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  • 02Apr
    2017
    12:18 pm No Comments

    Schon ein halbes Jahr ist es her, dass ich zuletzt das Weltgeschehen in diesem Blog kommentiert habe. An Gegenständen, die man kommentieren könnte mangelt es nicht in einer Welt, in der sich zur Zeit etliche autokratische Regierungen ausbilden und die Rückkehr der Nationalstaaten in Europa voranschreitet. Aber ich gebe zu, dass es mir schwerfällt, einen konstruktiven Vorschlag zu machen, wie man die Welt gerechter, friedlicher und zukunftsgewandter organisieren könnte als sie es heute ist. Dennoch will ich mehr versuchen, als sich mit einem zynischen Lächeln zurückzulehnen und festzustellen, dass man die Vielfalt der politischen Meinungen auf Facebook und Twitter ein modernes Gesamtkunstwerk bewundern sollte, dass keines Kommentars mehr bedarf. Ganz so weit ist es noch nicht.

    Einen sehr konstruktiven, wenn auch natürlich derzeit völlig hypothetischen, Vorschlag bringt ein amerikanischer Philosophieprofessor:

    “Es wäre besser, ein System zu nehmen, das uninformierte Wähler nicht ausschließt, sondern die Stimmen der Informierten stärker gewichtet. Alle Wähler müssten vor dem Urnengang einen Test machen und angeben zu welcher demografischen Gruppe sie gehören, weil das die Wahl beeinflusst. Dann würde man das Wahlverhalten der gut Informierten aus jeder Gruppe nehmen, auf den Rest der Gruppe hochrechnen und dabei Faktoren wie Geschlecht und ethnische Herkunft berücksichtigen. Auf diese Weise würde man eine perfekt informierte Öffentlichkeit simulieren, um eine bessere Regierung zu bekommen. […] Armen schwarzen Bürgern ist vielleicht am besten geholfen, wenn man die 80% am schlechtesten informierten Weißen nicht wählen lässt. […] [Die dann gewählten Politiker der perfekt informierten Öffentlichkeit] sind für Freihandel, für Einwanderung und Schwulenrechte, sie sind für das Recht auf Abtreibung […], sie würden die Steuern erhöhen […], etwas gegen den Klimawandel tun und lehnen militärische Interventionen ab. Und sie achten auf die Bürgerrechte.”
    Jason Brennan im Gespräch mit dem Spiegel, Ausgabe 14/2017

    Ich hätte es nicht besser formulieren können und genau das meinte ich in meinem letzten Blogeintrag damit, dass der Wunschtraum der zusammenwachsenden freien Welt unrealisierbar ist, solange “jede Stimme gleich viel zählt.” Natürlich ist das keine Demokratie im klassischen Sinne mehr, und natürlich wird sich dieses Modell außerhalb des akademischen Elfenbeinturms vorerst nicht realisieren lassen. Ich bin mir auch nicht so sicher, ob man es wirklich versuchen sollte, wenn man denn in der Situation wäre, ein solchen System zu implementieren (und ohnehin kann ich mir die geeignete Situation schwer vorstellen).

    Doch ein solches Wahlsystem wäre zumindest ein potentiell zielführender Ansatz eine wesentliche Disfunktionalität der heutigen demokratischen Welt zu beheben: Das eine uninformierte Öffentlichkeit ihre Stimme so abgibt, dass das Handeln der gewählten Politiker ihnen schadet. Sowohl beim Brexit als auch bei Trump werden eine große Mehrheit derjenigen, die dafür votiert haben, von den Konsequenzen mehr Schaden als Nutzen haben. Vielleicht haben diejenigen, die dagegen votiert haben, noch mehr Schaden. Vielleicht war der ausgestreckte Mittelfinger der “Abgehängten” gegen das Establishment in London, in New York oder San Francisco die wesentliche Motivation für ihr Votum. Vielleicht nehmen sie die negativen Konsequenzen sogar bewusst in Kauf (was ich bezweifle; aber nehmen wir das für den Moment einmal an). Vielleicht liegt das spieltheoretische Nash-Gleichgewicht des einer solchen Mehrheitsentscheidung dort, wo alle Bevölkerungsgruppen den für sie maximalen Schaden erleiden (der absolut gesehen beim Establishment natürlich höher ist). Wenn wir diese Logik in der politischen Interessenbekundung zulassen wollen, dann würde dies in letzter Konsequenz die völlige Zerstörung bedeuten, bspws. ein Bürgerkrieg mit wechselnden Koalitionen verschiedener Milizen wie derzeit in Syrien. Spätestens hier würde eine klare Mehrheit dies nicht mehr wollen. Aber solange der uninformierten Öffentlichkeit die Kausalitätsketten verborgen bleiben, kann es dann schon zu spät sein.

