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  • 26Apr
    2015
    12:28 pm No Comments

    Ich muss gestehen, von Vietnam hatte ich nicht viel mehr gewusst, als dass die USA einst einen “Krieg für die Demokratie” dort geführt hatte, der damals international sehr viel Gegenwind erzeugte. Als ich mein Visum bekam, wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass sich dieses Land “Sozialistische Republik Vietnam” nennt. Okay gut, die Kommunisten haben sich damals durchgesetzt. Was hat man sich dann darunter vorzustellen? Etwas wie die DDR? Gar wie Nordkorea? Nein, dieses Land sieht nicht wie Sozialismus aus, wie man ihn sich vorstellt. Schon von den Bildern her sieht die Auswahl der Hotels viel mehr nach einem Sozialismus chinesischer Interpretation aus: Westlicher Luxus, Öffnung für die internationalen Märkte, aber eine Regierung, die sich immer nur aus der kommunistischen Partei zusammensetzt. Ganz im Gegensatz zu China scheint man weniger panisch gegenüber der sozialen Netzwerke zu sein – in Vietnam funktioniert Facebook einwandfrei.

    Doch zunächst zur Ankunft. Ich habe viel davon gelesen, dass der Straßenverkehr chaotisch sein soll. Das, was ich auf der Fahrt vom Flughafen zum Hostel sehe, ist kein Chaos, das ist die vollkommene Abwesenheit von Regeln, die durch Selbstorganisation zu einer Art von Ordnung wird. Bereits auf der “Autobahn”, naja, einer mehrspurigen Straße mit baulich getrennten Fahrbahnen zumindest, kommen ständig Geisterfahrer auf Mopeds entgegen. Diese werden zwar ständig angehupt; das soll aber wohl weniger eine Beschwerde als mehr eine Warnung “Hier kommt jemand entgegen” sein. Sobald die Straße nicht mehr baulich getrennt ist, fährt einfach jeder, wo gerade Platz ist. An Kreuzungen und bei Fahrbahnverengungen fließen die Mopeds aneinander vorbei, wie es die bernoullische Strömungslehre vorgibt. Eine lokale Dichteschätzung des Verkehrs ist rein akkustisch durch die Hupfrequenz gut möglich; die Fahrer schauen sich beim Abbiegen gar nicht um, sie fahren einfach langsam um die Kurve und hupen dabei. Wer von hinten kommt, nimmt Rücksicht.

    Unzählige Straßenhändler mit kleinen Ständen, auf Mopeds oder Fahrrädern, sind unterwegs. Ist das Sozialismus, wenn quasi fast jeder selbstständig ist? Man nimmt Rücksicht aufeinander. Händler, die ihre völlig überfüllten Fahrräder über die Straße schieben, brauchen auf den Verkehr kaum zu achten; es bremst schon jeder. Einschließlich der wenigen Luxusautos, oft aus dem Westen, von denen es zwar wenige gibt, die aber neben den Mopeds und den Taxis die einzig typische Art des Autos sind: Die Kfz-Steuern sind so hoch, dass jemand, der sich diese leisten kann, keinen Kleinwagen kauft und kein altes Auto fährt. Auf so ein Moped passen problemlos 2 Erwachsene und 2 Kinder.

    Die Art der einfachen Häuser ist schon wieder ein bisschen sozialistischer: Grundbesitz gibt es in Vietnam keinen, der Staat verteilt Nutzungslizensen. Typischerweise in Form von sehr länglichen Grundstücken, gerade 4 oder 5 Meter breit, dann aber 15 oder 20 Meter lang. Vorne eine hübsche Fassade, links und rechts einfach Mauern und keine Fenster. In der Stadt macht das Sinn, auf weiter Flur außerhalb sehen solche Gebilde schon sehr eigenartig aus. Viele Fenster hat ein Haus dann typischerweise nicht, auch in meinem Hostel gab es praktisch kein Tageslicht.

    Fehlendes Tageslicht ist ein Problem, wenn man mal der Strom ausfällt. Das passiert immer mal wieder – beispielsweise gleich bei meiner Ankunft für mehrere Stunden. Geld abheben war trotzdem kein Problem, vor dem Geldautomaten neben dem Hostel hat jemand einen Dieselgenerator aufgestellt, der dort wohl für genau diese Fälle bereitsteht – man improvisiert hier gerne. Die ganze Verkabelung ist auch sehr improvisiert, Kabelstränge führen “fliegen verdrahtet” zwischen Straßen und Häusern entlang, an den Verteilern dann ziemlicher Kabelsalat. Es scheint Leute zu geben, die dort den Überblick haben – immer wieder sieht man Monteure bei der Arbeit, die mit Hilfe einer 5m langen Bambusleiter (sowas transportiert man typischerweise auf dem Moped) an den Kabelmasten arbeiten.

