{"id":1133,"date":"2024-11-07T23:54:47","date_gmt":"2024-11-07T21:54:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.p-roocks.de\/wordpress2\/?p=1133"},"modified":"2024-11-11T18:32:00","modified_gmt":"2024-11-11T16:32:00","slug":"faszinierende-ideen-4-wenig-faszinierende-erkenntnisse-23","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.p-roocks.de\/wordpress2\/faszinierende-ideen-4-wenig-faszinierende-erkenntnisse-23\/","title":{"rendered":"Faszinierende Ideen 4 | Wenig faszinierende Erkenntnisse 23"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich empfinde eine zunehmende Faszination f\u00fcr die Idee, in Gemeinschaften zu leben. In unserer Erziehung, in unserer Sozialisation und in der medialen Darstellung von langfristigen Beziehungen herrscht die Idee vor, dass f\u00fcr eine Vielzahl von unseren wichtigsten Bed\u00fcrfnissen eine einzige Person in unserem Leben existieren sollte. Ein Mensch, den man liebt, mit dem man zusammen wohnt, dazu noch die meisten Hobbys und Freunde teilt, schlie\u00dflich Nestw\u00e4rme und Geborgenheit empfindet, und all das auch noch m\u00f6glichst f\u00fcr immer. Oftmals habe ich schon aus der N\u00e4he beobachtet, dass diese Konstellation, meist in Form einer monogamen Ehe f\u00fcr einige Jahre ein wunderbares Gl\u00fcck bereith\u00e4lt, aber das Ewigkeitsversprechen dieses Zustands sich nicht realisieren l\u00e4sst. Mit einer Mischung aus <em>sunken cost fallacy<\/em> (im Deutschen habe ich gerade den Begriff &#8220;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eskalierendes_Commitment\">eskalierendes Commitment<\/a>&#8221; dazu gefunden) und gesellschaftlich-famili\u00e4rer Erwartungshaltung wird in manchen dieser ungl\u00fccklichen Beziehungen \u00fcber viele Jahre noch eine Fassade aufrecht erhalten, hinter der l\u00e4ngst die Flamme erloschen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche m\u00f6gen mir hier widersprechen, andere sehen zwar die grunds\u00e4tzliche Problematik, aber sehnen sich so sehr nach langfristigen, vertrauensvollen Bindungen, so dass sie sich f\u00fcr die serielle Monogamie entscheiden. Dies ist das in der westlichen Welt verbreitetste Beziehungsmodell und kombiniert ein idealistisches Ewigkeitsversprechen mit der Realit\u00e4t, in der man nach einigen Jahren die Partnerperson austauscht. Bewegt man sich weg von der Idee der Monogamie, so muss die Suche nach Verbindungen, die von Vertrauen, Commitment und Ehrlichkeit gepr\u00e4gt sind, in keinster Weise auf eine einzige Person fokussiert sein. Wenn wir den Wert von Gemeinschaften erkennen, so muss die Erwartungshaltung an eine einzige Partnerperson l\u00e4ngst nicht so hoch sein und gleichzeitig steigt die Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr Freundschaften, f\u00fcr Gemeinschaften, f\u00fcr das Miteinander. Emilia Roig schreibt dazu:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Was w\u00fcrde passieren, wenn wir die Familien vorbehaltene Bindung ausdehnen w\u00fcrden auf die Freundschaften und Communitys, auf die Gemeinschaft? Doch es gibt eine gesellschaftliche Skepsis, ja sogar Angst vor tiefen Verbindungen au\u00dferhalb der Paarbeziehung und der Kernfamilie, weil sie eine Bedrohung f\u00fcr das kapitalistisch-patriarchale Machtgef\u00fcge darstellen. [&#8230;] Stellen wir uns vor, wie unsere Gesellschaft aussehen w\u00fcrde, wenn wir das Versprechen von F\u00fcrsorge, Liebe, Zuwendung und Treue nicht einer Person vorbehalten w\u00fcrden, sondern diese mit mehreren Personen austauschten. Es w\u00e4re revolution\u00e4r in einer patriarchalen Gesellschaft, wo M\u00e4nner die emotionale und f\u00fcrsorgliche Arbeit der Frauen vereinnahmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-dark-gray-color has-text-color has-link-color wp-elements-3a7ada7350dfaa543b91b8819548a23d\"><em>Emilia Roig &#8211; Das Ende der Ehe<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der Gedanke, dass das Machtgef\u00fcge des Kapitalismus und Patriarchats mit der Kernfamilie und der Monogamie zusammenh\u00e4ngen, mag nicht unmittelbar einleuchtend sein. Ich denke inzwischen, dass die Beobachtungen, die Emilia Roig hier macht, \u00e4hnlich denen von Meike Stoverock in &#8220;Female Choice&#8221;, durchaus zutreffend sind: Eine Gesellschaftsarchitektur, in der es eine klare <em>Chain of Command<\/em> von patriarchalen Herrschern zum autorit\u00e4r agierenden Familienoberhaupt einer Kernfamilie gibt, f\u00e4llt zusammen mit einem Status- und Besitzdenken des Individuums, welches seine Attraktivit\u00e4t auf dem Dating-Markt (insbesondere als Mann) durch sozio\u00f6konomischen Status generiert. