{"id":903,"date":"2016-09-28T10:56:57","date_gmt":"2016-09-28T08:56:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.p-roocks.de\/wordpress2\/?p=903"},"modified":"2016-09-28T13:02:40","modified_gmt":"2016-09-28T11:02:40","slug":"ansichten-eines-propheten-3-ende-und-neuanfang-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.p-roocks.de\/wordpress2\/ansichten-eines-propheten-3-ende-und-neuanfang-5\/","title":{"rendered":"Ansichten eines Propheten 3 | Ende und Neuanfang 5"},"content":{"rendered":"<p>Michel Houellebecq hat den Frank-Schirrmacher-Preis erhalten und zu diesem Anlass eine viel beachtete <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/zeitgeschehen\/michel-houellebecq-europa-steht-vor-dem-selbstmord-ld.118845\">Dankesrede (vollst\u00e4ndiger Wortlaut auf der NZZ)<\/a> gehalten. Seit der &#8220;tragischen Koinzidenz&#8221; (wie er selbst sagt), dass sein Buch &#8220;Unterwerfung&#8221; am Tag des Charlie-Hebdo-Attentats erschienen ist, gilt er so manchen als Prophet. Die NZZ hat seine Rede mit &#8220;Europa steht vor dem Selbstmord&#8221; \u00fcberschrieben und als Islamskeptiker ist er weithin bekannt. Nat\u00fcrlich erreicht das gro\u00dfe Aufmerksamkeit in Zeiten der R\u00fcckkehr der Nationalstaaten, in Zeiten von Front National und AfD. Warum erh\u00e4lt dieses <em>enfant terrible<\/em> der modernen Literatur nun diesen Preis, warum zitiere ich Houellebecq hier schon wieder?<\/p>\n<p>In gleichem Ma\u00dfe wie ich sein literarisches Werk bewundere, zweifle ich an seinen Prophezeiungen, deren Plausibilit\u00e4t sich einzig und allein aus eine Betrachtung der (lange zur\u00fcckliegenden) Geschichte und daraus ergebenden Projektionen auf die Gegenwart speist. Immerhin hoffnungsfroh seine Vermutung \u00fcber ein Ende der Gewalt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Warum hat die Franz\u00f6sische Revolution ein Ende genommen? Warum wurden die Menschen mit einem Schlag dieser Blutorgie \u00fcberdr\u00fcssig? Dar\u00fcber wissen wir nichts. Mit einem Mal, ohne ersichtlichen Grund, lie\u00dfen die Menschen davon ab, und die Gier nach Blut verschwand. Und vielleicht ist es einfach so, ohne wirklichen Grund, auf konfuse Weise und wenig spektakul\u00e4r, dass der Islamische Staat enden wird.&#8221;<br \/>\n<em>Michel Houellebecq<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Ich bin kein Historiker, aber vermutlich f\u00e4nden die meisten derer den Analogieschluss zwischen den franz\u00f6sischen Revolution\u00e4ren und den zur\u00fcckgebliebenen Fanatikern von Daish zumindest mutig. Immerhin mag man erkennen, dass die reine Gewalt niemals ein konstruktiver Ansatz in der Durchsetzung einer politischen Idee gewesen ist.<\/p>\n<p>Viel interessanter finde ich folgendes Zitat von Tocqueville, das Houellebecq als Referenz auf sein eigenes Ideenwerk zitiert:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Ich will mir vorstellen, unter welchen neuen Merkmalen der Despotismus in der Welt auftreten k\u00f6nnte: Ich erblicke eine Menge einander \u00e4hnlicher und gleichgestellter Menschen, die sich rastlos im Kreise drehen, um sich kleine und gew\u00f6hnliche Vergn\u00fcgungen zu verschaffen, die ihr Gem\u00fct ausf\u00fcllen.