{"id":1027,"date":"2021-07-22T09:30:56","date_gmt":"2021-07-22T07:30:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.p-roocks.de\/wordpress2\/?p=1027"},"modified":"2021-07-21T18:44:30","modified_gmt":"2021-07-21T16:44:30","slug":"wenig-faszinierende-strukturen-2-faszinierende-metastrategien-20","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.p-roocks.de\/wordpress2\/wenig-faszinierende-strukturen-2-faszinierende-metastrategien-20\/","title":{"rendered":"Wenig faszinierende Strukturen 2 | Faszinierende Metastrategien 20"},"content":{"rendered":"<p>Seit ich Yuval Noah Hararis kurze <em>Geschichte der Menschheit<\/em> gelesen habe, beginne ich an den vermeintlichen Errungenschaften der neolithischen Revolution zu zweifeln. Das Leben als Nomade, so seine Theorie, war abwechslungsreicher und weniger beschwerlich als das sesshafte Leben. Nur weil letzteres f\u00fcr eine h\u00f6here Anzahl an Nachkommen sorgte, hat es sich durchgesetzt. Nach der Lekt\u00fcre von <a href=\"https:\/\/www.klett-cotta.de\/buch\/Tropen-Sachbuch\/Female_Choice\/136739\">Female Choice<\/a> ist mir noch einmal deutlich klarer geworden, welch wenig faszinierende Strukturen als Kollateralsch\u00e4den der Sesshaftwerdung entstanden sind.<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Die Zivilisation [&#8230;] wurde, und hier liegt der entscheidende Punkt, ausschlie\u00dflich von M\u00e4nnern nach ihren Bed\u00fcrfnissen gestaltet. Und sie arbeiteten dabei an der Unterdr\u00fcckung und Kontrolle eines biologischen Prinzips, das zuvor seit Millionen von Jahren g\u00fcltig gewesen war: des Urprinzips der Partnerwahl, bei dem die Entscheidung, welches M\u00e4nnchen Sex hat, von den Weibchen abh\u00e4ngt \u2013 die <em>Female Choice<\/em>. Diese Unterdr\u00fcckung \u2013 und damit auch die der weiblichen Bed\u00fcrfnisse \u2013 ist das Fundament, auf dem die heutigen Staaten, politischen Systeme und Kulturkreise stehen.&#8221;<br \/>\n<em>Meike Stoverock in &#8220;Female Choice&#8221;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Im Laufe der Sesshaftwerdung wurde der Mann der ewigen Rangk\u00e4mpfe \u00fcberdr\u00fcssig, die die <em>Female Choice<\/em> mit sich brachten und erfand die monogame Zweierbeziehung, die Sexualmoral, die hierarchische Gesellschaft. W\u00e4hrend zuvor (und heute noch bei vielen Tierarten) 80 % der Weibchen nur 20 % der M\u00e4nnchen erw\u00e4hlten, mussten die \u00fcbrigen 80 % der M\u00e4nnchen sich bei den \u00fcbrigen 20 % der Weibchen versuchen, wovon die meisten leer ausgingen. Die Monogamie wurde von M\u00e4nnern erfunden, um sich die sexuelle Verf\u00fcgbarkeit einer Frau zu sichern und sie setzte sich durch, weil sie geeignet war, m\u00f6glichst viel Nachwuchs hervorzubringen. Doch nicht nur das:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Dar\u00fcber hinaus bringt die Ehe noch ein besonderes Schmankerl f\u00fcr den Mann mit. Sie installiert eine Art Minihierarchie: Mag der Mann auch in der Gesellschaft nicht an der Spitze stehen \u2013 solange er eine Frau und Kinder im eigenen Haus hat, gibt es einen Ort, an dem er der Chef ist.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Wie stehen diese Jahrtausende alten Konzepte in Relation zu der angeblich so freien Welt, in der wir leben? Diese Konzepte haben sich bew\u00e4hrt, solange eine hierarchische Ordnung und viel Nachwuchs in einer Welt mit hoher Kindersterblichkeit die Kampfkraft des Stammes (bzw. sp\u00e4ter des Volkes) sicherten. Was brauchen wir von diesen Konzepten heute noch? Zumindest brauchen wir die monogamen Partnerschaften, die lebenslange Treue und die daraus oft resultierenden kinderreichen Familien in einer Welt mit dem dr\u00e4ngenden Problem der \u00dcberbev\u00f6lkerung bestimmt nicht mehr. Hierarchien jenseits demokratischer Legitimation, in Gestalt eines (zumeist m\u00e4nnlichen) Familienoberhaupts oder klerikaler Autorit\u00e4ten sind ein nicht mehr zeitgem\u00e4\u00dfes Konzept in einer freien Welt. Wenn wir Werte wie Freiheit und individuelle Lebensgestaltung ernst nehmen, dann sollten wir den bestehenden Beziehungsbegriff und die heutige (westliche!) Sexualmoral kritisch hinterfragen.