Heute war der erste Tag in diesem Jahr, an dem ich mich für mein morgendliches Lese-und-Cappuccino-Ritual auf den Balkon gesetzt habe. Auf dem Liegestuhl, ausgerüstet mit einer flauschigen Decke und dünnen Jacke, ging mein Blick zunächst in die sonnige Umgebung, und dann in den e-Reader. Passend zur Morgenlektüre möchte ich diesen Eintrag für zwei Literaturempfehlungen nutzen.
Zur Zeit lese ich “Buddha und die Wissenschaft vom Glück“, ein Werk eines tibetischen Mönches, der erklärt, wie wir mit Achtsamkeit und Meditation dem persönlichen Glück näher kommen. Auch dieses Buch war in der Empfehlungsliste von “search inside yourself” (welches ich Anfang des Jahres schon sehr empfohlen hatte). In einem ähnlichen Duktus wie Chade-Meng Tan verknüpft der Autor Yongey Mingyur Rinpoche alte Weisheiten des Buddhismus und moderne psychologische und neurologische Forschung. Über viele Kapitel erklärt er wenig erfolgreiche Strategien, was unsere Suche nach Glück angeht, wie bspw. der Anhaftung zu erliegen.
Wenn wir zum Beispiel so etwas wie Schokolade als angenehm und erfreulich erleben, richten wir eine neuronale Verknüpfung ein, die Schokolade mit dem Körperempfinden von Genuss gleichsetzt. Das bedeutet nicht, dass die Schokolade für sich genommen etwas Gutes oder Schlechtes ist. In der Schokolade befinden sich eine Menge chemischer Substanzen, die das Körperempfinden von Freude und Vergnügen auslösen. Unsere neuronale Anhaftung an Schokolade ist es, die Probleme schafft. Leider nimmt die Anhaftung, wie andere Süchte auch, mit der Zeit an Intensität zu. Was immer an Befriedigung wir erleben, wenn wir das Objekt unseres Begehrens bekommen, ist nicht von Dauer. Was oder wer immer uns heute, in diesem Monat oder in diesem Jahr glücklich macht, wird und muss sich ändern. Der Wandel ist die einzige Konstante in der relativen Wirklichkeit. […] Der Buddha verglich das Anhaften mit dem Trinken von Salzwasser aus dem Ozean. Je mehr wir trinken, desto durstiger werden wir.
(aus: Yongey Mingyur Rinpoche, Buddha und die Wissenschaft vom Glück, Kapitel 8, “Warum sind wir unglücklich?”)
Wenn alles im Wandel ist, alles stetig fließt, dann ist wahre Kunst die Annahme, die Akzeptanz und die Hingabe, an das was ist. Schuldzuweisungen, ganz gleich ob an sich selbst oder andere, werden uns nicht weiterbringen, wenn wir unglückliche Erfahrungen und Erlebnisse haben. Yongey Mingyur Rinpoche schreibt dazu:
Wenn sich die zugrunde liegenden Ursachen ändern, die eine Erfahrung von Glück erzeugten und aufrechterhielten, geben die meisten Leute den äußeren Bedingungen (anderen Menschen, einem Ort, dem Wetter und so weiter) oder sich selbst die Schuld (»Ich hätte etwas Netteres oder Klügeres sagen sollen«, »Ich hätte woanders hingehen sollen«). Aber eine solche Schuldzuweisung macht die Suche nach dem Glück nur noch schwieriger, weil sie von einem Verlust an Selbstvertrauen oder Glauben an die Dinge zeugt, die uns, wie man uns beibrachte, zum Glück verhelfen sollten.
(gleiche Quelle)
Ein ebenso sehr empfehlenswertes Buch ist “The Choice” von Edith Eger, eine unglaublich mitreisende Geschichte einer KZ-Überlebenden. Aus all den traumatischen Erfahrung konnte sie ein enormes Empowerment schöpfen und viele Erkenntnisse ziehen, was Resilienz, Glück und Zufriedenheit angeht. Später arbeitete sie als Psychotherapeutin und konnte all ihre persönlichen Erfahrungen nutzen, um auch bei schweren Traumata (z. B. von ehemaligen Soldat:innen) einen Zugang zu entwickeln.