<br \/>\n[&#8230;]<br \/>\n\u00dcber diesen erhebt sich eine gewaltige, bevormundende Macht, die allein daf\u00fcr sorgt, ihre Gen\u00fcsse zu sichern und ihr Schicksal zu \u00fcberwachen. Sie ist unumschr\u00e4nkt, ins Einzelne gehend, regelm\u00e4\u00dfig, vorsorglich und mild. Sie w\u00e4re der v\u00e4terlichen Gewalt gleich, wenn sie wie diese das Ziel verfolgte, die Menschen auf das reife Alter vorzubereiten; stattdessen aber sucht sie blo\u00df, sie unwiderruflich im Zustand der Kindheit festzuhalten; es ist ihr recht, dass die B\u00fcrger sich vergn\u00fcgen, vorausgesetzt, dass sie nichts anderes im Sinne haben, als sich zu belustigen.&#8221;<br \/>\n<em>Alexis de Tocqueville in &#8220;\u00dcber die Demokratie in Amerika&#8221;, zitiert von Michel Houellebecq<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Man k\u00f6nnte meinen, diese Zeilen beziehen sich auf die m\u00e4chtigen jungen Konzerne, wie den <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2014\/30\/buchhandel-amazon-autoren\">freundlichen Diktator Amazon<\/a> oder auch Facebook; oder aber es ginge um eine Rezension von der (simpel gestrickten, wie ich finde) Dystopie &#8220;The Circle&#8221;, wo die Freiheit des Individuums von der sozialen Dauer\u00fcberwachung geschluckt wird und der Einzelne zum sozialnetzwerkkompatiblen Automaten verkommt. Tats\u00e4chlich entstanden ist diese Schrift 1835, also sehr lange vor Internet, Smartphones, vermeintlichem Twitter- und Instagram-Individualismus und vermeintlicher Bevormundung durch die Content-Generateure, die mit Browser-Spielchen das Volk bei Laune halten.<\/p>\n<p>Es ist also nichts anderes als intellektuelle Arroganz der Intellektuellen aus Europa, die in Amerika schon immer ein effizient und gut organisiertes Land sahen, welches aber in intellektueller Hinsicht reichlich simpel gestrickt ist? Haben die Kulturpessimisten, die Europa schon immer kulturell \u00fcberlegen gegen\u00fcber Amerika sahen aufgrund der ganz aktuellen Entwicklungen sogar recht, weil ein m\u00f6glicher Pr\u00e4sident wie Donald Trump das Land mit seiner schieren Dummheit in den Kollaps f\u00fchren k\u00f6nnte? Immerhin, da sind sich viele Beobachter einig, h\u00e4tte Trump ohne Twitter und Facebook keine realistische Chance, seine Botschaft unters Volk zu streuen. Paradoxerweise sollten gerade diese sozialen Medien eine universelle (weil staaten- und kulturen\u00fcbergreifende) Demokratisierung der Welt erm\u00f6glichen. Seit dem Chaos in der arabischen Welt, das nach der ersten &#8220;Twitter-Revolution&#8221; ausbrach, mag dar\u00fcber niemand mehr so recht sprechen.<\/p>\n<p>Als letztes Zitat aus seiner Rede kommen wir nun noch zu einem Thema, dass in jedem von Houellebecqs Romanen immer eine wichtige Rolle spielte: Sex, in allen Auspr\u00e4gungen in Varianten. Prostitution, Swinger-Clubs, st\u00e4ndig wechselnde Aff\u00e4ren erfolgreicher M\u00e4nner &#8211; all das ist zumindest aus der m\u00e4nnlichen (um nicht zu sagen: chauvinistischen) Wahrnehmung des Autors ganz wesentliches Element des erf\u00fcllten Lebens. In seiner Dankesrede sagt er nun, anl\u00e4sslich der Pl\u00e4ne die Prostitution in Frankreich vollst\u00e4ndig zu verbieten und nach schwedischem Vorbild die Kunden zu bestrafen:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Die Prostitution abschaffen hei\u00dft, eine der S\u00e4ulen der sozialen Ordnung abzuschaffen. Das hei\u00dft, die Ehe unm\u00f6glich zu machen. Ohne die Prostitution, die der Ehe als Korrektiv dient, wird die Ehe untergehen, und mit ihr die Familie und die gesamte Gesellschaft. Die Prostitution abzuschaffen, das ist f\u00fcr die europ\u00e4ischen Gesellschaften einfach ein Selbstmord.