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  • 27Jun
    2015
    5:28 pm No Comments

    Im letzten Eintrag mit dem Titel “Die Folgen des Wandels” hatte ich noch die Amazonisierung des Handels beklagt. Es folgt eine Hommage an den Wandel, eine andere Facette des Wandels, einen Wandel nicht des Handels sondern der Gesellschaft. Ein begrüßenswertes Erodieren von tradierten Vorstellungen von Moral und Sexualität, einem Drang zur Freiheit junger Menschen, den manche Honoratorien, so einige Glaubensgetriebene und sehr viele Terroristen gerne aufhalten wollen. Den sie nicht aufhalten können.

    Vor wenigen Wochen spricht die irirische Bevölkerung sich mehrheitlich für die Homo-Ehe aus und der Vatikan nennt dies eine “Schande für die Menschheit.” Wie schön, dass die klerikalen Hüter über die Moral immer sogleich sagen, was sie denken. Wer von den jungen Leuten nimmt das heute noch ernst? Nun spricht auf der Supreme Court ein wegweisendes Urteil für die Home-Ehe. Lange werden die Altkonservativen in den CDU-Gremieren ihre Haltung dazu nicht mehr halten können.

    Man muss von der Institution Ehe nicht viel halten, um sich über diese wegweisenden Urteile für einer Gesellschaft mit mehr Toleranz, Vielfalt und Freiheit zu freuen. Man muss auch kein Fan von Trash-Filmen nach dem Strickmuster “Junges Mädchen verliebt sich in Milliardär” sein, um sich über den Buch- und Kino-Erfolg von “Fifty Shades of Grey” zu freuen. Wäre es heute noch denkbar, dass sich Regina Halmich für den Song “Schlag mich” rechtfertigen muss, wie es vor 12 Jahren der Fall war? Das Sadomasochismus noch den Eintrag ICD-10-GM F65.5 im DSM-IV hat, darauf wird die Gesellschaft einmal lächelnd zurückschauen und sich fragen, was sich diese Autoren eigentlich dabei gedacht haben. Krank ist das, was nicht gefällt?

    Im Print-Spiegel der letzten Woche ist von Saudi-Arabien als “Königreich im Aufbrauch” die Rede. Die Beschreibungen wilder Parties hinter verschlossener Türen. Die Zensoren des Regimes resignieren über die sozialen Medien und die Mächtigen fürchten um weiteren arabischen Frühling. Das Frauen immer noch nicht Auto fahren darf, erscheint als absurder Anachronismus, der sich nicht mehr all zu lange halten lassen wird. Auch wo anders werden wilde Parties gefeiert, beispielsweise im Erasmus-Auslandssemester im Libnanon. Die Bedrohung dort sind keine staatlichen Machtstrukturen sondern profane Terroristen, die unweit von dort ein hässlichen Bürgerkrieg entfachen und ihren islamistischen Fundamentalismus in die Welt tragen wollen:

    “Aber wie geht man damit um? Soll man sein Leben davon diktieren lassen? Nein. Deshalb die Partys. Deshalb die fröhliche Ausgelassenheit. Deshalb die trotzige Selbstbehauptung.” SpOn: Studentenleben in Beirut: Der IS ist weit weg – ungefähr zwei Autostunden

    Die Älteren der Libertins, wie Frédéric Beigbeder sind skeptischer, was die gesellschaftliche Befreiung angeht, wie er sich im aktuellen Cicero mit dem Titel “Sex und Macht” äußerst:

    “[Interviewerin, Catherine Millet]: Wenn ich Ihnen zuhöre, bekomme ich den Eindruck, dass sich unsere derzeitigen geopolitischen Konflikte, der Kampf gegen den Terror, letztlich auf ein Problem mit der Libido zurückführen lassen.
    Beigbeder: Das glaube ich wirklich. Der Krieg, der zurzeit in der Welt geführt wird, reduziert sich letztlich auf diese Frage: Sind wir imstande weibliche Schönheit zu ertragen oder nicht? Nach 9/11 hat Salman Rushdie vorausgesagt, dass wir um den Minirock kämpfen werden müssen. Da gab es 3000 Tote, und der Typ dachte an den Minirock! Aber das hat er gut gesehen. 14 Jahre später stellt sich genau diese Frage.”
    aus: Cicero Nr 6/15

    Ich teile seinen Kulturpessismus nicht, ich lese darin denselben resignativen Pessismus wie ihn Michelle Houellebecq in “Unterwerfung” grandios literarisch umgesetzt hat. Gleichzeitig teile ich seine Grundeinstellung, dass wir für die Freiheit noch kämpfen werden müssen. “Freedom is not for free!”, was für das südkoreanische Volk gilt, gilt für alle Menschen dieser Welt, die die Freiheit lieben und die auf Gruppen von Menschen stoßen, die genau diese Freiheit hassen. An Terroristen nur die Botschaft zu richten “Geht wieder heim, wenn ihr unsere Freiheit hasst!” ist kein Erfolgsrezept, in einer Welt, in der auch Deutsche in den IS ziehen und wir ohnehin auf eine Welt ohne Grenzen zusteuern. Heute kämpfen wir nicht mehr um Länder, um Rohstoffe, um unser Land. In solchen Kategorien denken höchstens ehemalige KGB-Offiziere.

    Wir kämpfen stellvertretend für alle Menschen dieser Welt, die zur Freiheit streben. Wir kämpfen um Werte und um Grundrechte. Wir kämpfen für die Umsetzung dieser Rechte. Und unsere Gegener sind all jene, die uns für diese Freiheit hassen.