    Ich denke, die zivilisatorische Errungenschaft der freien und friedlichen Welt ist am Ende wichtiger als die reine Lehre der Demokratie. Ändern lassen wird sich das jetzt natürlich so schnell nicht (und wie gesagt: ich bin mir nicht so sicher, ob man das sollte). Aber wenn die freie Welt ein offensichtliches Ende (wie einen hinreichend großen Krieg) erlebt hat, wäre das vielleicht eine ganz nette Idee für einen Neuanfang.

  • 13Nov
    2016
    1:50 pm No Comments

    Nach der Wahl in Amerika titelt der Spiegel pathetisch mit “Das Ende der Welt, wie wir sie kennen”. Wer ist dieses wir? Wer spricht für dieses Kollektiv, das sich, über allen Zweifeln erhaben, von den neuen autoritären Bewegungen des Westens abgrenzt? Sicherlich nicht die 50% Trump-Wähler und genauso wenig das ähnlich große Potential an Wählerschaft, welches autoritäre und populistische Bewegungen in Europa haben.

    In einem Zeit-Artikel vom August dieses Jahres scheint der Wahlsieg von Trump bereits mehr oder weniger antizipiert worden sein. Das war ein Zeitpunkt, wo sich die intellektuelle, meinungsführende Elite an Kosmopoliten noch recht sicher war, dass bei den entscheidenden Wahlen schon die Richtigen gewinnen werden.

    “Wir haben die Toleranz sozusagen erfunden, deshalb definieren wir sie jetzt auch. Herausgekommen ist die unantastbare Herrschaft des Richtigen, also unsere Herrschaft. Es stimmt ja, wir haben viel Gutes in die Welt gebracht, Gerechtigkeit und Freiheit für Frauen, Migranten, Behinderte, Homosexuelle, das alles ist unsere Tradition. Doch die Klassen haben wir nicht abgeschafft. Wir haben uns nur an die Spitze der Klassengesellschaft gesetzt, und jetzt kommt es uns so vor, als hätten alle Schranken sich geöffnet. Von unten dürfte das Ganze anders aussehen.
    […]
    Wir haben keine Gelegenheit ausgelassen, unsere Überlegenheit vorzuführen: So viel intelligenter, humorvoller, klarsichtiger sind wir. Wir trennen unseren Müll, und unsere Grammatik ist perfekt. Es mag nur ein Unterton sein, der unsere Arroganz verrät, doch wir sollten anfangen, ihn zu hören.”
    Elisabeth Raether, in “Was macht die Autoritären so stark? Unsere Arroganz”, Zeit online

    Jetzt haben aber die Falschen gewonnen. Zumindest der Falsche.

    Vielleicht ist es Zeit für all die Kosmopoliten, Intellektuellen, Autoren des politischen Feuilletons und ähnlich selbstreferenzieller Zirkel, nun einzusehen, dass so ein Wahlergebnis vor allem ein Fanal dafür ist, wie die intellektuelle Elite an ihrer eigenen Arroganz gescheitert ist. Die Forderung einer klassenlosen Gesellschaft ist ein rein intellektuelles, hypothetisches Konstrukt, wenn es von denen vorgeschlagen wird, die allein durch ihre Sprache, ihren Habitus, ihre Weltgewandtheit (die man sich ja auch erst mal leisten können muss) eine eigene Klasse erschaffen. Eine globalisierte, technokratische Welt, in der die Nationen verschwinden und das wirtschaftliche Zusammenwachsen der Welt nicht mehr ernsthaft in Frage gestellt werden kann, ist ein schöner Wunschtraum der Profiteure dieser Entwicklungen. Diesen Traum voranzutreiben ist allerdings politisch nicht zielführend. Jedenfalls so lange nicht, so lange die Mächtigen dieser Welt auf nationaler Ebene gewählt werden und solange jede Stimme gleich viel zählt.

