{"id":1032,"date":"2021-09-09T18:29:04","date_gmt":"2021-09-09T16:29:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.p-roocks.de\/wordpress2\/?p=1032"},"modified":"2021-09-21T22:53:29","modified_gmt":"2021-09-21T20:53:29","slug":"faszinierende-literatur-6-wenig-faszinierende-erkenntnisse-22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.p-roocks.de\/wordpress2\/faszinierende-literatur-6-wenig-faszinierende-erkenntnisse-22\/","title":{"rendered":"Faszinierende Literatur 6 | Wenig faszinierende Erkenntnisse 22"},"content":{"rendered":"<p>Unl\u00e4ngst habe ich das zur Weltliteratur z\u00e4hlende Werk &#8220;Rot und Schwarz&#8221; von Stendhal gelesen (mangels Kenntnis der franz\u00f6sischen Sprache auf Deutsch). Es ist eine wunderbare Reise durch die Welt der h\u00f6fischen und klerikalen Heuchelei. Der Begriff der Liebe spielt eine ganz zentrale Rolle und doch behaupte ich, dass wahre Liebe an keiner Stelle vorkommt. Stattdessen lesen wir von einem Begriff der Liebe, der Stolz und Eitelkeit bedient sowie von einer Liebe, die zu Karrierezwecken n\u00fctzlich erscheint. Heute w\u00fcrde man dies wohl als &#8220;hochschlafen&#8221; abqualifizieren, jedoch durch einen m\u00e4nnlichen Protagonisten (Julian), der sich Macht und Einfluss sichern will, in dem er sich jeweils an die am h\u00f6chsten stehende Dame des Hauses heranmacht. Welch emanzipatorischer Akt, k\u00f6nnte man retrospektiv sagen.<\/p>\n<blockquote><p>Himmelweit entfernt von der Ungebundenheit des Naturmenschen, geh\u00f6rte Julian bereits zu den Sklaven der \u00dcberkultur, denen die Liebe nichts ist als eine langweilige, konventionelle Sache. Eitel und kleinlich sagte er sich: \u00bbIch bin es mir unbedingt schuldig, bei dieser Frau zum Ziele zu kommen. Sollte ich je ber\u00fchmt werden, und es w\u00fcrfe mir jemand diesen armseligen Hauslehrerposten vor, so kann ich andeuten, die Liebe h\u00e4tte mich in diese Stellung gef\u00fchrt.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Er kommt, zumindest zwischenzeitlich, zum Ziel bei seiner Arbeitgeberin und strebt doch nach &#8220;H\u00f6herem&#8221;. Nach was genau, kann man schwer sagen, aber man kann es sich wohl so \u00e4hnlich wie bei einem modernen Karrieristen vorstellen, der immer auf dem Weg zur n\u00e4chsten Bef\u00f6rderungsstufe ist. Nur seine Mittel sind andere: &#8220;Liebe&#8221; in Form eines psychologischen Schachspiels, dass diejenige (oder derjenige) verliert, die zuerst ihre Zuneigung zeigt. Von wahrer und langfristiger Liebe scheint Stendhal ohnehin wenig zu halten:<\/p>\n<blockquote><p>Die moderne Ehe hat sonderbare Begleiterscheinungen. Ist vor der Heirat Liebe vorhanden, so stirbt sie sicher in der Langweile des ehelichen Beieinanders. Zumal bei Eheleuten, die reich genug sind, um nicht arbeiten zu m\u00fcssen, stellt sich gr\u00fcndlicher Widerwille gegen das geruhsame Ehegl\u00fcck ein. Und nur die phantasielosen Frauen gehen an Liebschaften und Liebeleien vorbei, anstatt sich kopf\u00fcber in sie zu st\u00fcrzen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Moderner und etwas positiver interpretiert k\u00f6nnte man im Lob der &#8220;Liebelei&#8221; schon fast so etwas wie eine positive Perspektive hin zur Beziehungsanarchie sehen. Ein Konzept, dass allerdings in den strengen Sitten des beginnenden 19. Jahrhunderts dann doch noch nicht als plausibles Szenario denkbar war. Stattdessen scheint Eifersucht bei Stendhal die einzig wahre Triebfeder der (aus meiner Sicht) unwahren Liebe zu sein.<\/p>\n<p>Auch soziologisch gesehen, enth\u00e4lt das Werk die ein oder andere wenig faszinierende Erkenntnis. Hochaktuell fand ich die Feststellung:<\/p>\n<blockquote><p>Urbanit\u00e4t ist nichts als die \u00fcberlegene Unf\u00e4higkeit, sich \u00fcber die schlechten Manieren andrer zu \u00e4rgern.<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch wenn sich die &#8220;Urbanit\u00e4t&#8221; hier auf das Leben der adeligen Gesellschaftsschicht in Paris vor etwa 200 Jahren bezieht, so k\u00f6nnte man sicherlich eine eben solche Kritik an den Hipstermilieus der modernen Gro\u00dfst\u00e4dte formulieren, wobei die &#8220;schlechten Manieren&#8221; dann eher die landl\u00e4ufig-traditionellen Wertevorstellungen sind, die von einer liberalen Elite abgelehnt werden. Bei Stendhal wird mit diesem Satz die ganze Heuchelei der &#8220;guten Gesellschaft&#8221; wunderbar pointiert zusammengefasst. Etwas ausf\u00fchrlicher erkennt der Protagonist am Ende seiner Reise:<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbIch habe mich durch den Schein narren lassen\u00ab, sagte er sich. \u00bbSonst h\u00e4tte ich erkennen m\u00fcssen, da\u00df es in der sogenannten guten Gesellschaft von Biederm\u00e4nnern vom Genre meines Vaters und von gerissenen Halunken vom Schlage der beiden Zuchth\u00e4usler wimmelt. Je mehr sie zu essen und zu trinken haben, um so mehr protzen sie mit ihrer anst\u00e4ndigen Gesinnung und ihrer Ehrlichkeit. Und wenn sie Geschworene sind, so verurteilen sie von oben herab einen armen Schlucker, der einen silbernen L\u00f6ffel genommen hat, um nicht zu verhungern. Gilt es aber, ein Ministerportefeuille zu verlieren oder zu gewinnen, dann fallen diese Ehrenm\u00e4nner des Salons in genau die n\u00e4mlichen Verbrechen wie jene Zuchth\u00e4usler. Es gibt kein <em>nat\u00fcrliches Recht<\/em>. Das ist veralteter Bl\u00f6dsinn, albernes Gerede von Staatsanw\u00e4lten, deren Vorfahren selber Gauner waren. Es gibt nur ein Recht: die Macht, die diese oder jene Handlung unter Strafandrohung verbietet. [&#8230;]\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Nat\u00fcrlich teile ich diese vollst\u00e4ndige Absage an den Rechtspositivismus nicht. Dennoch muss man sich fragen, wie viel weiter wir 200 Jahre wirklich sind, wenn nach wie vor deutlich mehr People of Color in Amerikas Gef\u00e4ngnissen sitzen als Wei\u00dfe oder noch keiner der Protagonisten des Cum-Ex-Betrugs in Deutschland verurteilt wurde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unl\u00e4ngst habe ich das zur Weltliteratur z\u00e4hlende Werk &#8220;Rot und Schwarz&#8221; von Stendhal gelesen (mangels Kenntnis der franz\u00f6sischen Sprache auf Deutsch). Es ist eine wunderbare Reise durch die Welt der h\u00f6fischen und klerikalen Heuchelei. 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