    Tageslicht in Häusern ist aber kein so relevanter Faktor für das Leben in Hanoi – das findet nämlich zum allergrößten Teil auf der Straße statt. Restaurants, Bars, Kneipen – solange diese sich nicht gezielt an Touris richten, verteilten diese sich mit kleinen Plastikstühlen über die Straße. Kleine Handwerksbetriebe bestehen oft nur aus einer Garage für das Werkzeug und die Materialen – gesägt, geschweißt und montiert wird dann auch auf der Straße. Auch eine Autowerkstatt kommt mit 10 Quadratmetern aus, die Wagenheber stehen auf der Straße und reservieren den Platz, der zur Reperatur gebraucht wird.

    Man fängt schnell an, darüber nachzudenken, was einem an der westlichen Welt so wirklich viel Wert ist. Mein Haus, mein Auto, mein Garten? Die High-Tech Gesellschaft mit ihren Technikspielzeugen, die vielen Kopfarbeiterjobs dadurch? Die westliche Freiheit? Die Leute dort haben nicht viel, aber sie scheinen sehr zufrieden damit. Der Westen freut sich in Form von Mitfahrzentralen und airbnb die Share Economy erfunden zu haben, in Vietnam ist die Straße eine einzige große Share Community. Die Freiheit, seinen eigenen Laden oder Betrieb zu führen oder auch sich anzuziehen wie man möchte, scheint dort jeder zu haben. Smartphones sieht man überall, Facebook nutzt praktisch jeder. Natürlich, mit der Meinungsfreiheit ist das so eine Sache; den Leuten dort ist klar, dass es ganz und gar nicht zielführend ist, ernsthaft die Partei zu kritiseren. Aber ist das eine Freiheit, die für die große Mehrheit der einfachen Leute dort eine elementare Bedeueutung hat?

    Es ist mehr als anmaßend aus westlicher Sicht, den Leuten in so einem Land die Demokratie mit Bomben auf den Kopf zu werfen. Die großen Errungenschaften des Westens, die großen Freiheiten der Ideen, der Meinungen, auch die ungezügelte Freiheit des Marktes, hat ihre historischen Leitbilder und ihre gewisse Berechtigung. Aber sie hat in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten und der zunehmenden Kluft von Arm und Reich auch ihre Grenzen erkannt. Diese Regeln sind erst nicht einfach auf ein Land am anderen Ende der Welt zu übertragen. Tatsächlich gibt es bereits zaghafte demokratische Reformen in Vietnam, rund 10% der Sitze im Parlament bestehen nicht aus Parteimitgliedern. Die reine Lehre vom freien Markt ist im Westen am Ende; die “reine Lehre” (falls es die jemals gab?) von Kommunismus in Form des Realsozialismus ist dort am Ende. Das Zeitalter der Ideologen ist am Ende, die Möglichkeiten der jungen Leute, die Welt mitzugestalten, sind erst am Anfang.

    Das Gefängnis der französischen Kolonialisten dokumentiert, wie dort die Kommunisten grausam eingesperrt und gefoltert wurden. Später wurde es umgebaut und – zumindest der Darstellung der vietnamesischen Kommunisten nach – zu einem vorbildlichen Gefängnis für die Kriegsgefangenen aus dem Vietnamkrieg (in Vietnam übrigen der “American war”) ganz nach den Genfer Konventionen deklariert. Spöttisch lästert man über den Feind “Zunächst wurden den Gefangenen einfachste Dinge beigebracht, die in Vietnam jedes Kind kann. Dann lernten sie einiges über die Kultur ihres Feindes, den sie gar nicht richtig kannten.” Das mag eine sehr einseitige Darstellung sein. Aber ich denke, ganz unrecht haben sie damit nicht.

    Uniformen mögen sie dort, sowohl in der Schule und bei dem zahlreichen Sicherheitspersonal rund um die Geschäfte und Hotels. Man kann sich aber schwer vorstellen, dass deren Anwesenheit so notwendig ist; Vietnam gilt als sehr sicheres Land und diesen Eindruck hatte ich auch diese ganze Zeit über. Die einzigen “Betrüger” sind junge Leute, die beispielsweise ungefragt anfangen, die Schuhe von einem zu putzen und dann recht viel Geld verlangen. Man muss aber eigentlich nur einmal “No” sagen und dann gehen diese auch wieder. Ganz hoch ist die Dichte der Uniformierten natürlich rund um das “größte Büro in Hanoi”, das Verteidigungsminsterium, das sich recht länglich durch die halbe Innenstadt zieht. Unser Tourguide erzählt augenzwinkernd, dass man es an den “guys with the gun looking very, very seriously” erkennt. Aus der Geschichte des Landes ist klar, dass man dem Militär eine besondere Bedeutung zumisst. Aber in der friedlichen Gesellschaft von heute sehen die jungen Leute das auch mit zwinkernden Augen.

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