu dieser Zeit die Nationalsozialisten regieren. Als Vertreter der britischen Appeasement-Politik, glaubt der Lord, in besten Absichten handelnd, einen kriegerischen Konflikt verhindern zu können. Infolgedessen stört sich der Besuch aus Deutschland an jüdischen Hausangestellten. Ohne das der Leser eine eigene Meinung von Stevens erfährt und gegen den heftigen Widerstand der Haushälterin Miss Kenton (die mit sofortiger Kündigung droht, aber sie dann nicht wahr macht) entlässt er zwei jüdische Dienstmädchen und zögert nicht gegenüber Miss Kenton, seine Loyalität zum Hausherrn zu bekräftigen.

    »Seine Lordschaft hat so entschieden, und es gibt für Sie und für mich nichts mehr zu diskutieren.«

    Erst viel später gibt Stevens gegenüber der Haushälterin zu, dass er die Entscheidung für falsch hielt – allerdings nachdem bereits Lord Darlington seinen Fehler eingesehen hat, und den Dienstmädchen sogar eine Entschädigung zukommen lassen wollte.

    »Die ganze Sache hat mir wirklich großen, großen Kummer bereitet. Es ist etwas, das ich in diesem Haus höchst ungern gesehen habe.«

    erklärt Stevens gegenüber der Haushälterin.

    Eine der – aus meiner Sicht – Schlüsselszenen ist das Aufeinandertreffen von Lord Darlington mit zwei anderen Politikern oder hohen Beamten in einer Diskussion über Wirtschafts- und Währungsfragen. Stevens wird gerufen, im Glauben den Gästen die nächste Flasche Wein zu servieren oder eine vergleichbare Dienstleistung zu erbringen. Stattdessen interessiert sich einer von Darlingtons Gästen vorgeblich nach Stevens Meinung zur Wirtschaftspolitik.

    »Guter Mann, ich möchte Sie etwas fragen. Wir brauchen Ihre Hilfe in einer Angelegenheit, die wir gerade besprechen. Sagen Sie, halten Sie es für denkbar, dass die Schuldensituation Amerika gegenüber bei dem derzeitigen niedrigen Handelsniveau eine entscheidende Rolle spielt? Oder glauben Sie, das ist ein Ablenkungsmanöver und das Kernproblem der Goldstandard?«
    Ich war natürlich ein wenig erstaunt, doch rasch hatte ich die Situation durchschaut; man erwartete ganz offensichtlich, dass mich die Frage verwirrte. Ja, während des Augenblicks, den ich brauchte, um dies zu erkennen und mir eine passende Antwort auszudenken, mag ich sogar den Eindruck erweckt haben, als kämpfte ich mit der Frage, denn ich sah alle Herren im Raum belustigte Blicke tauschen.
    »Ich bedaure, Sir«, sagte ich, »aber in dieser Angelegenheit kann ich Ihnen nicht weiterhelfen.«

    Daraufhin erhält er zwei weitere ähnliche Fragen, die er ebenso beantwortet. Lord Darlington entschuldigt sich bei ihm am nächsten Tag dafür, betont jedoch, wie sehr Stevens geholfen habe:

    »Es war wirklich höchst unschön. Aber sehen Sie, Stevens, Mr. Spencer wollte Sir Leonard etwas beweisen. […] Wir merken hierzulande immer viel zu spät, dass etwas aus der Mode gekommen ist. Andere große Völker wissen genau, dass man sich von alten, lieb gewordenen Methoden trennen muss, wenn es die Herausforderungen einer neuen Zeit zu meistern gilt. Nicht so hier in Großbritannien. Es gibt noch immer sehr viele, die so reden wie Sir Leonard gestern Abend. Deshalb glaubte Mr. Spencer, seinen Standpunkt durch eine Demonstration untermauern zu müssen. […] Die Demokratie gehört einer vergangenen Zeit an. Die Welt ist heute eine viel zu komplizierte Angelegenheit für allgemeines Wahlrecht und solche Dinge. Für endlose Parlamentsdebatten, die alles zum Stillstand bringen. War alles schön und gut, vielleicht vor ein paar Jahren noch, aber in der Welt von heute? […] Sehen Sie sich Deutschland und Italien an, Stevens. Sehen Sie sich an, was kraftvolle Führerschaft auszurichten vermag, wenn man ihr Handlungsfreiheit einräumt. Dort gibt es keinen solchen Unsinn wie allgemeines Wahlrecht oder ähnliches. Wenn Ihr Haus brennt, rufen Sie doch auch nicht alle Bewohner im Salon zusammen, um eine Stunde lang die verschiedenen Fluchtwege zu debattieren, oder?«

    Stevens stimmt ihm dabei stets zu – was bleibt ihm als loyaler Butler auch anderes übrig – aber später erklärt er auch in seinen eigenen Gedanken, dass er seinem Herrn im Kern zustimmt:

    Pflicht eines Butlers ist es, eine gute Dienstleistung zu erbringen, und nicht, sich in die großen Angelegenheiten der Nation einzumischen. Solche großen Angelegenheiten werden immer das Verständnis gewöhnlicher Menschen wie unsereins übersteigen, und wer von uns sein Zeichen setzen will, muss erkennen, dass er das am besten durch Konzentration auf das erreicht, was sich innerhalb seines Gebietes befindet, das heißt, indem er sich ganz der Aufgabe widmet, mit der bestmöglichen Dienstleistung jene großen Persönlichkeiten zu unterstützen, in deren Händen das Schicksal der Zivilisation tatsächlich liegt.

