{"id":981,"date":"2020-01-24T00:21:56","date_gmt":"2020-01-23T22:21:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.p-roocks.de\/wordpress2\/?p=981"},"modified":"2020-01-24T00:21:56","modified_gmt":"2020-01-23T22:21:56","slug":"faszinierende-menschen-1-wenig-faszinierende-erkenntnisse-19","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.p-roocks.de\/wordpress2\/faszinierende-menschen-1-wenig-faszinierende-erkenntnisse-19\/","title":{"rendered":"Faszinierende Menschen 1 | Wenig faszinierende Erkenntnisse 19"},"content":{"rendered":"<p>Edwards Snowdens Autobiographie &#8220;Permament Record&#8221; beschreibt einen der faszinierendsten Menschen, von denen ich bisher gelesen habe.<\/p>\n<p>Wenige Menschen machen sich in ihrer t\u00e4glichen Arbeit Gedanken dar\u00fcber, ob sie das <em>Richtige<\/em> tun. Noch viel, viel weniger Menschen gehen gro\u00dfe Risiken ein, um in bewusster Verletzung der Loyalit\u00e4t zu ihren Geldgebern auch tats\u00e4chlich das Richtige zu tun. Das Richtige nicht in einem absoluten Sinne, sondern im Grad der Konformit\u00e4t mit den Werte- und Moralvorstellungen, die wir uns angeeignet haben. Werte, die uns nicht angeboren sind, sondern die wir im Rahmen unserer soziokulturellen Pr\u00e4gung adaptiert haben und schlie\u00dflich zu den unseren erkl\u00e4rt haben. Snowden ist kein klassischer Gegenspieler der Institutionen, der Spionagebeh\u00f6rden, der staatlichen Gewalt, sondern war ein begeisterter Spion und Techniker und hat sich dar\u00fcber hinaus selbst zu einem <em>amerikanischen Patrioten<\/em> erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Nicht trotz dieser Tatsache, sondern genau deswegen waren und sind ihm die in der amerikanischen Verfassung verbrieften Rechte auf eine private Sph\u00e4re und auf das Briefgeheimnis wichtiger als die Loyalit\u00e4t zu seinen Vorgesetzten. F\u00fcr den Kampf f\u00fcr diese Rechte hat er das in seinen Augen Richtige getan, ein Vorhaben, f\u00fcr das er alles riskiert hat. Auch hat er, zumindest legen dies zahlreiche Andeutungen nahe, keineswegs mit einem so glimpflichen Ausgang (er lebt nun in Russland gemeinsam mit seiner Frau, die zu ihm gezogen ist) gerechnet, sondern sich eher den Rest seines Lebens hinter Gittern vorgestellt.<\/p>\n<p>Was ist von seinen Enth\u00fcllungen \u00fcber die anlasslose Massen\u00fcberwachung geblieben? Was haben wir aus der Existenz von Programmen wie &#8220;XKEYSCORE&#8221; gelernt, die nach Eingabe eines Namens oder einer Handynummer den Geheimdienstmitarbeitern Chatverl\u00e4ufe, Screenshots aus Videounterhaltungen oder Anruflisten sch\u00f6n \u00fcbersichtlich auflisten, \u00fcber jede Person dieser Welt, die \u00fcber das Internet kommuniziert?<\/p>\n<p>Produkte wie Cloud-Services f\u00fcr private Bilder oder Ger\u00e4te wie Echo, Alexa, etc. sind beliebter denn je, weil schlie\u00dflich &#8220;alles so sch\u00f6n praktisch ist&#8221;. Auf die Konsequenzen hingewiesen, dass gleicherma\u00dfen weltweit agierende Konzerne und Geheimdienste vieler L\u00e4nder dieser Welt somit noch viel einfacheren Zugriff auf unz\u00e4hlige private Daten haben, h\u00f6rt man gerne &#8220;Ich habe nichts zu verbergen.