    Das Ende dieser Welt, wie wir sie kannten und wir sie bisher als Ganzes funktionierte, ist sicher nicht durch diese eine Wahl besiegelt worden. Aber wenn autoritäre Bewegungen auch in Europa in der Überzahl sind, dann wird die Welt anders aussehen als heute. Deutliche Rückschritte im Wohlstand bis hin zu Problemen in der Grundversorgung, könnten die Folge sein. Dabei werden sich die allermeisten Forderungen dieser Bewegungen ohnehin nicht realisieren lassen. Wenn die Zeit der großen Enttäuschung (die vielleicht noch einen globalen Verteilungskrieg beinhaltet) dann zu Ende geht, ist der Zeitpunkt für einen Neuanfang gekommen. Einen neuen Versuch, die Architektur der Entscheidungsfindung, der Reichtumsverteilung und der Handelsströme so zu gestalten, dass wirklich jeder etwas davon hat. Oder jedenfalls mehr als 50%.

  • 28Sep
    2016
    10:56 am No Comments

    Michel Houellebecq hat den Frank-Schirrmacher-Preis erhalten und zu diesem Anlass eine viel beachtete Dankesrede (vollständiger Wortlaut auf der NZZ) gehalten. Seit der “tragischen Koinzidenz” (wie er selbst sagt), dass sein Buch “Unterwerfung” am Tag des Charlie-Hebdo-Attentats erschienen ist, gilt er so manchen als Prophet. Die NZZ hat seine Rede mit “Europa steht vor dem Selbstmord” überschrieben und als Islamskeptiker ist er weithin bekannt. Natürlich erreicht das große Aufmerksamkeit in Zeiten der Rückkehr der Nationalstaaten, in Zeiten von Front National und AfD. Warum erhält dieses enfant terrible der modernen Literatur nun diesen Preis, warum zitiere ich Houellebecq hier schon wieder?

    In gleichem Maße wie ich sein literarisches Werk bewundere, zweifle ich an seinen Prophezeiungen, deren Plausibilität sich einzig und allein aus eine Betrachtung der (lange zurückliegenden) Geschichte und daraus ergebenden Projektionen auf die Gegenwart speist. Immerhin hoffnungsfroh seine Vermutung über ein Ende der Gewalt:

    “Warum hat die Französische Revolution ein Ende genommen? Warum wurden die Menschen mit einem Schlag dieser Blutorgie überdrüssig? Darüber wissen wir nichts. Mit einem Mal, ohne ersichtlichen Grund, ließen die Menschen davon ab, und die Gier nach Blut verschwand. Und vielleicht ist es einfach so, ohne wirklichen Grund, auf konfuse Weise und wenig spektakulär, dass der Islamische Staat enden wird.”
    Michel Houellebecq

    Ich bin kein Historiker, aber vermutlich fänden die meisten derer den Analogieschluss zwischen den französischen Revolutionären und den zurückgebliebenen Fanatikern von Daish zumindest mutig. Immerhin mag man erkennen, dass die reine Gewalt niemals ein konstruktiver Ansatz in der Durchsetzung einer politischen Idee gewesen ist.

    Viel interessanter finde ich folgendes Zitat von Tocqueville, das Houellebecq als Referenz auf sein eigenes Ideenwerk zitiert:

    “Ich will mir vorstellen, unter welchen neuen Merkmalen der Despotismus in der Welt auftreten könnte: Ich erblicke eine Menge einander ähnlicher und gleichgestellter Menschen, die sich rastlos im Kreise drehen, um sich kleine und gewöhnliche Vergnügungen zu verschaffen, die ihr Gemüt ausfüllen.
    […]
    Über diesen erhebt sich eine gewaltige, bevormundende Macht, die allein dafür sorgt, ihre Genüsse zu sichern und ihr Schicksal zu überwachen. Sie ist unumschränkt, ins Einzelne gehend, regelmäßig, vorsorglich und mild. Sie wäre der väterlichen Gewalt gleich, wenn sie wie diese das Ziel verfolgte, die Menschen auf das reife Alter vorzubereiten; stattdessen aber sucht sie bloß, sie unwiderruflich im Zustand der Kindheit festzuhalten; es ist ihr recht, dass die Bürger sich vergnügen, vorausgesetzt, dass sie nichts anderes im Sinne haben, als sich zu belustigen.”
    Alexis de Tocqueville in “Über die Demokratie in Amerika”, zitiert von Michel Houellebecq

    Man könnte meinen, diese Zeilen beziehen sich auf die mächtigen jungen Konzerne, wie den freundlichen Diktator Amazon oder auch Facebook; oder aber es ginge um eine Rezension von der (simpel gestrickten, wie ich finde) Dystopie “The Circle”, wo die Freiheit des Individuums von der sozialen Dauerüberwachung geschluckt wird und der Einzelne zum sozialnetzwerkkompatiblen Automaten verkommt. Tatsächlich entstanden ist diese Schrift 1835, also sehr lange vor Internet, Smartphones, vermeintlichem Twitter- und Instagram-Individualismus und vermeintlicher Bevormundung durch die Content-Generateure, die mit Browser-Spielchen das Volk bei Laune halten.

