Archives

  • 2016 (10)
  • 2015 (9)
  • 2014 (14)
  • 2013 (5)
  • 2012 (19)
  • 2011 (26)
  • 2010 (21)
  • 2009 (17)
  • 2008 (30)

Blogroll:

  • 26Oct
    2014
    2:15 pm No Comments

    Der Fortschritt macht bekanntlich vor nichts halt. Ist es also nicht längst überfällig auch die universitäre Bildung mal gründlich zu reformieren? Ein amerikanischer Bildungsforscher und Betreiber einer Plattform für Online-Kurse hat genau das vor, und wird im Spiegel in einem Artikel zu neue Formen der Bildung wie folgt zitiert:

    “Der Verkehr, der Handel, die Kommunikation – alles hat sich grundlegend verändert. Ein Hörsaal dagegen sieht heute noch genauso aus wie vor 50 Jahren.”
    Anant Agrarwal im Spiegel 42/2014, “Rebellen auf dem Campus”

    Keine erstaunliche Erkenntnis, immerhin hat sich an den Grundlagen der Mathematik und der Naturwissenschaften in den letzten 50 nicht viel geändert. Auch für neuere Wissenschaften wie die Informatik sind die für’s Verständnis wichtigen Grundlagen recht alte Erkenntnisse der Mathematik.

    Geändert hat sich natürlich unsere Wahrnehmungsschwelle für die Vielzahl an Reizen in dieser Welt, unsere Kontakte in sozialen Netzwerken, die Informationshäppchen die wir tagtäglich aufnehmen, kreieren und weiterleiten. Da liegt der Gedanke doch fast schon nahe, dass Wissenschaft auch einfach nur in kleine gut verdaubare und anklickbare Häppchen verpackt werden muss:

    “Wir sollten uns auf sehr kurze Einheiten beschränken. Die optimale Länge liegt bei nur sechs Minuten.”
    (Quelle wie oben)

    Würde man dieses Zitat aus dem Zusammenhang reißen, könnte man glauben, hier wird ein Betreiber eines neuen Porno-Portals interviewt. (Jetzt werden wieder viele Google-Suchanfragen hier landen, die was ganz anderes gesucht haben…)

    Ich erinnere mich noch gut an meine allererste Vorlesung, ein Mathe-Vorkurs für Physiker. “Eine Vorlesung reicht aus, um die komplexen Zahlen zu behandeln”, erklärte der Professor. In der gymnasialen Mathe-Oberstufe wird dagegen fast ein halbes Jahr mit zwei Wochenstunden für mehr oder weniger denselben Stoff einkalkuliert. Mit seiner Aussage hatte der Dozent dennoch vollkommen recht. Es geht; aber es geht nur, wenn man 90 Minuten konzentriert zuhört, und danach mit gewissem Ehrgeiz versucht die Übungsaufgaben zu lösen und dann in der Übung bei der Besprechung noch mal zuhört. Ich bin gespannt, wieviele 6-Minuten-Clips es braucht, um die komplexen Zahlen zu erklären. Und wieviel 2 Jahre nach der Klausur (bzw. nach des Online-Multiple-Choice-Tests) dann davon hängengeblieben ist. Und was sich dann damit noch anfangen lässt, wenn es darum geht, darauf aufbauendes Wissen und Fähigkeiten zu erwerben.

    Statt Bildungskonsumenten mit neuen Strategien zu ködern, halte ich für eine faszinierende Meta-Strategie am Konzept von Vorlesungen, Kreide und Tafel festzuhalten; jedenfalls für alle ernstzunehmenden Wissenschaften.