Faszinierende Literatur 13 | Die Endlichkeit 1

06Jul
2026

Vor wenigen Tagen hatte ich mein morgendliches Leseritual mit Tränen in den Augen beendet. Von Mélissa da Costa hatte ich All das Blaue vom Himmel fertig gelesen, die Geschichte eines jungen Mannes, Emile, der die Diagnose einer schnell verlaufenden Alzheimer-Demenz bekommt, und dem noch maximal zwei Jahre zu leben bleiben. Er findet über eine Kleinanzeige eine Reisebegleitung für “einen letzten Trip”, eine junge, zunächst sehr autistisch wirkenden Frau, mit der er mit dem Wohnmobil Richtung Berge fährt. Nach und nach erfährt man, welche verschlungene und komplizierte Geschichte seine Begleitung mitbringt. Im Verlauf der Reise wird sie zugänglicher für Emile. Sie lehrt ihm, im Moment und in der Präsens zu leben und die bleibenden Momente ganz bewusst zu genießen und zu schätzen. Er lernt die Schönheit der Natur und der Berge zu schätzen. Emile findet den Mut, ganz tief ins Innere seines Wesens zu reisen, und im Licht der Endlichkeit seines Daseins noch ganz viel von seiner Reise durch das Leben verstehen zu wollen.

Die fast schon banale philosophische Erkenntnis, dass sich der Sinn des Lebens erst aus dessen Endlichkeit ergibt, wird zu einer harten Realität im Angesichts der fortschreitenden Krankheit. Und doch bringt sie Emile ein großes Gefühl der Dankbarkeit.

“Sein Glück ist, an diesem Abend an diesem Ort zu sein, in den Überresten einer uralten Natursteinhütte. Sein Glück ist, diese Reise zu unternehmen. Letztlich ist sein Glück sogar zu wissen, dass er bald sterben wird. Ohne dieses Wissen hätte er sich niemals dazu aufgerafft, alles hinter sich zu lassen, diese Reise in sein Innerstes anzutreten, die Dinge mit neuen Augen zu sehen.
Ein solches Gefühl der Nähe und Dankbarkeit dem Universum gegenüber hat er noch nie zuvor empfunden. Ja, er wird bald sterben, aber an diesem Abend ist er da. An diesem Abend hat er unglaublich viel begriffen.”
(Mélissa da Costa, All das Blaue vom Himmel, Kap. 7)

Mit fortschreitender Zeit nehmen nicht nur seine Erkenntnisse zu, sondern auch seine mentalen Fähigkeiten ab. Emile vergisst zunehmend die schönen Erlebnisse, verliert immer wieder die Orientierung und wird immer abhängiger von der Betreuung seiner Reisebegleiterin. Es ist rührend zu lesen, mit welcher Aufopferung sie sich um ihn kümmert, und wie viel beide voneinander lernen können. In einer klaren und schönen Sprache erzählt die Autorin von Emiles Entwicklung.

Ihm wird bewusst, wie simpel er gestrickt ist. Ein oberflächlicher, stumpfer Typ, der nichts begriffen hat. Ein Typ, der nie Tagebuch geführt hat, der sich nie dafür interessiert hat, die Bedeutung eines Zitats zu entschlüsseln oder genussvoll ein Stück Torte zu verspeisen. Sie hingegen hat gelernt zu leben. Ihr Vater hat es ihr beigebracht. Deswegen ist bei ihr alles Poesie, alles rein und schön.
(Kap. 16)

Mit Emiles fortschreitender Krankheit wird klar, dass es hier kein vollkommenes Happy End geben kann. Ohne hier etwas spoilern zu wollen kann ich sagen: Es wird episch, es wird in emotionaler Hinsicht sehr tief. Gleichzeitig bleibt die Geschichte realistisch, vorstellbar, dass es so oder so ähnlich sich tatsächlich zutragen könnte. An vielen Stellen fragt man sich, warum Emile sich nicht schon viel früher auf die Idee kam, sein Leben, seinen Job und seine Beziehung zu hinterfragen.

Am Ende bleibt die tröstende Erkenntnis, dass es nie zu spät ist, zu lernen bewusst zu leben. Dass es sich lohnt zu reflektieren, zu verstehen, nach großer Tiefe in den Verbindungen zu anderen Menschen und zu sich selbst zu suchen. Zu lernen im Moment zu leben, also nicht die Vergangenheit zu beklagen, und auch nicht auf eine unbestimmte Zukunft zu hoffen. Sondern die Reinheit, die Schönheit, die Poesie und alles, was wir fähig sind, in der vollkommenen Präsens eines Augenblicks wahrzunehmen, zu genießen und zu schätzen. Glücklich darf sich fühlen, wer davon schon viel lernen darf, ohne dabei mit der nahenden Endlichkeit des Lebens derart drastisch wie Emile konfrontiert zu sein. Noch glücklicher dürfen wir uns schätzen, wenn wir all die schönen Momente als einen Schatz in unserem Herzen bewahren, ohne dass die Flüchtigkeit der Erinnerung sie uns all zu schnell nimmt.