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  • 28May
    2020
    10:25 pm Comments Off on Faszinierende Metastrategien 17 | Wenig faszinierende Erkenntnisse 21

    Auf das Münchener Projekt BISS wurde ich erst durch einen Artikel über die Photographien von Rainer Viertlböck so richtig aufmerksam, der die Wohnungen der BISS-Zeitungsverkäufer für eine Ausstellung abgelichtet hat. Auch wenn ich mich an den ein oder anderen Verkäufer der BISS-Straßenzeitung, deutlich erkennbar mit umgehängten Ausweis, durchaus erinnern konnte, war mir nie so richtig klar, worin der Inhalt dieser Zeitung besteht oder gar was das Ziel des Projekts ist. Vielleicht gingen diese kurzen Eindrücke im Rahmen der begrenzten Aufmerksamkeitskapazität im reizüberfluteten Großstadtleben auch einfach ein wenig unter.

    Die Verkäufer sind oft ehemalige Obdachlose, in jedem Fall Menschen die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance (mehr) haben. Für einen Moment mag man sich fragen “Und warum verkaufen die jetzt Zeitung? Können diese Menschen nicht eine Ausbildung/Weiterbildung/etc. machen und wieder regulär in einfachen Jobs arbeiten?” Wenn man ein wenig mehr darüber nachdenkt oder sich mit der Thematik näher beschäftigt, wird klar, dass das alles nicht so einfach ist. Auch wenn theoretisch in Deutschland niemand betteln muss: Der Weg durch den Ämter- und Formularejungle bei behördlichen Angelegenheiten ist selbst für den ein oder anderen Akademiker durchaus anstrengend. Für Menschen mit psychischen Problem, Suchterkrankungen, sehr geringen Sprachkenntnissen ist dieser Weg oftmals unmöglich. Vor allem: Die Straße ist deren einziges vertrautes Terrain. Gleichzeitig aber ist Betteln oder Flaschensammeln als einziges Tagesgeschäft keine würdevolle Tätigkeit.

    In diesem Sinne sehe ich es als eine faszinierende Metastrategie, auf die Anliegen und Sorgen von “Bürgern in sozialen Schwierigkeiten” (wofür das Akronym BISS steht) mit einer regelmäßig erscheinenden Publikation zu diesem Thema aufmerksam zu machen, und gleichzeitig jenen Bürgern ein Auskommen zu bieten. Eine feste Stelle, die immerhin dazu reicht, sich eine kleine Wohnung in der teuren bayerischen Landeshauptstadt leisten zu können. Die Bilder von Rainer Viertelböck zeigen sehr kleine Domizile, die aber doch eben so viel mehr sind auf dem Weg zurück in ein normales Leben als ein Bretterverschlag unter einer der Isarbrücken. Dazu können die Angestellten auf der Straße, ihrem vertrauten Terrain, ihrer Arbeit nachgehen. Noch dazu liefern sie, unter Anleitung von Journalisten, selbst kleine Textbeiträge über ihre Geschichte und ihr Leben. Die BISS-Verkäufer können mit Käufern ins Gespräch kommen und haben vor allem eine legitime Grundlage für ihre Präsenz in der Öffentlichkeit, anstelle des schambehafteten Daseins als Bettler. Wer lieber einer handwerklichen Tätigkeit auf dem Weg zurück in ein normales Leben nachgehen möchte, für den gibt es auch das Partnerprojekt einer Fahrradwerkstatt.

    Als ich während der Corona-Ausgangsbeschränkungen (eine Zeit, in der der Straßenverkauf von BISS temporär untersagt war) eine kleine Spende an das BISS-Projekt richtete, bekam ich mitsamt der Spendenbescheinigung auch die Jubliläumsausgabe von 2018 zugeschickt. Darin wurde unter anderem vom BISS-Hotelprojekt berichtet, welches 2011 leider gescheitert ist:

    “Die gemeinnützige und mildtätige Stiftung BISS beabsichtigt, das alte Münchner Frauen- und Jugendgefängnis Am Neudeck unter Einhaltung des Denkmalschutzes und Erhalt des alten Baumbestands in ein Hotel der gehobenen Klasse umzubauen, um damit 40 jungen Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten eine umfassende, erstklassige Ausbildung und Qualifizierung zu ermöglichen.
    […]
    Nachdem die CSU/FDP-Ab-geordneten im Haushaltsausschuss gegen einen Freihandverkauf an BISS gestimmt hatten, wurde ein Bieterverfahren durchgeführt. Der Freistaat machte nicht von der ausdrücklich im Bayerischen Haushaltsrecht verankerten Möglichkeit Gebrauch, einem dem Gemeinwohl dienenden Bieter den Vorzug zu geben. […] Im Mai 2011 gab die Bayerische Staatsregierung einem anonymen, kommerziellen Immobilieninvestor den Zuschlag für das alte Frauengefängnis Am Neudeck.”
    aus: BISS, Oktober 2018

    Es ist eine wenig faszinierende Erkenntnis, dass so ein ambitioniertes soziales Projekt der kalten Logik der Gewinnmaximierung von staatlicher Seite weichen musste.

  • 13Apr
    2020
    12:47 pm Comments Off on Faszinierende Literatur 5 | Wenig faszinierende Erkenntnisse 20

    Wenn es etwas Positives an der derzeitigen Covid-19-Pandemie gibt, dann sicherlich die Tatsache, dass man wieder deutlich mehr Zeit zum Lesen hat. In diesem Sinne setze ich meine Reise durch die (Welt-)Literatur in diesem Blogbeitrag fort, und widme mich dem Werk “Schöne neue Welt” von Aldous Huxley.

    Oft wird Huxleys Dystopie mit George Orwells “1984” verglichen, vereint die beiden fiktiven Szenarien eine mehr oder weniger weltumspannende totalitäre Diktatur, die bis tief in die privatesten Lebensbereiche vordringt. Mit Hilfe von Wissenschaft, Bürokratie und Technologie wird in beiden Werken ein unangreifbares Regime geschaffen, das mit Hilfe ganz klarer Hierarchien sich seine Bürger untertan macht. Doch im Vergleich zu 1984 finde ich Huxleys Weltentwurf deutlich subtiler. Insbesondere in den philosophischen Diskussionen im letzten Drittel des Textes sind etliche Beobachtungen und Gedanken von geradezu frappierender Aktualität. Damit meine ich beispielsweise Parallelen zwischen der Kastengesellschaft bei Huxley und der (digitalen) Spaltung der Gesellschaft heutzutage. Digitales Prekariat und Mindestlohnempfänger auf der einen Seite, die digitale Elite und Empfänger der satten Rendite auf der anderen Seite. Für den Weltaufsichtsrat in der schönen neuen Welt ist die Legitimation dieses Klassenunterschieds keine Frage:

    “Ein Mensch, der als Alpha entkorkt und genormt ist, würde wahnsinnig werden, wenn er die Arbeit eines Epsilon-Halbidioten verrichten müßte; er würde wahnsinnig werden oder alles kurz und klein schlagen. Alphas können der menschlichen Gemeinschaft perfekt eingefügt werden, aber nur, wenn man ihnen Alpha-Arbeit überträgt. Nur ein Epsilon kann die Opfer eines Epsilons bringen, aus dem einfachen Grund, daß sie für ihn keine Opfer bedeuten, sondern der Weg des geringsten Widerstands sind.”
    (Der “Weltaufsichtsrat” Mustafa Mannesmann in “Schöne neue Welt”)

    Würde dieses Denken, auf die heutige Zeit übertragen, etwa bedeuten, dass es kein Opfer für die Vollbringer der einfachen Botendienste und Reinigungskräfte ist, ihre Arbeit zu vollbringen, sondern ihre einzig glücklichmachende Bestimmung? Ein Gedanke, der geradezu absurd scheint, wenn man die Idee der Chancengerechtigkeit ernst nimmt. Aber was passiert, wenn die Aufstiegs- und Bildungschancen in einer Gesellschaft erst einmal so ausgeprägt sind, dass praktisch jeder nur noch intelligente Kopfarbeit verrichten möchte? Wenn dazu passend, alle einfachen, körperlichen Arbeiten irgendwann einmal automatisiert sind (was nicht so schnell der Fall sein wird, wie ich schon einmal ausgeführt habe)? Haben wir dann eine Gesellschaft ähnlich wohlhabender, ähnlich intelligenter Kopfarbeiter, die gemeinsam die digitale, globalisierte Welt gestalten? Für den Weltaufsichtsrat bei Huxley scheint dies keine gute Idee zu sein, da dieses Experiment innerhalb der Fiktion schon einmal nicht funktioniert hat:

    “Die Aufsichtsräte ließen die Insel Zypern von allen Einwohnern säubern und mit einer eigens angelegten Zucht von zweiundzwanzigtausend Alphas neu besiedeln. Man gab ihnen komplette Ausstattungen für Landwirtschaft und Industrie und überließ sie sich selbst. Das Ergebnis entsprach haargenau den theoretischen Voraussagen. Der Boden wurde nicht ordentlich bestellt, in den Fabriken gab es Streiks, die Gesetze wurden mißachtet, Befehle nicht befolgt, alle die, die für einige Zeit untergeordnete Arbeiten verrichten mußten, intrigierten unablässig um höhere Posten, und die Höhergestellten spannen Gegenintrigen, damit sie um jeden Preis auf ihren Plätzen bleiben konnten. Binnen sechs Jahren gab es einen prima Bürgerkrieg. Als neunzehntausend von den zweiundzwanzigtausend Alphas gefallen waren, richteten die Überlebenden geschlossen eine Eingabe an den Weltaufsichtsrat, die Regierungsgewalt über die Insel wieder zu übernehmen. Was auch geschah. So endete die einzige Alphagesellschaft der Welt.”
    (Der “Weltaufsichtsrat” Mustafa Mannesmann in “Schöne neue Welt”)

    Im Grunde sind wir mit der steigenden Automatisierung der Arbeit und der Akademisierung der Bildung heute nahe an einer “Alphagesellschaft”. Gleichzeitig beobachtet man, wie beispielsweise Kämpfe um günstigen Wohnraum in den begehrten Zentren der Welt heftiger geführt werden. Trotz aller Produktivitätsgewinne (die sich im Wirtschaftswachstum zeigen) steigt der Abstand zwischen den “vermögendsten 1%” und der akademisch gebildeten Mittelschicht in allen Industrieländern. Menschen, die qua Bildung und Intellekt eigentlich der Huxleyschen “Alpha”-Status haben, konkurrieren um die gleichen Posten und Renditen. Ist das eine Gesellschaft, die das Potential hat, in einem Bürgerkrieg zu münden?

    Eine andere, gerade zu Covid-19-Zeiten sehr aktuelle Überlegung, ist der Konflikt zwischen dem wirtschaftlich “richtigen” Handeln und dem, was die Wissenschaft für richtig hält. Bei Huxley haben sich die Befürworter des ewig sich drehenden Räderwerks durchgesetzt:

    “Merkwürdig, was die Menschen zu Lebzeiten Fords des Herrn über den Fortschritt der Wissenschaft geschrieben haben. Sie schienen sich einzubilden, daß die Wissenschaft ewig fortschreiten dürfe, ohne Rücksicht auf alles übrige. Erkenntnis war das höchste Gut, Wahrheit der erhabenste Wert, alles andere war nebensächlich und untergeordnet. Allerdings begannen sich schon damals die Anschauungen zu verändern. Ford der Herr selbst trug viel dazu bei, das Schwergewicht von Wahrheit und Schönheit auf Bequemlichkeit und Glück zu verlegen. Die Massenproduktion verlangte diese Verlagerung. Allgemeines Glück läßt die Räder unablässig laufen; Wahrheit und Schönheit bringen das nicht zuwege. Und natürlich ging es, sooft die Massen an die Macht kamen, stets mehr um Glück als um Wahrheit und Schönheit.”
    (Der “Weltaufsichtsrat” Mustafa Mannesmann in “Schöne neue Welt”)

    Ich finde diese Überlegungen äußerst spannend in einer Zeit, in der wir darüber streiten, ob man die Wirtschaft nicht abwürgen sollte, oder lieber alles tun sollte, um möglichst viele Menschen vor der Covid-19 Pandemie zu retten. Man kann sich in rein quantitative Überlegungen flüchten (“Wie viel ist ein Menschenleben wert” – ein ganz üblicher Vorgang bei der Berechnung von Versicherungssummen), aber man kann natürlich auch verschiedene moralphilosophische Überlegungen anstellen. Geht es darum den Gesamtnutzen für alle Menschen zu maximieren (Utilitarismus)? Die politische Realität, insbesondere bei der Klimakatastrophe, zeigt, dass sich dies in den westlichen Demokratien nicht abbilden lässt. Tatsächlich agieren die westlichen Industriestaaten eher so, als wären sie eine Gesellschaft der Alphas und Betas, denen die Lebensgrundlagen der austauschbaren Epsilons aus fernen Länden nicht so wichtig sind, weil einige einflussreiche Alpha-Plus Entscheider unsere lokale Wirtschaft über alles stellen und nur die gut situierten Bürger zur Wahl gehen und teure Produkte konsumieren. Ein wenig faszinierende Erkenntnis.