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Symptome dieses Konkurrenzkampfs innerhalb dieses Machtgef\u00fcges w\u00e4ren nicht vorhanden, oder zumindest erheblich eingeschr\u00e4nkt, wenn wir viele unserer Bed\u00fcrfnisse in Gemeinschaften gleichberechtigter Individuen stillen. Wenn wir nicht nur Ideen und Werte teilen, sondern auch Liebe, (intime) Interessen und Wohnraum. Wenn wir uns gegenseitig einen sicheren emotionalen Hafen genauso wie einen Wachstumsraum anbieten. Die Versuchung nur aufgrund einer <em>sunken cost fallacy<\/em> oder zur Bewahrung einer h\u00fcbschen Fassade, etwas zu tun, was sich gegen die eigenen Bed\u00fcrfnisse richtet, ist aus meiner Sicht innerhalb einer liebevollen und achtsamen Gemeinschaft erheblich geringer. Sobald sich toxische Bindungsmuster bei Menschen ergeben, die in vertrauensvollen Gemeinschaften leben, bietet sich die Gemeinschaft als Korrektiv an, als sicherer Hafen, als Alternative zur emotionalen Abh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Bef\u00fcrworter monogamer Beziehungsformen sprechen hier gerne von &#8220;Beliebigkeit&#8221;, wenn man sich in Gemeinschaften bewegt und fluide Verbindungen zu vielen lieben Menschen pflegt, die mal intensiver und mal weniger intensiv gestaltet werden k\u00f6nnen. Auch wird gerne von fehlender Tiefe oder fehlender Intensit\u00e4t polyamorer Beziehungen gesprochen. In meiner Lebenserfahrung argumentieren h\u00e4ufig diejenigen so, die dazu neigen, besonders hohe Besitzanspr\u00fcche oder emotionalen Druck gegen\u00fcber ihre:r Partner:in aufzubauen, die ihm:ihr emotional nicht gut tun. Auch Versuche in diesen Beziehungen gezielt Abh\u00e4ngigkeiten aufzubauen, habe ich immer wieder beobachtet. Am Ende h\u00f6rt man ganz oft das Argument, das Liebe nun mal nicht teilbar ist.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Menschen in polygamen Beziehungen werden oft als egoistisch und gierig bezeichnet, dabei ist das Gegenteil der Fall: Die Ausdehnung der Liebe auf mehrere Menschen schw\u00e4cht sie nicht, sondern kann sie st\u00e4rken, weil es Einzelne von dem Druck des Besitzanspruchs befreit. Die Begrenztheit der monogamen Paarbeziehung, wie ich sie wahrnehme, basiert auf der Vorstellung, dass Liebe eine knappe Ressource ist, die sich weder teilen noch vermehren l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-dark-gray-color has-text-color has-link-color wp-elements-63b29fe011e8199a7cb3a1cb04eba9c9\"><em>Emilia Roig &#8211; Lieben<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Niemand w\u00fcrde widersprechen, dass sich die geschwisterliche oder freundschaftliche Liebe auf mehrere Personen aufteilen l\u00e4sst. Solche Relationen gewinnen an Festigkeit und Harmonie, wenn alle Beteiligten untereinander emotional positive Interaktionen haben. Nur das soziokulturelle Konstrukt der romantischen Liebe soll ausgerechnet auf eine einzige Person beschr\u00e4nkt sein. Hier ist ein derart m\u00e4chtiges Narrativ entstanden, so dass aus meiner Sicht v\u00f6llig zurecht die Frage gestellt werden darf, warum dies in den eigentlich so freien westlichen Gesellschaften so vehement von den herrschenden Strukturen verteidigt und subventioniert wird. Wer nun einwendet, dass doch in der Kleinfamilie alles gut sei, und diese Struktur eine offensichtliche Erfolgsgeschichte ist, der verschlie\u00dft die Augen vor der wenig faszinierenden Erkenntnis, dass tagt\u00e4glich sehr viel psychische wie physische Gewalt in Partnerschaften stattfindet, w\u00e4hrend die Fassade nach au\u00dfen hin aufrecht erhalten wird.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Die Kleinfamilie ist kein neutraler oder gar nat\u00fcrlicher Ort, sie ist eine m\u00e4chtige gesellschaftliche Norm, die kollektiv aufrechterhalten wird, unter anderem durch das Schweigen dar\u00fcber, was innerhalb von Familien wirklich geschieht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-dark-gray-color has-text-color has-link-color wp-elements-3a7ada7350dfaa543b91b8819548a23d\"><em>Emilia Roig &#8211; Das Ende der Ehe<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich empfinde eine zunehmende Faszination f\u00fcr die Idee, in Gemeinschaften zu leben. 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