{"id":985,"date":"2020-02-28T00:16:06","date_gmt":"2020-02-27T22:16:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.p-roocks.de\/wordpress2\/?p=985"},"modified":"2020-02-28T00:16:06","modified_gmt":"2020-02-27T22:16:06","slug":"faszinierende-literatur-4-wenig-faszinierende-strategien-23","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.p-roocks.de\/wordpress2\/faszinierende-literatur-4-wenig-faszinierende-strategien-23\/","title":{"rendered":"Faszinierende Literatur 4 | Wenig faszinierende Strategien 23"},"content":{"rendered":"<p>Die Moral ist ein interessantes Konzept, eines der vielen faszinierenden Konstrukte der sowohl intellektuellen sowie soziokulturellen Konstruktion des Menschen. Aus philosophischer Sicht existiert ein absoluter, vernunftgeleiteter, Moralbegriff, herleitbar aus den <em>a priorio<\/em> gegebenen Gesetzen des rationalen Handelns &#8211; zumindest erkl\u00e4rt das Kant in der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Grundlegung_zur_Metaphysik_der_Sitten\"><em>Metaphysik der Sitten<\/em><\/a>, jenes Werk in dem er auch den popul\u00e4ren kategorischen Imperativ entwickelt.<\/p>\n<p>Schade eigentlich, dass von den Ideen von Kant so wenig \u00fcbrig ist, wenn im allt\u00e4glichen Diskurs ein Moral- und Sittenbegriff auftaucht, der so gar nichts mehr mit Kants Maximen und Imperativen zu tun hat, sondern rein auf soziokultureller Konstruktion beruht. Mit <em>Moral<\/em> wird allt\u00e4glichen Austausch oftmals ein Konzept adressiert, welches munter dem Wandel der Zeiten unterworfen ist. Die gesamte Sexualmoral, die Ablehnung der Promiskuit\u00e4t, das Ideal der Monogamie, die gew\u00fcnschte <em>Diskretion<\/em> dessen, was jeder tut, was jeder begehrt und das Leben von uns triebhaft gesteuerten Individuen doch so oft so viel mehr bestimmt, als die Lehren von Kant es jemals k\u00f6nnten. Gerade im Kontext der <em>Sexualmoral<\/em>, der b\u00fcrgerlichen Sitten und des Anstands, liegt es so sch\u00f6n nahe das Urteil der <em>Doppelmoral<\/em> \u00fcber ihre Vertreter zu verh\u00e4ngen: Wer auch immer predigt, dass man sich den menschlichen Trieben entsagen m\u00f6ge, aber f\u00fcr sich selbst g\u00e4nzlich andere Ma\u00dfst\u00e4be anlegt und dabei enttarnt wird, der ist als Moralist gescheitert. Eine wenig faszinierende Strategie.<\/p>\n<p>Eine wunderbar unterhaltsame Satire auf die b\u00fcrgerliche Moral &#8211; oder besser Doppelmoral &#8211; w\u00e4hrend der&nbsp;Belle \u00c9poque in Deutschland ist Heinrich Manns Roman &#8220;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Professor_Unrat\">Prof. Unrat oder Das Ende eines Tyrannen<\/a>&#8220;. Im Zentrum ein gestrenger Lehrer, ein Tyrann, aber auch eine Mensch von Intellekt, der &#8220;auf Dauer nicht gegen seinen Namen ankommt&#8221;, dessen Name stets zu &#8220;Prof. Unrat&#8221; (eigentlich&nbsp;&#8220;Prof. Raat&#8221;) verhohnepiepelt wird. Sein Gegenspieler: Der Sch\u00fcler Lohmann, der es viel subtiler schafft den Tyrannen zu provozieren, als ihm &#8220;Prof. Unrat&#8221; hinterherzurufen, wie es seine Sch\u00fclerkollegen tun:<\/p>\n<blockquote><p>Unrat ha\u00dfte Lohmann beinahe mehr als die andern, wegen seiner unnahbaren Widersetzlichkeit, und fast auch deshalb, weil Lohmann ihm nicht seinen Namen gab; denn er f\u00fchlte dunkel, das sei noch schlimmer gemeint.<br \/>\n[&#8230;]<br \/>\n[Lohmann] stand auf, st\u00fctzte die H\u00e4nde auf den Tischrand, sah dem Professor neugierig beobachtend in die Augen, als habe er einen merkw\u00fcrdigen Versuch vor, und deklamierte vornehm gelassen:<br \/>\n\u00bbIch kann hier nicht mehr arbeiten, Herr Professor. Es riecht auffallend nach Unrat.