    Aber andererseits sind in der schönen neuen Welt – wenn auch jeweils stark überzeichnet – allerlei Ideen enthalten, die heute als modern und fortschrittlich gelten. Teilweise sind das Ideen, für die sich heute Mehrheiten finden, die aber in dem 1932 erschienen Werk in der damaligen Gesellschaft kaum akzeptiert waren. Die Legalisierung von Drogen, die sexuelle Freizügigkeit, die Pränataldiagnostik, die Erforschung der Gentechnik, das Streben nach individuellem Glück oder die größere Unabhängigkeit zwischen den Generationen sind alles Punkte, die man heute in progressiven politischen Agenden lesen kann. Wohin entwickelt sich eine Welt voller Individuen, die ihr Glücksempfinden und ihren Wohlstand maximieren wollen, und mit klassischen Strukturen wie Staaten oder Familien (jeweils im Sinne einer Solidargemeinschaft) wenig anfangen können? Lässt sich dies irgendwann nur durch eine Alpha-Plus-Diktatur einhegen, die zwar die Auflösung der alten Strukturen (zugunsten einer neuen Struktur) vorantreibt, das individuelle Glück vorschreibt, dabei aber wahre Erkenntnis und Wissenschaft verbietet? Leben wir vielleicht schon in so einer Diktatur, wenn die Erkenntnisse der Wissenschaft bezüglich dem Klimawandel zwar nicht verboten, aber doch von der herrschenden Klasse fast vollkommen ignoriert werden oder durch Fake News in der Aufmerksamkeitsökonomie untergehen?

    Oder löst sich das ganze Problem gerade von selbst, weil wir als vermeintliche westliche Elite, in den Zeiten von Covid-19, die Überlegenheit kollektivistischer Gesellschaften wie derjenigen in China nun einsehen müssen? Eine wenig faszinierende Aussicht.

  • 07Jul
    2019
    4:44 pm Comments Off on Faszinierende Literatur 3 | Das Drama der Menschheit 12

    “Der psychologische und physiologische Mechanismus der Liebe ist so kompliziert, daß ein junger Mann sich in einem bestimmten Lebensabschnitt fast ausschließlich auf dessen Beherrschung konzentrieren muß und der eigentliche Inhalt der Liebe ihm entgeht — die Frau, die er liebt (ähnlich etwa wie ein junger Geiger sich nicht gut auf den Inhalt einer Komposition konzentrieren kann, solange er die manuelle Technik nicht soweit beherrscht, daß er beim Spielen nicht mehr daran denken muß).”
    Milan Kundera in “Der Scherz”

    Jenseits der inspirierenden Einsichten von Kundera in die Liebe, das Zwischenmenschliche und die Individualität ist “Der Scherz” geprägt von einer gewissen Bewunderung für kommunistische Ideen und gleichzeitig eine wachsende Abscheu und Verachtung gegenüber dem sozialistischen System, dem Totalitarismus, dem Kampf gegen alles Individuelle, gegen alles, was dem System nicht vollkommen konform ist. Faszinierend fand ich auch die Einsicht, wie einer der loyalen Verteidiger der sozialistischen Einparteiendiktatur den Totalitarismus gegenüber dem Protagonisten verteidigt (der für einen harmlosen Scherz innerhalb eines privaten Briefs über Trotzki für fünf Jahre Militärdienst in einer Kohlegrube absolvieren musste):

    “In Ihrem Streit mit der Partei stehe ich nicht auf Ihrer Seite, Ludvik, denn ich weiß, daß man die großen Dinge auf dieser Welt nur mit einem Kollektiv von grenzenlos ergebenen Menschen schaffen kann, die ihr Leben demütig für einen höheren Zweck hingeben. Sie, Ludvik, sind nicht grenzenlos ergeben. Ihr Glaube ist zerbrechlich. Wie könnte es anders sei, da Sie sich ständig nur auf sich selbst und Ihren kläglichen Verstand berufen haben!”
    (gleiche Quelle)