    Es ist also nichts anderes als intellektuelle Arroganz der Intellektuellen aus Europa, die in Amerika schon immer ein effizient und gut organisiertes Land sahen, welches aber in intellektueller Hinsicht reichlich simpel gestrickt ist? Haben die Kulturpessimisten, die Europa schon immer kulturell überlegen gegenüber Amerika sahen aufgrund der ganz aktuellen Entwicklungen sogar recht, weil ein möglicher Präsident wie Donald Trump das Land mit seiner schieren Dummheit in den Kollaps führen könnte? Immerhin, da sind sich viele Beobachter einig, hätte Trump ohne Twitter und Facebook keine realistische Chance, seine Botschaft unters Volk zu streuen. Paradoxerweise sollten gerade diese sozialen Medien eine universelle (weil staaten- und kulturenübergreifende) Demokratisierung der Welt ermöglichen. Seit dem Chaos in der arabischen Welt, das nach der ersten “Twitter-Revolution” ausbrach, mag darüber niemand mehr so recht sprechen.

    Als letztes Zitat aus seiner Rede kommen wir nun noch zu einem Thema, dass in jedem von Houellebecqs Romanen immer eine wichtige Rolle spielte: Sex, in allen Ausprägungen in Varianten. Prostitution, Swinger-Clubs, ständig wechselnde Affären erfolgreicher Männer – all das ist zumindest aus der männlichen (um nicht zu sagen: chauvinistischen) Wahrnehmung des Autors ganz wesentliches Element des erfüllten Lebens. In seiner Dankesrede sagt er nun, anlässlich der Pläne die Prostitution in Frankreich vollständig zu verbieten und nach schwedischem Vorbild die Kunden zu bestrafen:

    “Die Prostitution abschaffen heißt, eine der Säulen der sozialen Ordnung abzuschaffen. Das heißt, die Ehe unmöglich zu machen. Ohne die Prostitution, die der Ehe als Korrektiv dient, wird die Ehe untergehen, und mit ihr die Familie und die gesamte Gesellschaft. Die Prostitution abzuschaffen, das ist für die europäischen Gesellschaften einfach ein Selbstmord.”
    Michel Houellebecq

    Ein bisschen fragt man sich natürlich, ob diese Äußerung primär provozieren soll und er damit mehr Aufmerksamkeit für seine Rede auf den Online-Zeitungen erreichen will. Bei Spiegel Online hat’s jedenfalls mit einer Referenz auf “Prostitution” im Abstract gekappt. Aber was versteht Houellebecq als “Korrektiv für die Ehe”? Geht er zunächst von der nicht unplausiblen, und auch in der Wissenschaftsgemeinde durchaus geteilten Auffassung aus, dass der Mensch als liebendes Wesen für die serielle Monogamie gemacht ist, und eben nicht für einen einzelnen Sexualpartner für den Großteil seines Lebens? Dass die Rolle der anderen Partner substituiert werden kann, in dem der Ehemann vorgeblich lebenslang monogam lebt, aber verdeckt seinen Spaß mit Prostituierten hat?

    Diese Interpretation scheint mir unvollständig und vor allem rückwärtsgewandt in dem Sinne, dass die Annahme zugrundeliegt, dass die monogame Ehe das einzig bürgerlich akzeptierte Lebensmodell innerhalb der “sozialen Ordnung” ist und auch bleiben wird. Sowohl die Nachsichtigkeit in Bezug auf den Chauvinismus der Elite, speziell in Frankreich (siehe Präsident Hollande und dessen Affären) als auch Houellebecqs Hypothese zur Prostitution ist vor allem eines: Eine isoliert männliche Sicht auf die Sexualität.

