{"id":1008,"date":"2021-02-14T20:05:51","date_gmt":"2021-02-14T18:05:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.p-roocks.de\/wordpress2\/?p=1008"},"modified":"2021-02-14T20:05:51","modified_gmt":"2021-02-14T18:05:51","slug":"wenig-faszinierende-strategien-25-faszinierende-metastrategien-19","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.p-roocks.de\/wordpress2\/wenig-faszinierende-strategien-25-faszinierende-metastrategien-19\/","title":{"rendered":"Wenig faszinierende Strategien 25 | Faszinierende Metastrategien 19"},"content":{"rendered":"<p>In seinem sehr empfehlenswerten Buch &#8220;<a href=\"https:\/\/www.aufbau-verlag.de\/index.php\/wie-wir-lieben.html\">Wie wir lieben. Vom Ende der Monogamie<\/a>&#8221; beschreibt Friedemann Karig die Monogamie als &#8220;kulturell-evolution\u00e4re Strategie&#8221;:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Die lebenslange Treue zu einem Menschen ist also einerseits eine kulturell-evolution\u00e4re Strategie, wie man als sesshafte Spezies am besten das Land bestellen konnte. Und andererseits, auf gesellschaftlicher Ebene, ist Monogamie ein effektives politisches Steuerungsinstrument.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Man mag es als Reich der Spekulation abtun; aber viele Fr\u00fchhistoriker haben Zweifel daran, dass die umherziehenden J\u00e4gerinnen und Sammler ihre Sexualit\u00e4t innerhalb monogamer Partnerschaften auslebten. Viel wahrscheinlicher ist eine vergleichsweise freie Liebe, wobei nat\u00fcrlich rangh\u00f6here Mitglieder der Gruppe mehr M\u00f6glichkeiten zur sexuellen Entfaltung hatten als rangniedrigere (\u00e4hnlich wie bei unseren n\u00e4chsten Verwandten, den Affen).<\/p>\n<p>Sehr wahrscheinlich ist, dass &#8220;klare Verh\u00e4ltnisse&#8221; zweier Zusammenlebender f\u00fcr das erfolgreiche Aufziehen des Nachwuchses hilfreich waren. Die neolithische Revolution war vor allem deshalb erfolgreich, weil sie zu mehr lebensf\u00e4higen Nachk\u00f6mmlingen f\u00fchrte, aber nicht etwa weil sie das bessere Leben bot. Zu diesem Thema seien auch die Ausf\u00fchrungen von Yuval Noah Harari in &#8220;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eine_kurze_Geschichte_der_Menschheit\">Die kurze Geschichte der Menschheit<\/a>&#8221; sehr empfohlen. Heute spielt es f\u00fcr die physische Lebensf\u00e4higkeit des Nachwuchses im Grunde genommen keine Rolle mehr, ob ein Kind in einer gro\u00dfen WG oder einer klassischen Familie aufw\u00e4chst.<\/p>\n<p>Warum h\u00e4lt sich diese, in meinen Augen wenig faszinierende, &#8220;kulturell-evolution\u00e4re&#8221; Strategie so hartn\u00e4ckig? Ich m\u00f6chte behaupten: Weil sie Teil einer soziokulturellen Konstruktion ist, eines tradierten Wertekonzepts, welches uns von klein auf als ein Ideal angepriesen wird und vorgelebt wird. So sehr junge Leute heute fr\u00fch ihre Erfahrungen mit Sexualit\u00e4t machen, Pornographie konsumieren, sich ausprobieren und ihre Orientierung oder auch ihr Geschlecht immer mal wieder in Frage stellen: es bleibt der Grundkonsens, dass auf eine &#8220;Ausprobier- und Auslebephase&#8221; dann ein &#8220;Settlement&#8221; folgen muss. Einen Partner finden, vermeintlich f\u00fcr immer, und wenn es doch nicht klappt, dann eben einen weiteren. Serielle Monogamie nennt man dieses Konzept.<\/p>\n<p>Vielleicht stellt die Alternative dazu die Lebensentw\u00fcrfe und denen Grundkanon an Werten, wie sie uns geradezu eingebl\u00e4ut werden, zu sehr in Frage, als dass dies jemals eine breitere gesellschaftliche Akzeptanz finden konnte. Das Konzept nennt sich Polyamorie und meint, dass Gef\u00fchle der sexuellen Anziehung und der emotionalen Zuneigung keineswegs auf einen Menschen beschr\u00e4nkt sein m\u00fcssen. Dass eine langfristigere Partnerschaft nicht bedeuten muss, dass die Auslebung der Sexualit\u00e4t f\u00fcr den Rest des Lebens auf eine einzelne Person eingeschr\u00e4nkt ist und im Laufe der Zeit meist weniger intensiv wird &#8211; man nennt das denn <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Coolidge-Effekt\">Coolidge-Effekt<\/a>. Dass man Leute kennenlernen kann in der Option auf &#8220;was immer sich daraus ergibt&#8221;, einschlie\u00dflich emotionaler Zuneigung oder gar romantischer Nebenpartnerschaften. Ein Konzept, um die Sexualit\u00e4t des Menschen wieder ein St\u00fcck weit dahin zu bringen, wie es sehr wahrscheinlich einmal war. Auch wenn ich mich mit dem Adjektiv &#8220;nat\u00fcrlich&#8221; im Kontext der menschlichen Entwicklung sehr schwer tue (ist es nat\u00fcrlich, dass ich mir an einem Sonntagabend diese Gedanken machen kann, statt das Feuer sch\u00fcren und den Tiger verjagen zu m\u00fcssen&#8230;?) finde ich den Vergleich mit der Sportaus\u00fcbung sehr treffend:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Gegen Bewegungsmangel haben wir den Sport erfunden. Was erfinden wir f\u00fcr nat\u00fcrlicheren Sex? Polyamorie? Offene Beziehungen? Kommunen gr\u00fcnden, in denen wir leben wie unsere Vorfahren in der Savanne?&#8221;<br \/>\n<em>Friedemann Karig: <\/em><a href=\"https:\/\/www.aufbau-verlag.de\/index.php\/wie-wir-lieben.html\"><em>Wie wir lieben. Vom Ende der Monogamie<\/em><\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Welches Konzept man daf\u00fcr auch immer &#8220;erfindet&#8221; (im Grunde gibt es das alles schon, ist nur nicht besonders weit verbreitet): Dar\u00fcber nachzudenken und ein Leben jenseits der Monogamie zu evaluieren ist eine faszinierende Metastrategie. Ich verwende das Pr\u00e4fix &#8220;Meta&#8221; weil das Ganze f\u00fcr eine Strategie zu bunt, zu vielschichtig und zu komplex ist. Ich mag Komplexit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seinem sehr empfehlenswerten Buch &#8220;Wie wir lieben. Vom Ende der Monogamie&#8221; beschreibt Friedemann Karig die Monogamie als &#8220;kulturell-evolution\u00e4re Strategie&#8221;: &#8220;Die lebenslange Treue zu einem Menschen ist also einerseits eine kulturell-evolution\u00e4re Strategie, wie man als sesshafte Spezies am besten das Land bestellen konnte. 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