&#8221; Dazu schreibt Snowden:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Zu behaupten, dass uns unsere Privatsph\u00e4re egal ist, weil w\u0131r nichts zu verbergen haben, ist letztlich dasselbe, als w\u00fcrden wir behaupten, dass uns die freie Meinungs\u00e4u\u00dferung egal ist, weil wir nichts zu sagen haben. Oder dass uns die Freiheit der Presse egal ist, weil wir nicht gern lesen. Oder dass uns die Religionsfreiheit egal ist, weil wir nicht an Gott glauben. Oder dass uns das Recht auf friedliche Versammlung egal ist, weil wir tr\u00e4ge und antisozial sind und an Agoraphobie leiden. Nur weil uns die eine oder andere Freiheit heute nicht wichtig ist, hei\u00dft das nicht, dass sie uns oder unserem Nachbarn morgen auch noch unwichtig sein muss, oder den vielen prinzipientreuen Dissidenten, denen ich auf meinem Handy folgte, w\u00e4hrend sie an verschiedenen Orten demonstrierten in der Hoffnung, nur einen Bruchteil der Freiheiten zu erlangen, die mein Land so eifrig zu beschneiden suchte.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Ebenso absurd ist es, zu behaupten, dass einem die Privatsph\u00e4re egal ist, &#8220;weil die NSA und Google eh schon alles wissen.&#8221; Es ist eine wenig faszinierende Erkenntnis, wie gro\u00df Egalit\u00e4t einer gro\u00dfen Anzahl der Nutzer all dieser sch\u00f6nen neuen praktischen Kommunikationsmittel gegen\u00fcber all diesen staatlichen und nichtstaatlichen \u00dcberwachungsm\u00f6glichkeiten geworden ist.<\/p>\n<p>Geradezu am\u00fcsant finde ich die Passage, als Snowden erstmals auf die Journalisten trifft, denen er sich anvertraut hat. Er glaubt zu erkennen, dass sie entt\u00e4uscht dar\u00fcber sind, so einen jungen Menschen zu treffen (nachdem er zuvor nur vollkommen anonym kommunizierte). Deren Antizipation war wohl eher ein alter, depressiver, verbitterter Mensch, der weniger aus \u00dcberzeugung, als mehr aus Frust \u00fcber seinen Arbeitgeber und sein Land die Geheimnisse des Geheimdienstes an die Presse weitergibt.<\/p>\n<p>Ich frage mich: Ist es wirklich plausibel, dass jemand ohne echten inneren Antrieb, ohne von \u00dcberzeugung und dem Glauben an das Wahre und Richtige getrieben zu sein, mit solch einem Aufwand und unter solch einem Risiko ein solches Vorhaben durchzieht? Braucht es nicht gerade den Idealismus eines jungen Menschen, um so etwas zu tun? Snowden schreibt dazu:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Aber es besteht immer eine Gefahr, wenn man eine hochqualifizierte Person zu schnell zu weit aufsteigen l\u00e4sst, bevor sie genug Zeit hatte, um zynisch zu werden und ihren Idealismus aufzugeben.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Die amerikanischen Beh\u00f6rden brauchten Horden junger, technisch extrem begabter Leute, die mit gro\u00dfen Freiheiten ausgestattet, den besten denkbaren Signal Intelligence Dienst aufbauen sollten. Das d\u00fcrften sie bekommen haben. Neben sehr vielen loyalen und vermutlich an Politik und Gesellschaft vollkommen desinteressierten Technikern haben sie auch einige wenige Mitarbeiter bekommen, die ihren freien Geist nutzen, die grunds\u00e4tzliche Legitimit\u00e4t ihrer Aufgaben hinterfragen und sich am Ende h\u00f6heren Werten (wie den Rechten in der Verfassung) dann doch mehr verpflichtet f\u00fchlen als der Dienstanweisung eines Vorgesetzten.<\/p>\n<p>Vielleicht br\u00e4uchte die Welt mehr von solchen Leuten. Vielleicht w\u00fcrden Firmen, Nationen, Armeen, Gro\u00dffamilien und viele weitere Strukturen, die auf Kollektiven berufen, nicht mehr funktionieren, wenn es eine kritische Masse von Leuten gibt, die regelm\u00e4\u00dfig die Legitimit\u00e4t ihres Handelns in Frage stellen und im Zweifel sogar danach handeln. Noch so eine wenig faszinierende Erkenntnis.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Edwards Snowdens Autobiographie &#8220;Permament Record&#8221; beschreibt einen der faszinierendsten Menschen, von denen ich bisher gelesen habe. Wenige Menschen machen sich in ihrer t\u00e4glichen Arbeit Gedanken dar\u00fcber, ob sie das Richtige tun. 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