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  • 28May
    2020
    10:25 pm Comments Off on Faszinierende Metastrategien 17 | Wenig faszinierende Erkenntnisse 21

    Auf das Münchener Projekt BISS wurde ich erst durch einen Artikel über die Photographien von Rainer Viertlböck so richtig aufmerksam, der die Wohnungen der BISS-Zeitungsverkäufer für eine Ausstellung abgelichtet hat. Auch wenn ich mich an den ein oder anderen Verkäufer der BISS-Straßenzeitung, deutlich erkennbar mit umgehängten Ausweis, durchaus erinnern konnte, war mir nie so richtig klar, worin der Inhalt dieser Zeitung besteht oder gar was das Ziel des Projekts ist. Vielleicht gingen diese kurzen Eindrücke im Rahmen der begrenzten Aufmerksamkeitskapazität im reizüberfluteten Großstadtleben auch einfach ein wenig unter.

    Die Verkäufer sind oft ehemalige Obdachlose, in jedem Fall Menschen die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance (mehr) haben. Für einen Moment mag man sich fragen “Und warum verkaufen die jetzt Zeitung? Können diese Menschen nicht eine Ausbildung/Weiterbildung/etc. machen und wieder regulär in einfachen Jobs arbeiten?” Wenn man ein wenig mehr darüber nachdenkt oder sich mit der Thematik näher beschäftigt, wird klar, dass das alles nicht so einfach ist. Auch wenn theoretisch in Deutschland niemand betteln muss: Der Weg durch den Ämter- und Formularejungle bei behördlichen Angelegenheiten ist selbst für den ein oder anderen Akademiker durchaus anstrengend. Für Menschen mit psychischen Problem, Suchterkrankungen, sehr geringen Sprachkenntnissen ist dieser Weg oftmals unmöglich. Vor allem: Die Straße ist deren einziges vertrautes Terrain. Gleichzeitig aber ist Betteln oder Flaschensammeln als einziges Tagesgeschäft keine würdevolle Tätigkeit.

    In diesem Sinne sehe ich es als eine faszinierende Metastrategie, auf die Anliegen und Sorgen von “Bürgern in sozialen Schwierigkeiten” (wofür das Akronym BISS steht) mit einer regelmäßig erscheinenden Publikation zu diesem Thema aufmerksam zu machen, und gleichzeitig jenen Bürgern ein Auskommen zu bieten. Eine feste Stelle, die immerhin dazu reicht, sich eine kleine Wohnung in der teuren bayerischen Landeshauptstadt leisten zu können. Die Bilder von Rainer Viertelböck zeigen sehr kleine Domizile, die aber doch eben so viel mehr sind auf dem Weg zurück in ein normales Leben als ein Bretterverschlag unter einer der Isarbrücken. Dazu können die Angestellten auf der Straße, ihrem vertrauten Terrain, ihrer Arbeit nachgehen. Noch dazu liefern sie, unter Anleitung von Journalisten, selbst kleine Textbeiträge über ihre Geschichte und ihr Leben. Die BISS-Verkäufer können mit Käufern ins Gespräch kommen und haben vor allem eine legitime Grundlage für ihre Präsenz in der Öffentlichkeit, anstelle des schambehafteten Daseins als Bettler. Wer lieber einer handwerklichen Tätigkeit auf dem Weg zurück in ein normales Leben nachgehen möchte, für den gibt es auch das Partnerprojekt einer Fahrradwerkstatt.

    Als ich während der Corona-Ausgangsbeschränkungen (eine Zeit, in der der Straßenverkauf von BISS temporär untersagt war) eine kleine Spende an das BISS-Projekt richtete, bekam ich mitsamt der Spendenbescheinigung auch die Jubliläumsausgabe von 2018 zugeschickt. Darin wurde unter anderem vom BISS-Hotelprojekt berichtet, welches 2011 leider gescheitert ist:

    “Die gemeinnützige und mildtätige Stiftung BISS beabsichtigt, das alte Münchner Frauen- und Jugendgefängnis Am Neudeck unter Einhaltung des Denkmalschutzes und Erhalt des alten Baumbestands in ein Hotel der gehobenen Klasse umzubauen, um damit 40 jungen Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten eine umfassende, erstklassige Ausbildung und Qualifizierung zu ermöglichen.
    […]
    Nachdem die CSU/FDP-Ab-geordneten im Haushaltsausschuss gegen einen Freihandverkauf an BISS gestimmt hatten, wurde ein Bieterverfahren durchgeführt. Der Freistaat machte nicht von der ausdrücklich im Bayerischen Haushaltsrecht verankerten Möglichkeit Gebrauch, einem dem Gemeinwohl dienenden Bieter den Vorzug zu geben. […] Im Mai 2011 gab die Bayerische Staatsregierung einem anonymen, kommerziellen Immobilieninvestor den Zuschlag für das alte Frauengefängnis Am Neudeck.”
    aus: BISS, Oktober 2018

    Es ist eine wenig faszinierende Erkenntnis, dass so ein ambitioniertes soziales Projekt der kalten Logik der Gewinnmaximierung von staatlicher Seite weichen musste.