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  • 25Jun
    2016
    4:57 pm No Comments

    Der Rückbau der europäischen Einigung ist für mich die am wenigsten faszinierende Strategie, seit ich die Politik in Europa verfolge. Cui bono?

    Ich glaube nicht daran, dass das skurrile Bündnis der ganz Linken, der ganz Rechten, der hoffnungslos Abgehängten und der Frustrierten, welche pauschal gegen “die da oben” gestimmt haben, in irgendeiner Weise von diesem Votum profitiert. Staaten, die sich abschotten und die wirtschaftlich zunehmend abgehängt werden, werden ganz bestimmt nicht gerechter und demokratischer werden. Aber was soll man darüber philosophieren, wenn die normative Kraft des Faktischen nun den europäischen Zerfallsprozess in Gang gesetzt hat?

    Politik besteht aus dem Widerstreit der gegensätzlichen Meinungen. Lassen wir einen der europäischen Intellektuellen zu Wort kommen, der sich ganz bestimmt über den Ausgang des Referendums gefreut haben dürfte:

    Houellebecq: Man müsste mehr direkte Demokratie wagen. […] Ein Volk, das weiß, dass es selbst entscheidet und nicht nur befragt wird, reagiert mit gesteigerter Verantwortlichkeit statt mit wütendem Protest […]
    Spiegel: Und wenn am Ende doch ein Nein zu Europa herauskommt?
    Houellebecq: Dann muss man sich damit abfinden.
    Spiegel 26/20016, Interview mit Michel Houellebecq

    Na schön, ein Volk dass sich mit Verantwortlichkeit aus dem Bund der Staaten zurückzieht, der einst gegründet wurde, um den Frieden in Europa zu sichern? Vielleicht sollte man sich dann auch gleich mit dem nächsten Krieg in Europa anfreunden?

    Houellebecq: Ein ethnischer oder ein religiöser Bürgerkrieg werden in Europa eine Möglichkeit bleiben. Übereinstimmende Indizien weisen darauf hin, dass es dazu kommen könnte. […] Ich wohne am Rande von Paris und spaziere gern bis zur Überführung an der Ringautobahn. Bis zur Auffahrt habe ich es nicht weit. Bricht der Bürgerkrieg aus, bin ich mit dem Auto schnell weg, so wie im Roman. Krieg und Fußball schaut man sich besser im Fernsehen an.

    Und der Krieg im Rest der Welt und diejenigen, die davor fliehen und nun bei uns Schutz suchen?

    Houellebecq: Ich glaube, Frankreich tut gut daran sich zu sperren. Wir nehmen nicht mehr Flüchtlinge aus, als wir können. […] Ich empfinde keine Verpflichtung, das Elend in der Welt zu lindern. Es heißt immer, die Ursachen der Flüchtlingskrise müssten in den Heimatländern bekämpft werden. Ich meine, zuallererst müssen die Menschen selbst die Ursachen bei sich daheim bekämpfen, zum Beispiel die Korruption und die Vetternwirtschaft.

    Nehmen wir den Fall an, dass eine wachsende Zahl an Europäern keine Verantwortung für den Rest der Welt mehr übernehmen will und die Regierungsverantwortung “dem Volk”, also den geschicktesten Demagogen, zurückgeben will. Nehmen wir an, dass in Amerika das gleiche passiert und jemand wie Trump Präsident wird. Dann ist das eine Meinung des befragten Volkes, die man als Demokrat respektieren muss, aber die zu einer einschneidenden Veränderung des Westens führen wird.

    Spätestens dann wird es Zeit für neue Bündnisse. Das Bündnis der Europa-Befürworter, die für die hohe Zustimmung in London gesorgt haben, ist ebenso wie die Gegner ein wenig skurril: Etablierte Vertreter des Großkapitals wie junge Kosmopoliten sind für Europa. Intellekt und Vermögen, und dann vielleicht noch der Wille, in Frieden miteinander zu leben, weil man so die besseren Geschäfte treiben kann und von seinem Intellekt mehr hat. Welche Form von Demokratie dann für diesen Neuanfang geeignet ist, wird man noch sehen müssen.