<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Nicht-treue Beziehungsmodelle gibt es heute viele: von offener Beziehung \u00fcber Polyamorie mit mehreren Liebespartnern oder Kernbeziehung und Nebenbeziehungen bis hin zu v\u00f6lliger Beziehungsanarchie, in der Sex mit anderen mal mit, mal ohne Verliebtheit, mal mit, mal ohne Beziehung, mal k\u00fcrzer, mal l\u00e4nger vorkommt. Es gibt so viel mehr auf der Welt als das sesshaft-patriarchale Konstrukt der lebenslangen Treue. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir das nur entdecken, wenn wir Sexualit\u00e4t aus der Privatsph\u00e4re ins gut beleuchtete Tageslicht holen. Wenn wir anfangen, offen mit unseren Partnern, mit anderen Paaren und vor allem Frauen mit anderen Frauen \u00fcber Lust zu sprechen.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Die R\u00fcckkehr zur einer <em>urspr\u00fcnglicheren<\/em> Sexualit\u00e4t halte ich f\u00fcr eine faszinierende Metastrategie und die Zivilisation hat hier noch einen weiten Weg vor sich. Nimmt man die biologischen Erkenntnisse zu <em>Female Choice<\/em> ernst, so w\u00e4re eine polyandrische Vielehe (d.h. eine Frau, die mehrere M\u00e4nner hat) das eigentlich naheliegendere Konzept als die polygyne Vielehe, wie sie in einigen hierarchisch gepr\u00e4gten Kulturkreisen praktiziert wird. Warum praktiziert der Mensch als einziges S\u00e4ugetier den Akt im Verborgenen? Man kann sich immerhin in Swingerclubs inspirieren lassen, wie eine freie und nat\u00fcrliche Sexualit\u00e4t aussehen kann, aber von einer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz sind diese M\u00f6glichkeiten der Freizeitgestaltung noch weit entfernt.<\/p>\n<p>Das lebenslange Treue in Form von exklusiver Sexualit\u00e4t der einzige Weg zum Gl\u00fcck ist, ist ein hartn\u00e4ckiger Mythos, der von Filmen und Medien flei\u00dfig propagiert wird. Die wesentliche Motivation daf\u00fcr, diese Erkenntnis nehme ich aus Stoverocks Buch mit, ist unsere m\u00e4nnerzentrierte Gesellschaft, die diese Moral und Kultur installiert hat. Stoverock beschreibt weiter, wie sehr Reichtum und soziokultureller Rang der M\u00e4nner entscheidend f\u00fcr deren Attraktivit\u00e4t sind und wie eine egalit\u00e4rere Gesellschaft dazu beitragen k\u00f6nnte, die derzeitigen Hierarchien abzubauen. So weit stimmte ich ihr zu. Die L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge einer Gesellschaft ohne Geld muten dann allerdings etwas idealistisch und wenig praxistauglich an. Es ist viel von gegenseitiger Wertsch\u00e4tzung und Gemeinschaftsgef\u00fchl die Rede. Hier frage ich mich, ob sie Harari gelesen hat, zu dessen Kernthesen es z\u00e4hlt, dass der Mensch evolution\u00e4r f\u00fcr kleine (Stammes-)gemeinschaften bis etwa 150 Personen sich gemeinschaftlich selbst verwalten kann. Oberhalb dieser Gr\u00f6\u00dfe braucht man zumindest Polizisten und Richterinnen, um die Normen eines Gemeinwesens und einen zivilisierten Umgang miteinander durchzusetzen. Vermutlich braucht man auch ein Tauschmittel f\u00fcr Besitz, vulgo Geld. Nichtsdestotrotz sind ihre Vorschl\u00e4ge spannend zu lesen. Kreativit\u00e4t wird auf jeden Fall vonn\u00f6ten sein, um die R\u00fcckkehr zur Female Choice unter gleichzeitiger Beibehaltung all der zivilisatorischen Errungenschaften zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit ich Yuval Noah Hararis kurze Geschichte der Menschheit gelesen habe, beginne ich an den vermeintlichen Errungenschaften der neolithischen Revolution zu zweifeln. Das Leben als Nomade, so seine Theorie, war abwechslungsreicher und weniger beschwerlich als das sesshafte Leben. Nur weil letzteres f\u00fcr eine h\u00f6here Anzahl an Nachkommen sorgte, hat es sich durchgesetzt. 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