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  • 13Nov
    2016
    1:50 pm No Comments

    Nach der Wahl in Amerika titelt der Spiegel pathetisch mit “Das Ende der Welt, wie wir sie kennen”. Wer ist dieses wir? Wer spricht für dieses Kollektiv, das sich, über allen Zweifeln erhaben, von den neuen autoritären Bewegungen des Westens abgrenzt? Sicherlich nicht die 50% Trump-Wähler und genauso wenig das ähnlich große Potential an Wählerschaft, welches autoritäre und populistische Bewegungen in Europa haben.

    In einem Zeit-Artikel vom August dieses Jahres scheint der Wahlsieg von Trump bereits mehr oder weniger antizipiert worden sein. Das war ein Zeitpunkt, wo sich die intellektuelle, meinungsführende Elite an Kosmopoliten noch recht sicher war, dass bei den entscheidenden Wahlen schon die Richtigen gewinnen werden.

    “Wir haben die Toleranz sozusagen erfunden, deshalb definieren wir sie jetzt auch. Herausgekommen ist die unantastbare Herrschaft des Richtigen, also unsere Herrschaft. Es stimmt ja, wir haben viel Gutes in die Welt gebracht, Gerechtigkeit und Freiheit für Frauen, Migranten, Behinderte, Homosexuelle, das alles ist unsere Tradition. Doch die Klassen haben wir nicht abgeschafft. Wir haben uns nur an die Spitze der Klassengesellschaft gesetzt, und jetzt kommt es uns so vor, als hätten alle Schranken sich geöffnet. Von unten dürfte das Ganze anders aussehen.
    […]
    Wir haben keine Gelegenheit ausgelassen, unsere Überlegenheit vorzuführen: So viel intelligenter, humorvoller, klarsichtiger sind wir. Wir trennen unseren Müll, und unsere Grammatik ist perfekt. Es mag nur ein Unterton sein, der unsere Arroganz verrät, doch wir sollten anfangen, ihn zu hören.”
    Elisabeth Raether, in “Was macht die Autoritären so stark? Unsere Arroganz”, Zeit online

    Jetzt haben aber die Falschen gewonnen. Zumindest der Falsche.

    Vielleicht ist es Zeit für all die Kosmopoliten, Intellektuellen, Autoren des politischen Feuilletons und ähnlich selbstreferenzieller Zirkel, nun einzusehen, dass so ein Wahlergebnis vor allem ein Fanal dafür ist, wie die intellektuelle Elite an ihrer eigenen Arroganz gescheitert ist. Die Forderung einer klassenlosen Gesellschaft ist ein rein intellektuelles, hypothetisches Konstrukt, wenn es von denen vorgeschlagen wird, die allein durch ihre Sprache, ihren Habitus, ihre Weltgewandtheit (die man sich ja auch erst mal leisten können muss) eine eigene Klasse erschaffen. Eine globalisierte, technokratische Welt, in der die Nationen verschwinden und das wirtschaftliche Zusammenwachsen der Welt nicht mehr ernsthaft in Frage gestellt werden kann, ist ein schöner Wunschtraum der Profiteure dieser Entwicklungen. Diesen Traum voranzutreiben ist allerdings politisch nicht zielführend. Jedenfalls so lange nicht, so lange die Mächtigen dieser Welt auf nationaler Ebene gewählt werden und solange jede Stimme gleich viel zählt.

    Das Ende dieser Welt, wie wir sie kannten und wir sie bisher als Ganzes funktionierte, ist sicher nicht durch diese eine Wahl besiegelt worden. Aber wenn autoritäre Bewegungen auch in Europa in der Überzahl sind, dann wird die Welt anders aussehen als heute. Deutliche Rückschritte im Wohlstand bis hin zu Problemen in der Grundversorgung, könnten die Folge sein. Dabei werden sich die allermeisten Forderungen dieser Bewegungen ohnehin nicht realisieren lassen. Wenn die Zeit der großen Enttäuschung (die vielleicht noch einen globalen Verteilungskrieg beinhaltet) dann zu Ende geht, ist der Zeitpunkt für einen Neuanfang gekommen. Einen neuen Versuch, die Architektur der Entscheidungsfindung, der Reichtumsverteilung und der Handelsströme so zu gestalten, dass wirklich jeder etwas davon hat. Oder jedenfalls mehr als 50%.

  • 05Nov
    2016
    12:02 pm No Comments

    “Ich bin Individualist. Als ich jung war, war es nicht leicht in Japan als Individualist zu leben. Wer nicht Teil des Systems war, galt damals nur wenig. Heute ist die japanische Gesellschaft weniger streng organisiert, aber als ich jung war, war das noch anders. Das hat mich geprägt. Ich gehörte zu keiner Firma und auch nicht zu irgendeiner Gruppe, meine Frau und ich, wir haben ganz für uns gelebt. Ich habe kämpfen müssen, um auf diese Art zu überleben. Aber ist die einzige Art, wie ich leben kann. Vermutlich sind meine Figuren auch deshalb, wie sie sind.”
    Haruki Murakami, im Interview mit dem Spiegel, 41/2016

    Als Individualist zu leben, frei und unabhängig zu sein, ist eine faszinierende Strategie. Ganz besonders faszinierend empfinde ich dies bei Menschen, die in einem Kontext leben, wo eine Anpassung an umgebende Gruppen vorgesehen ist und Loyalität offen erwartet wird. Es gibt nur eine relativ kleine Gruppe an Menschen, die einen solchen Kampf wirklich aufnehmen. Ein Kampf, in dem es nicht Materielles und auch keine tatsächliche Macht zu gewinnen, sondern sich eher eine abstrakte und (meist) theoretische Freiheit erreichen lässt. Ich denke das ist gut so. Die Menschheit hätte es nicht geschafft, Städte, Firmen oder Staaten zu gründen, ohne das eine Mehrheit ihrer Vertreter eine gewisse angeborene Loyalität zu umgebenen Gruppen vorweist.