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Lohmann selbst beginnt Respekt f\u00fcr den &#8220;Anarchisten&#8221; zu empfinden und billigt ihm mehr Selbstbewusstsein als sich selbst zu (was sein Lehrer h\u00f6chstwahrscheinlich genau umgekehrt empfindet):<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbDieser Unrat f\u00e4ngt an, mich zu besch\u00e4ftigen: er ist eigentlich eine interessante Ausnahme. Bedenke, unter welchen Umst\u00e4nden er handelt, was er alles gegen sich auf die Beine bringt. Dazu mu\u00df man ein Selbstbewu\u00dftsein haben, scheint mir \u2013 ich f\u00fcr meine Person br\u00e4chte so eines nicht auf. Es mu\u00df in einem ein St\u00fcck Anarchist stecken&#8230;\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Als im weiteren Verlauf der Tyrann einer von seinen Sch\u00fclern angebeteten T\u00e4nzerin in einem Vergn\u00fcgungslokal hinterherl\u00e4uft und schlie\u00dflich &#8211; gegen regelm\u00e4\u00dfige hohe Geld- und Sachzuwendungen &#8211; bei ihr landet, die Aff\u00e4re im Rahmen eines Gerichtsprozesses (aus einem anderen Anlass) herauskommt und der Lehrer zum Direktor zitiert wird, erkl\u00e4rt er sich mit:<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbIch w\u00fcrde mein Leben \u2013 immer mal wieder \u2013 f\u00fcr nichts erachten, wenn ich den Sch\u00fclern die klassischen Ideale nur vorerz\u00e4hlte wie m\u00fc\u00dfige M\u00e4rchen. Der humanistisch Gebildete darf des sittlichen Aberglaubens der niederen St\u00e4nde billig entraten.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Persiflage b\u00fcrgerlicher Moral finde ich herrlich: An dem Punkt, wo die Fassade der b\u00fcrgerlichen Moral, der Vorbildfunktion des gestrengen Lehrers zusammenbricht, legitimiert der Protagonist sein Handeln mit der Ansicht, das Regeln doch nur f\u00fcr die anderen gelten. Tats\u00e4chlich k\u00f6nnte man so eine gelebte Doppelmoral, isoliert betrachtet, als eine gelungene Persiflage auf kleinb\u00fcrgerliche Sitten und Moral, die dem Lauf der Zeiten unterworfen sind, betrachten. In der Geschichte allerdings hat der Professor seine &#8220;Recherchen&#8221; \u00fcber die T\u00e4nzerin im Vergn\u00fcgungslokal stets damit begr\u00fcndet, seine Sch\u00fcler von &#8220;Nebendingen&#8221; abhalten zu m\u00fcssen, es als Teil seiner erzieherischen Aufgabe betrachtet, die Sch\u00fcler von den Verf\u00fchrungsk\u00fcnsten der k\u00e4uflichen Dame fernhalten zu m\u00fcssen. Damit wird seine Erkl\u00e4rung, dem &#8220;sittlichen Aberglauben der niederen St\u00e4nde zu entraten&#8221; zu einer blo\u00dfen Ausrede von einem gescheiterten Doppelmoralisten, einem missgl\u00fcckten Versuch, sein Weltbild doch noch irgendwie zurechtzur\u00fccken. Das Ende ist dann gerade zu episch: Er verliert w\u00e4hrend der Liaison mit jener &#8220;K\u00fcnstlerin&#8221; (deren Ehemann und gleicherma\u00dfen Zuh\u00e4lter er ist) erst sein Verm\u00f6gen durch den kostspieligen Lebensstil der beiden und am Ende noch seine Freiheit &#8211; nachdem er w\u00e4hrend eines Eifersuchtsanfalls durchdreht und gewaltt\u00e4tig wird, verursacht durch den Besuch Lohmanns bei seiner Gattin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Moral ist ein interessantes Konzept, eines der vielen faszinierenden Konstrukte der sowohl intellektuellen sowie soziokulturellen Konstruktion des Menschen. 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