    Wenn wir aus dieser Geschichte etwas lernen können, dann vielleicht dies: Jede Idee, die man nur mit einem Kollektiv von grenzenlos ergebenen Menschen realisieren kann, ist keine Idee, die es Wert ist, realisiert zu werden. Jede Idee, die keinen kritischen Widerspruch verträgt, die keine kritische Debatte verträgt, die für Zweifler, Rationalisten oder Individualisten nur das Arbeitslager übrig hat, sollte niemals im Rahmen eines politischen Experiments zu realisieren versucht werden. Plakativer ausgedrückt (wie es Martin Schulz vor einiger Zeit in ganz anderem Zusammenhang sagte): Es ist eine Idee für den Müllhaufen der Geschichte.

  • 24Feb
    2019
    4:29 pm Comments Off on Wenig faszinierende Erkenntnisse 18 | Wenig faszinierende Strategien 22

    Die erste wenig faszinierende Erkenntnis des Jahres, die zum Gegenstand eines Blogbeitrags hier werden soll, betrifft Menschen mit Migrationshintergrund in diesem Land. Die Medien sind gerade voll mit Berichten über kriminelle arabische Clan-Strukturen in Essen oder Berlin. Um das einmal klarzustellen: Ich finde es vollkommen richtig, dass darüber ausführlich berichtet wird. Und natürlich ist die letzten Jahre einiges schief gelaufen bei den Behörden, dass es so weit kommen konnte. Und wenn irgendjemand darüber nicht berichtet hat oder in einer Behörde weggesehen hat, weil er es für politisch wenig opportun hielt, über “kriminelle Ausländer” zu berichten, dann war das grundfalsch.

    Aber was ist mit der überwältigenden Mehrheit der gut integrierten Migranten, die all die Jobs machen, die unseren Wohlstand erst ermöglichen, und die kaum ein Deutscher machen will? Die Betreiber günstiger Imbissläden, die Arbeiter in der Nicht-Vertrags-Autowerkstatt, die Paketkuriere, die Spediteure, die Küchenmonteure, die günstigen Friseure – und das sind nur diejenigen Branchen mit hohem Anteil an Migranten, die wir tagtäglich sehen. Uns über die günstigen Preisen und die hohe Zuverlässigkeit freuen, falls wir das den bewusst wahrnehmen. Viele Jobs in Fabriken mit hohem Anteil an ausländischen Arbeitern bzw. Menschen mit Migrationshintergrund bleiben für uns unsichtbar. Jobs, für die man kaum Deutsche findet, die sie machen würden.

    Fatma Aydemir, eine Tochter türkischer Gastarbeiter, schreibt dazu:

    Und vielleicht ist das Wort Migrantenbonus auch gar nicht so falsch. Nur dass es kein Bonus ist, den wir erhalten, sondern einer, den wir vergeben: Vielleicht wissen aufmerksame Arbeitgeber_innen inzwischen einfach, dass sie von uns für das gleiche Geld mehr bekommen.
    […]
    Doch um ehrlich zu sein: Wenn ich mich umschaue, sehe ich in diesem Land niemanden, der so hart arbeitet wie Migrant_innen. Niemanden. An Burn-out aber leiden immer nur die Deutschen. Komisch.
    […]
    Ich konnte gerade mal meinen Namen schreiben, da machte meine Mutter schon drei Jobs gleichzeitig: morgens Bäckerei, mittags Kartonfabrik, nachts Wäscherei. Mein Vater arbeitete fast vierzig Jahre im grellen Halogenlicht von Fabriken und verfiel kürzlich in eine Krise, weil er zum ersten Mal in seinem Leben arbeitslos war. Sein Arbeitgeber hatte ihn im Zuge eines Stellenabbaus entlassen. Doch hielt mein Vater es keine drei Monate zu Hause aus. Dann ließ er sich von einer Zeitarbeitsfirma in eine andere Fabrik schicken, für den halben Lohn und weniger Urlaubsanspruch. Er ist trotzdem zufriedener. Denn er kann nicht mehr nicht arbeiten.
    aus: “Das Ende des German Dream”, Spiegel Online