&#8221;<br \/>\n<em>Michel Houellebecq<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Ein bisschen fragt man sich nat\u00fcrlich, ob diese \u00c4u\u00dferung prim\u00e4r provozieren soll und er damit mehr Aufmerksamkeit f\u00fcr seine Rede auf den Online-Zeitungen erreichen will. Bei <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/literatur\/michel-houellebecq-ueber-islam-und-selbstmord-europaeischer-gesellschaften-a-1114101.html\">Spiegel Online<\/a> hat&#8217;s jedenfalls mit einer Referenz auf &#8220;Prostitution&#8221; im Abstract gekappt. Aber was versteht Houellebecq als &#8220;Korrektiv f\u00fcr die Ehe&#8221;? Geht er zun\u00e4chst von der nicht unplausiblen, und auch in der Wissenschaftsgemeinde durchaus geteilten Auffassung aus, dass der Mensch als liebendes Wesen f\u00fcr die <em>serielle Monogamie<\/em> gemacht ist, und eben nicht f\u00fcr einen einzelnen Sexualpartner f\u00fcr den Gro\u00dfteil seines Lebens? Dass die Rolle der anderen Partner substituiert werden kann, in dem der Ehemann vorgeblich lebenslang monogam lebt, aber verdeckt seinen Spa\u00df mit Prostituierten hat?<\/p>\n<p>Diese Interpretation scheint mir unvollst\u00e4ndig und vor allem r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt in dem Sinne, dass die Annahme zugrundeliegt, dass die monogame Ehe das einzig b\u00fcrgerlich akzeptierte Lebensmodell innerhalb der &#8220;sozialen Ordnung&#8221; ist und auch bleiben wird. Sowohl die Nachsichtigkeit in Bezug auf den Chauvinismus der Elite, speziell in Frankreich (siehe Pr\u00e4sident Hollande und dessen Aff\u00e4ren) als auch Houellebecqs Hypothese zur Prostitution ist vor allem eines: Eine isoliert m\u00e4nnliche Sicht auf die Sexualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Es ist in meinen Augen v\u00f6llig irrelevant f\u00fcr das zuk\u00fcnftige Zusammenleben und Lieben der Menschen und den resultierenden sozialen Ordnungen, ob ein vollst\u00e4ndiges Verbot der Prostitution nun kommen wird oder nicht. Eine wirklich freie und offene Gesellschaft wird allen Spielarten der Sexualit\u00e4t &#8211; Beziehungen, Aff\u00e4ren, Swinger-Clubs, Polyamorie oder was in dieser Hinsicht noch alles kommen wird &#8211; deutlich offener gegen\u00fcber stehen, als es die b\u00fcrgerliche Mehrheit heute tut. Mit dem Gedanken einer transparenten (bis hin zu: sozial \u00fcberwachten) und vereinheitlichten (im Sinne von: die Regeln des Spiels gelten f\u00fcr alle gleich) wie in <em>Tocqueville <\/em>Dystopie ist diese Idee im \u00fcbrigen durchaus kompatibel. Auch wenn ich nicht glaube, dass diese Ideen sich in irgendeiner Weise bedingen. Damit endet das Zeitalter des Chauvinismus, weil Frauen und M\u00e4nner, Homo- und Heterosexuelle, asexuell und polyamor lebende in gleichem Ma\u00dfe profitieren: Das moralische Schauspiel, die Verlogenheit der Sexualmoral wird keinen Sinn mehr machen; jeder macht einfach das, was seine(n\/m) (Spiel-)partner(n) gef\u00e4llt und l\u00e4sst das sein, was nicht gef\u00e4llt.<\/p>\n<p>Das Zeitalter der Chauvi-Eliten wird enden. Zeit f\u00fcr einen Neuanfang mit einer Freiheit, die von au\u00dfen betrachtet vielleicht als konformistisch wahrgenommen wird, aber im Inneren grenzenlosen Hedonismus zul\u00e4sst. Nicht die schlechteste aller Welten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michel Houellebecq hat den Frank-Schirrmacher-Preis erhalten und zu diesem Anlass eine viel beachtete Dankesrede (vollst\u00e4ndiger Wortlaut auf der NZZ) gehalten. 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