Der titelgebende Kerngedanke ihres Buchs ist, dass es immer unsere Wahl ist, uns für Gefühle und Haltungen zu entscheiden. In dieser Weise ergänzt es die obige Idee, von Schuldzuweisungen abzusehen, ganz wunderbar. Unser Glück und Unglück liegt nicht darin zu erhoffen, was sein wird, oder zu bedauern, was gewesen ist. Die Frage ist vielmehr, wie wir annehmen können, was gerade präsent ist, und mit welcher Haltung wir dem begegnen, ganz egal wie die Umstände gerade sind, die sich sowieso ständig wandeln werden.
If I had to name my therapy I’d probably call it Choice Therapy, as freedom is about CHOICE—about choosing compassion, humor, optimism, intuition, curiosity, and self-expression. And to be free is to live in the present. If we are stuck in the past, saying, “If only I had gone there instead of here…” or “If only I had married someone else…,” we are living in a prison of our own making. Likewise if we spend our time in the future, saying, “I won’t be happy until I graduate…” or “I won’t be happy until I find the right person.” The only place where we can exercise our freedom of choice is in the present.
(aus: Edith Eva Eger, “The Choice”, Kapitel 15 “What Life Expected”)
Dieses Buch ist zweifelsfrei sehr harte Kost, manche Szenen ist schwer erträglich, bspw. über den Todesmarsch zwischen zwei Konzentrationslagern am Ende des Krieges, den sie ganz knapp überlebt hat. Um so faszinierender ist, welchen Mut diese Frau gefunden hat, was sie später im Leben noch erreicht hat, und was wir nun davon lernen dürfen.
Abschließend noch eine Podcastempfehlung, die Episode “Lob der Verletzlichkeit?” des Podcasts “Sternstunde Philosphie”. Darin waren viele schöne Gedanken, wie sehr uns erst die Verletzbarkeit zu fühlenden Menschen macht und wie Gemeinschaft, Trost, und Miteinander entstehen und helfen können, gerade in einer sehr schlingernden Weltlage. Besonders faszinierend fand ich die Idee, wie Zärtlichkeit ihrer Ansicht nach die richtige Antwort auf Verletzlichkeit ist:
Zärtlichkeit ist nun wirklich, glaube ich, die schönste Antwort, weil sie im Grunde diese Verletzbarkeit, diese Offenheit und Berührbarkeit des Menschen so aufnimmt. Also wenn wir einfach nur von Respekt anderen Menschen gegenüber reden, dann bleiben wir da irgendwie auch weiter weg stehen, reden wir da aber von Offenheit und Berührbarkeit und dass Menschen das primär sind, dann ist Zärtlichkeit im Grunde diese feine Art der Berührung. […] Das ist natürlich im übertragenen Sinn gemeint als eine Art Haltung, die wir einnehmen können. Eine Haltung, bei der wir umsichtig sind, vorsichtig sind, nachsichtig sind, bei der wir mit dem anderen in einer sehr liebevollen Weise umgehen.
(Die Philosophin Barbara Schmitz in “Sternstunde Philosophie, Lob der Verletzlichkeit?” vom 11.04.2026)
In diesem Sinne wünsche ich mir von all den lieben Wesen in der Welt mehr Umsicht und Achtsamkeit füreinander, mehr Einsicht in die eigene Verletzlichkeit und mehr Offenheit in unseren Begegnungen. Vielleicht ist eine andere Welt möglich, als all das Gegeneinander, was wir gerade auf der Weltbühne erleben, und vielleicht ist die Antwort auch manchmal sich in kleinere heile Welten, in kleinere Gemeinschaften zu flüchten, in denen Zärtlichkeit und Berührbarkeit möglich sind. Gleichzeitig wünsche ich mir, so eine Botschaft hinaus in die Welt tragen zu können. Wenn ich diese, vielleicht naive, Hoffnung nicht hätte, so würde ich diese Gedanken hier nicht öffentlich kommunizieren.
Ich bin Patrick, lebe und arbeite als Softwareentwickler in München und beschäftige mich gerne mit Literatur, Philosophie, Politik und manchmal auch privat mit Software-Projekten. Abseits des Bildschirms bin ich gerne in der Natur unterwegs, insbesondere auf Wander- und Skitouren.