{"id":470,"date":"2012-07-01T13:06:38","date_gmt":"2012-07-01T11:06:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.p-roocks.de\/wordpress2\/?p=470"},"modified":"2012-07-01T15:31:13","modified_gmt":"2012-07-01T13:31:13","slug":"wenig-faszinierende-stadte-1-wenig-faszinierende-strategien-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.p-roocks.de\/wordpress2\/wenig-faszinierende-stadte-1-wenig-faszinierende-strategien-1\/","title":{"rendered":"Wenig faszinierende St\u00e4dte 1 | Wenig faszinierende Strategien 1"},"content":{"rendered":"<p>Wir alle kennen Spanien, zumindest aus den Wirtschaftsnachrichten der letzten Zeit. Ein marodes Bankensystem, der Staat als der n\u00e4chste Pleitekandidat in Europa, die Jugendarbeitslosigkeit bei nahezu 50%. Es gibt keine erfolgversprechenden Strategien; Banken die den Staat durch den Aufkauf von Staatsanleihen st\u00fctzen und ein Staat der gleichzeitig die Banken rettet, das hat Joseph Stiglitz unl\u00e4ngst <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/politik\/europa\/:schuldenkrise-stiglitz-kritisiert-spanien-hilfen-als-voodoo-oekonomie\/70048859.html\">als Voodoo-\u00d6konomie gegei\u00dfelt<\/a>.<\/p>\n<p>Aber ist das f\u00fcr Land und Leute wirklich so schlimm? Spanien, dieses sonnige Land auf der iberischen Halbinsel, dieses Traumziel f\u00fcr Badeurlauber? Kann man nicht einfach mal bei den Leuten vorbeischauen, um dann festzustellen, wie sie leben, wie es ihnen geht, wie man dort leben kann? Genau dieses zweifelhafte Vergn\u00fcgen hatte ich vor kurzem; durch die Teilnahme an der MPC&#8217;12 (Mathematics of Program Construction) Konferenz in Madrid verbrachte ich drei Tage in der Hauptstadt. Um dann festzustellen: Es ist gar nicht so, wie in den Nachrichten berichtet wird. Es ist n\u00e4mlich viel schlimmer.<\/p>\n<p>Die Anmeldung zur Konferenz begann unter zweifelhaften Vorzeichen: Wir, ich nebst Kollegen, haben die Konferenzgeb\u00fchr auf das Universit\u00e4tskonto bei der &#8220;Bankia&#8221; \u00fcberwiesen, um genau einen Tag sp\u00e4ter zu erfahren, dass das <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/unternehmen\/sparkasse-bankia-braucht-von-spanien-19-milliarden-euro-hilfen-a-835382.html\">Geldhaus praktisch pleite ist<\/a>. Eine Zahlungsbest\u00e4tigung blieb, auch auf Nachfrage aus, Wochen sp\u00e4ter eine E-Mail von der Verwaltung mit der Anmeldungsbest\u00e4tigung, in der es etwas obskur hei\u00dft, man k\u00f6nne gerne nachfragen, falls man &#8220;irgendwelche Zweifel bez\u00fcglich der Zahlungsmodalit\u00e4ten&#8221; hat. Kann die Uni etwa nicht mehr auf ihr eigenes Konto zugreifen? Eine nette Mail von Pablo, dem Organisator, beruhigt uns: Er entschuldigt sich f\u00fcr die Uni-Verwaltung und versichert uns, dass alles in bester Ordnung ist.<\/p>\n<p>Der Aufenthalt in Madrid beginnt damit, dass wir in der U-Bahn \u00fcberfallen werden. Drei junge M\u00e4nner rennen auf uns zu und ehe wir kapieren, was die eigentlich wollen, wird meinem Kollegen der Geldbeutel abgenommen. So schnell wie sie gekommen sind, sind sie auch wieder weg. Wir suchen das n\u00e4chste Polizeirevier auf und bekommen einen ersten Eindruck von der spanischen Arbeitskultur: Die Polizisten sind nett, l\u00e4chelnd, aber gleichzeitig vollkommen gelangweilt und langsam. Drei Polizisten stehen rauchend vor dem Revier, w\u00e4hrend man drinnen Nummern zieht und Ewigkeiten warten, bis man dran kommt. Der Polizistin, die denn Fall aufnimmt, merkt man an, wie gelangweilt sie von dem wahrscheinlich 30.sten Touristen an diesem Tag ist, dem etwas geraubt worden ist. Und wir denken uns, dass wir es besser h\u00e4tten wissen k\u00f6nnen. S\u00fcdl\u00e4ndische Gro\u00dfstadt, 50% arbeitslose Jugendliche, wir aus 500m Entfernung als Touristen zu erkennen. Dumm gelaufen.<\/p>\n<p>Das Hotel ist ein Prachtbau. Wie der Airport auch. Madrid hat viele Prachtbauten, aber dazwischen noch viel mehr v\u00f6llig heruntergekommene H\u00e4user. In den Hauptstra\u00dfen wechseln sie sich teilweise ab, die neuen Pal\u00e4ste und die alten Plattenbauten. Ein im Grunde genommen armes Land, das zwischenzeitlich mal viel Geld hatte, mit dem es \u00fcberhaupt nicht umgehen konnte. Wenigstens hat es in Klimaanlagen investiert. Nahezu 40\u00b0 Grad sind es drau\u00dfen, man fl\u00fcchtet von einem klimatisierten Raum in den n\u00e4chsten. Bei dieser Hitze kann man doch auch nicht arbeiten, nicht denken. Kann man einem Land mit diesem Klima vorwerfen, dass die Leute jeden Mittag Siesta machen, dass die Politik und die Wirtschaft keine effizienten Abl\u00e4ufe kennen?