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  • 01Jul
    2018
    6:08 pm Comments Off on Faszinierende Literatur 2 | Das Drama der Menschheit 11

    Erich Kästner’s “Fabian, Geschichte eines Moralisten” ist kein Kinderbuch, auch wenn der Autor vor allem für Kinderbücher bekannt geworden ist. Es ist ein Erwachsenenbuch, in einem analogen Wortsinne zu einem “Erwachsenenfilm” als wohlklingenden Euphemismus für Pornographie. Aber um die wilden (und unterhaltsamen) Sexorgien, die darin (allerdings der damaligen Zeit geschuldet, auf zurückhaltende Weise) geschildert werden, soll es hier gar nicht gehen. Man könnte das Werk als Ganzes durchaus als zynisch bezeichnen, auch in Anbetracht der Tatsache auf welch tragikomische Weise die Protagonisten zu Tode kommen. Eine ganz treffende, und durchaus zynische, Beschreibung des Dramas der Menschheit liefert der Protagonist an dieser Stelle (wohlgemerkt spielt die Geschichte zur Zeit der Weimarer Republik):

    “Und sei mir nicht böse, wenn ich nicht glaube, dass sich Vernunft und Macht jemals heiraten werden. Es handelt sich leider um eine Antinomie. Ich bin der Überzeugung, dass es für die Menschheit, so wie sie ist, nur zwei Möglichkeiten gibt. Entweder ist man mit seinem Los unzufrieden, und dann schlägt man einander tot, um die Lage zu verbessern, oder man ist, und das ist eine rein theoretische Situation, im Gegenteil mit sich und der Welt einverstanden, dann bringt man sich aus Langeweile um. Der Effekt ist derselbe. Was nützt das göttlichste System, solange der Mensch ein Schwein ist?” [sagte Fabian]
    aus: Erich Kästner, “Fabian, die Geschichte eines Moralisten”

    Auf faszinierend einfache Weise lässt Kästner gegen Ende der Erzählung die Sinnsuche seines Protagonisten in seinem Leben erklären, jenseits der vorgelebten Lebensweise der Elterngeneration:

    »Ich weiß noch nicht, was ich mache«, sagte [Fabian]. »Es kann sein, dass ich hierbleibe. Ich will arbeiten. Ich will mich betätigen. Ich will endlich ein Ziel vor Augen haben. Und wenn ich keines finde, erfinde ich eines. So geht es nicht weiter.«
    »Zu meiner Zeit gab es das nicht«, behauptete [seine Mutter]. »Da war Geldverdienen ein Ziel, und Heiraten und Kinderkriegen.«