    Es ist eine wenig faszinierende Strategie, die Leute auszubeuten, die man entweder als “faul und kriminell” beschreibt oder aber, wenn das all zu offensichtlich nicht zutrifft, behauptet “die Ausländer nehmen uns unsere Arbeitsplätze weg”. Was die überwältigende Mehrheit der Migranten angeht, geht das derart an der Realität vorbei, dass es kaum wert scheint, sich darüber aufzuregen. Als Wahlkampfmotto für eine AfD mit dem Kern einer NPD 2.0 taugt es immer noch.

    Weiter schreibt Aydemir:

    “Masseneinwanderung ins deutsche Sozialsystem”, “Wirtschaftsflüchtlinge”, “Asyltourismus” – immer häufiger werden rechte Kampfbegriffe normalisiert. Inzwischen dominieren sie Politik und Medien. Damit wird Angst geschürt vor denen, die gekommen sind, um den Deutschen etwas wegzunehmen. Doch die einzige plausible Erklärung für diese Verlustangst ist Rassismus. Sonst nichts. Deutschland hat schon immer von Zuwanderung profitiert und tut es heute noch, ganz egal, was uns besorgte Bürger und Heimatminister weismachen wollen.
    (gleiche Quelle wie zuvor)

    Natürlich profitieren wir nur deswegen, weil genug Leute ins Land kommen, die bereit sind, schlecht bezahlte Arbeit zu machen. Warum ist das so? Die höhere Bereitschaft, etwas zu erreichen, wenn man schon den Mut gefasst hat, in die Ferne aufzubrechen? Der große Kaufkraftunterschied zwischen Deutschland und deren Heimatländern, in die sie ein Teil des Lohns schicken? Und der Rest der Preisbildung und der Arbeitsbedingungen ist dann der freie Markt? Zum Teil sicherlich. Leute, die ohne Ausbildung ins Land kommen, werden natürlich weniger verdienen als die, die schon ein Berufsabschluss oder ein Studium haben.

    Aber es gibt auch Gründe für Marktversagen, und struktureller Rassismus gehört sicher dazu. Wer glaubt, den gebe es doch gar nicht in Deutschland, möge sich beispielsweise die Studie zu Bewerbungschancen bei ausländisch klingenden Vornamen zu Gemüte führen. Schon über 4 Jahre her, aber ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass sich da viel geändert hat. Solange Dieter Bohlen (und der Großteil seiner Fans wahrscheinlich auch) es für eine zielführende Frage hält, bei einem fünfjährigen Mädchen mit asiatischem Aussehen die Migrationsgeschichte der Großeltern abzufragen, weil er eine Antwort wie “aus Herne” nicht akzeptiert, haben wir ein Problem mit Rassismus. Eine wenig faszinierende Erkenntnis.

  • 29Oct
    2018
    9:57 pm Comments Off on Lesenswertes 4 | Faszinierende Metastrategien 14

    Jean-Paul Sartre hat mich fasziniert, ehe ich auch nur eine Zeile von ihm gelesen habe. Allein aufgrund der Tatsache, dass er den Literaturnobelpreis abgelehnt hat, um seine politische Unabhängigkeit zu wahren. Die höchste Auszeichnung für einen Literaten, vergeben von einem Gremium, das nicht gerade im Verdacht stand, irgendwelchen Partikularinteressen zu folgen, sondern ihn auch noch für seinen “freiheitlichen Geist” auszeichnet. Und damals gab es noch keine Sexskandale im Gremium für den Literaturnobelpreis (bzw. war jedenfalls nichts darüber bekannt). Aber die Stockholmer Akademie war eben doch eine Institution des Westens:

    “Meine Sympathien gehören unzweifelhaft dem Sozialismus… Aber ich wurde in einer bürgerlichen Familie geboren und erzogen. Dies gestattet mir, mit all jenen zusammenzuarbeiten, die eine Annäherung der beiden Kulturen wünschen… Aus diesem Grund kann ich aber keinerlei von kulturellen Organisationen weder des Ostens noch des Westens verliehene Auszeichnungen annehmen… Obwohl alle meine Sympathien den Sozialisten gehören, könnte ich dennoch gleicherweise zum Beispiel einen Lenin-Preis nicht annehmen… Diese Haltung hat ihre Grundlage in meiner Auffassung von der Arbeit eines Schriftstellers. Ein Schriftsteller, der politisch oder literarisch Stellung nimmt, sollte nur mit den Mitteln handeln, die die seinen sind – mit dem geschriebenen Wort. Alle Auszeichnungen, die er erhält, können seine Leser einem Druck aussetzen, den ich für unerwünscht halte. Es ist nicht dasselbe, ob ich „Jean-Paul Sartre“ oder „Jean-Paul Sartre, Nobelpreisträger“ unterzeichne.”
    Sartre in seiner Begründung der Ablehnung

    Die vollkommene Unabhängigkeit. Die Bereitschaft, mit allen zusammenarbeiten, ganz egal, wie tief der Graben zwischen dem Westen oder dem Osten zu dieser Zeit gewesen sein mag. Eine Unabhängigkeit, die so weit gefasst ist, die so viel Verzicht erfordert, dass ich sie als eine faszinierende Metastrategie bezeichnen mag.

    Nun habe ich angefangen Sartre zu lesen, und zwar seinen Roman “Der Ekel”, der ihn auf einen Schlag berühmt machte. Danach war ich noch faszinierter von ihm als zuvor.

    “Wie fern von ihnen ich mich fühle, von der Höhe dieses Hügels herab. Es kommt mir vor, als gehörte ich zu einer anderen Spezies. Sie kommen aus den Büros, nach ihrem Arbeitstag, sie schauen zufrieden die Häuser und die Grünplätze an, sie denken, daß es ihre Stadt ist, ein «schönes bürgerliches Gemeinwesen». Sie haben keine Angst, sie fühlen sich zu Hause. Sie haben nie etwas anderes gesehen als das gezähmte Wasser, das aus den Hähnen läuft, als das Licht, das aus den Glühbirnen strahlt, wenn man auf den Schalter drückt, als entartete, gekreuzte Bäume, die man mit Astgabeln stützt. Sie erhalten hundertmal am Tag den Beweis, daß alles mechanisch abläuft, daß die Welt starren und unwandelbaren Gesetzen gehorcht. Die der Leere überlassenen Körper fallen alle mit der gleichen Geschwindigkeit, der Park wird im Winter täglich um 16 Uhr, im Sommer um 18 Uhr geschlossen, Blei schmilzt bei 335 Grad, die letzte Straßenbahn fährt um 23 Uhr 5 vom Hotel de Ville ab. Sie sind friedlich, ein bißchen mißmutig, sie denken an morgen, das heißt lediglich an ein neues Heute; Städte verfügen nur über einen einzigen Tag, der völlig gleich an jedem Morgen wiederkehrt. Kaum, daß man ihn an den Sonntagen etwas herausputzt. Diese Idioten. Es geht mir gegen den Strich, zu denken, daß ich ihre feisten und saturierten Gesichter Wiedersehen werde. Sie machen Gesetze, sie schreiben populistische Romane, sie verheiraten sich, sie haben die maßlose Dummheit, Kinder zu machen. Unterdessen hat sich die große, verschwommene Natur in ihre Stadt eingeschlichen, sie ist überall eingesickert, in ihre Häuser, in ihre Büros, in sie selbst. Sie rührt sich nicht, sie verhält sich still, und sie, sie sind mitten drin, sie atmen sie ein und sehen sie nicht, sie bilden sich ein, sie sei draußen, zwanzig Meilen von der Stadt entfernt. Ich sehe sie, diese Natur, ich sehe sie … Ich weiß, daß ihr Gehorsam Trägheit ist, ich weiß, daß sie keine Gesetze hat: was sie für Beständigkeit halten … Sie hat nur Gewohnheiten und kann diese morgen ändern.”
    Sartre in “Der Ekel”

    Schreibt das ein ironisch-distanzierter Beobachter der Menschheit? Ist das eine wohlformulierte Verachtung der Bourgeoisie? Einfach nur eine für den von ihm begründeten Existenzialismus typische Beobachtung? Für mich ist Sartre vor allem ein genialer Beobachter der Menschen. Präzise, frei von jedem Kitsch, erhaben über das Alltägliche. Vielleicht würde er selbst sagen: Angeekelt von der Trivialität des Alltäglichen.

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