    Im höchsten Maße interessant aus heutiger Sicht finde ich diese von der herrschenden wie beherrschten Klasse geteilte Demokratie-Skepsis. Offensichtlich stellt sich Stevens in seiner unerschütterlichen Loyalität gegenüber der “großen Persönlichkeit” weit abseits des aufgeklärten abendländischen Humanismus, negiert die Bedeutung des Individuums für die politische Meinungsfindung, reduziert seinen persönlichen Wert auf “eine gute Dienstleistung”. Für einen aufgeklärten Begriff von “Würde” mag das sehr eigenwillig erscheinen.

    Eine interessante Rezension, insbesondere was diese Aspekte angeht, ist der Blogartikel “How ‘The Remains of the Day’ Helped Me Understand Brexit and Trump – Hidden within Nobel winner Kazuo Ishiguro’s novel is a powerful critique of neoliberalism“. Der Butler Stevens wird darin als der ideale Dienstleister eines neoliberalen Unternehmers interpretiert. Genau die Argumente der damaligen “großen Persönlichkeiten” aus dem Werk bringen auch die heutigen Demokratieskeptiker aus dem Establishment an: Die Entscheidungen der jüngsten Zeit (Euro-Rettung, EU-Subventionen, Freihandel, Globalisierung, …) seien zu komplex, als dass man sie auf den Wahlzetteln der Allgemeinheit überlassen kann. Es gibt sogar gewissermaßen Belege dafür: Bei Brexit und Trump haben große Teile der Wählerschaft aufgrund schlechter Information gegen ihre eigene Interessen gestimmt (z. B. als sozial Schwache gegen ein besseres Gesundheitssystem, von dem sie am meisten profitieren würden). In einem Blogbeitrag vor etwa einem Jahr habe ich bereits aus einem Spiegel-Artikel zitiert, in dem ein amerikanischer Politikwissenschaftler eine fundamentale (aber sehr hypothetische) Reform des Wahlsystems vorgeschlagen hat.

    Was können wir also von dem Demokratieskeptikern in Ishiguros Werk lernen? Gar nichts? Weil sie schlicht unrecht hatten, weil alles was unseren heutigen Werten, Idealen und unser Moral entspricht, sich Großbritannien offensichtlich viel besser entwickelt hat als das faschistische Deutschland, als die Nationalsozialisten regierten? Sind solche Argumente hinfällig, die konstant behaupten “Früher war alles einfacher, heute sind die Entscheidungen zu komplex für das einfache Volk”? Aber was würde man aus heutiger Post-Brexit-Votum-Sicht zu den Theorien von Lord Darlington sagen? Es waren freie Wahlen in Großbritannien, die Tatcher und ihren Neoliberalismus an die Macht brachten und den Niedergang des britischen Sozialstaates und den Gewerkschaften zur Folge hatten.

    Es waren freie Wahlen, die zum Brexit-Votum führten. Zum ausgestreckten Mittelfinger gegenüber dem Establishment. Einem Establishment, dem mancher vorwerfen kann, dass es neoliberal sei, dass es antidemokratisch ist, aber das wirtschaftspolitisch offensichtlich ziemlich gut funktioniert. Wäre Lord Darlington ein begeisterter hoher EU-Beamte gewesen? Oder eher ein loyaler Minister unter Tatcher? Auf jeden Fall kann man dem Establishment vorwerfen, dass es sich nicht für die Meinung des einfachen Volkes interessiert, ohne dies an dieser Stelle werten zu wollen. Sowohl der Brexit als auch die Trump-Wahl waren unbestreitbar vollkommen demokratisch, sie waren gegen das Establishment und sie waren – meiner Meinung nach – eine vollkommene Bullshit-Entscheidung, von der niemand etwas hat, und die Wähler, die dafür votierten, teilweise am allerwenigsten.

    Wollen wir antidemokratische Führerfiguren oder ein selbstbewusstes Volk, dass die Demokratie immer dann und immer dort für sich reklamiert, wann es mag, ganz gleich, wie vollkommen ahnungslos es vom konkreten Gegenstand ist? Natürlich liegt das Optimum – wie so oft – irgendwo in der Mitte. Es ist aus meiner Sicht eines der großen Dramen der Menschheit, dass wir bei der Genese unserer Regenten und Herrschaftssysteme so oft zwischen diesen beiden Gegenpolen hin- und hergeworfen werden.