<\/p>\n<p>Es ist nicht ganz einfach den Konferenzraum zu finden. W\u00e4hrend es in Augsburg Sitte ist, zu weltbewegenden Gro\u00dfveranstaltungen wie dem &#8220;Gesunde-Ern\u00e4herung-Infotag&#8221; mit deutlich sichtbaren Hinweisschildern den Weg von der Stra\u00dfenbahnhaltestelle aus zu weisen, sehen wir weit und breit nichts, was darauf hindeutet, dass hier die MPC stattfindet. Erst suchen wir im falschen Geb\u00e4ude, schlie\u00dflich finden wir das richtige Geb\u00e4ude und werden von einem der Organisatoren aufgelesen. Erst im ersten Stock ist der erste Hinweis zu den Konferenzr\u00e4umen angebracht. Pablo, der Organisator, dem mein Kollege erz\u00e4hlt, was ihm in der U-Bahn passiert ist, entschuldigt sich f\u00fcr unsere Landsleute, hat vollstes Verst\u00e4ndnis, wenn wir diese Stadt und dieses Land nicht mehr so toll finden, ruft t\u00e4glich bei der U-Bahn Fundstelle an, ob vielleicht die Papiere wenigstens wieder auftauchen. Pablo, ist einer der Spanier, bei dem man sich denkt, dieses Land m\u00fcsste doch wieder aus der Krise herausfinden, wenn alle die Effizienz von ihm h\u00e4tten. Er vers\u00e4umt die H\u00e4lfte der Vortr\u00e4ge, weil er sich mit der Verwaltung, den Busfahrern, den Restaurants und allem anderen, was zur Organisation dazugeh\u00f6rt, herum\u00e4rgern muss. Beim Abendessen bemerke ich zu ihm &#8220;It\u00b4s much troube to organize a conference?&#8221;, er meint &#8220;Yeah, especially here, in this country, because nothing works!&#8221;<\/p>\n<p>Beim R\u00fcckflug unterhalte ich mich den ganzen Flug \u00fcber mit einer jungen Spanierin, einer Doktorandin im Gebiet der mathematischen Methoden f\u00fcr Quantenmechanik. Sie wird aus Deutschland finanziert, arbeitet an einem Projekt, dass von der Max-Planck-Gesellschaft getragen wird und fliegt das erste Mal nach M\u00fcnchen, um die Arbeitsgruppe dort zu sehen. Der Professor, der die Gruppe in M\u00fcnchen leitet, ist ein Spanier und hatte in einem Interview im spanischen Fernsehen gesagt, dass er auf keinen Fall nach Spanien zur\u00fcckkehren wird; das es dort unm\u00f6glich w\u00e4re eine solche Arbeitsgruppe aufzubauen, weil er dort keine Leute finden, weil die Abl\u00e4ufe ineffizient sind. Das Urteil von jemand, der es wissen muss. Was die Doktorandin mir sonst so erz\u00e4hlt von ihrem Land und den Leuten dort, klingt wenig faszinierend: Auch unter den Akademikern ist die Arbeitslosigkeit gro\u00df, klassische Branchen f\u00fcr die Mathematik-Absolventen, wie die Banken, stellen zur Zeit niemanden ein. Jeder von den jungen Leuten, hat das Gef\u00fchl es geht abw\u00e4rts; die Regierung spart nur an Dingen wie Bildung und Gesundheit. Viele junge Leute fl\u00fcchten aus diesem Land, weil sie keine Zukunft, keine Perspektive mehr sehen. Ich erkl\u00e4re ihr, dass auch in Deutschland viele Post-Docs ins Ausland fl\u00fcchten, weil sie mit der Situation unzufrieden sind. Sie erz\u00e4hlt mir, wie jeder in Spanien, der etwas werden will, die Deutschen f\u00fcr ihre Effizienz und Effektivit\u00e4t bewundert. Ich gebe zu, dass die Deutschen ein Volk sind, dass sich gerne auf hohem Niveau beschwert; ich meine, dass die Leute sehr skeptisch sind, und auch nicht dazu neigen, besonders gl\u00fccklich zu sein. Sie meint, dass die Jugend Spaniens, die nun vor einer perspektivenlosen Zukunft steht, sicherlich ungl\u00fccklicher ist.<\/p>\n<p>Objektiv ist der heutige Lebensstandard immer noch so viel h\u00f6her als der von den einstigen Bewohnern eines alten Prachtbaus, dem k\u00f6niglichen Palast, den wir im Rahmenprogramm der Konferenz besichtigen. Aber das ist nicht das entscheidende. Gl\u00fccksempfinden h\u00e4ngt immer davon ab, wie sich der Zustand von Reichtum und Wohlbefinden ver\u00e4ndert. Und im Moment zeigt die Tendenz nach unten; und niemand wei\u00df, wie weit es noch nach unten geht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir alle kennen Spanien, zumindest aus den Wirtschaftsnachrichten der letzten Zeit. Ein marodes Bankensystem, der Staat als der n\u00e4chste Pleitekandidat in Europa, die Jugendarbeitslosigkeit bei nahezu 50%. 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