    Es ist in meinen Augen völlig irrelevant für das zukünftige Zusammenleben und Lieben der Menschen und den resultierenden sozialen Ordnungen, ob ein vollständiges Verbot der Prostitution nun kommen wird oder nicht. Eine wirklich freie und offene Gesellschaft wird allen Spielarten der Sexualität – Beziehungen, Affären, Swinger-Clubs, Polyamorie oder was in dieser Hinsicht noch alles kommen wird – deutlich offener gegenüber stehen, als es die bürgerliche Mehrheit heute tut. Mit dem Gedanken einer transparenten (bis hin zu: sozial überwachten) und vereinheitlichten (im Sinne von: die Regeln des Spiels gelten für alle gleich) wie in Tocqueville Dystopie ist diese Idee im übrigen durchaus kompatibel. Auch wenn ich nicht glaube, dass diese Ideen sich in irgendeiner Weise bedingen. Damit endet das Zeitalter des Chauvinismus, weil Frauen und Männer, Homo- und Heterosexuelle, asexuell und polyamor lebende in gleichem Maße profitieren: Das moralische Schauspiel, die Verlogenheit der Sexualmoral wird keinen Sinn mehr machen; jeder macht einfach das, was seine(n/m) (Spiel-)partner(n) gefällt und lässt das sein, was nicht gefällt.

    Das Zeitalter der Chauvi-Eliten wird enden. Zeit für einen Neuanfang mit einer Freiheit, die von außen betrachtet vielleicht als konformistisch wahrgenommen wird, aber im Inneren grenzenlosen Hedonismus zulässt. Nicht die schlechteste aller Welten.

  • 24Sep
    2016
    5:15 pm No Comments

    Wir leben nun ganz offiziell in “postfaktischen Zeiten” und ich kann diesen Neologismus nicht geeigneter erklären, als es Jan Böhmermann im neo Magazin “Bilderrätsel” getan hat. Ein auf einem Tisch befindliches, kopulierendes Pärchen in Briefträgerkostümen stellt für den rätselnden Betrachter den Hinweis auf den Phantasiebegriff “Post-Fuck-Tisch” dar, phonetisch identisch zum gesuchten Begriff. Den Sinngehalt dieses Begriffes kann man wohl kaum würdiger begegnen. Damit ist dann eigentlich auch alles gesagt:

    “Wenn Sie nicht ganz genau wissen, was es bedeuten soll: ‘postfaktisch’ heißt im Grunde genommen so was wie ‘bisschen doof’.”
    Jan Böhmermann im neo Magazin Royale, Folge vom 22.09.2016

    Ein anderer Comedian hat schon Jahre zuvor, lange vor “Flüchtingskrise”, Trump, Brexit, etc. den Unterschied zwischen gefühlter und tatsächlicher Realität in der öffentlichen Wahrnehmung schön pointiert dargestellt:

    “Heute gilt auf Reisen eine kaputte Klimaanlage als Gefährdung der Existenz. Rentner verklagen die Bahngesellschaft auf Schmerzensgeld, weil sie durch den Luftzug einen Schnupfen davongetragen haben, Studenten nörgeln, weil ihr Grundrecht auf unbegrenzte Mobilität Geld kostet, und Damen verzweifeln, weil sie im Glauben an die Unfehlbarkeit ihres fahrbaren Untersatzes ohne Jacke losgefahren sind und nun eine halbe Stunde bei 18 Grad im Schatten auf den ADAC-Pannenservice warten müssen. Das Leid auf der Erde ist vielleicht ungleich verteilt, aber es wird überall gleich stark empfunden. Andere Generationen lebten im Krieg. Wir haben Stau.”
    Dieter Nuhr in “Das Geheimnis des perfekten Tages”

    Es ist eine wenig faszinierende Strategie, wie es die Teile der Weltbevölkerung, denen es objektiv am besten geht, immer besser gelingt, ihre vermeintliche Bedrohung zu inszenieren. Zum Drama der Menschheit gehört es, dass unsere subjektive, egozentrische Wahrnehmung gar nicht absolut geeicht sein kann. Das nächste Problem ist, dass die Fülle an Fakten und die Komplexität der Kausalitätsketten, die unser Befinden bestimmen, einen Großteil der Bevölkerung heutzutage kognitiv überfordert. Gefühlte Bedrohung und echte Bedrohung haben vermutlich besser zusammengepasst, wenn der Löwe sich der Höhle genähert hat, als wenn nun Politiker die Gefühle ihrer Wähler in Zeiten von Migrationsströmen und Freihandel interpretieren.

  • 07Jul
    2016
    2:20 pm No Comments

    Von faszinierenden Ideen war schon lange nicht mehr die Rede in diesem Blog, zuletzt hier und hier vor über 5 Jahren. In seinem Artikel Mental Models I Find Repeatedly Useful listet der Autor (Gabriel Weinberg) eine Reihe von “mental models” auf, die es leichter machen, die Welt zu verstehen. Ich würde diese Zusammenstellung vielleicht eher als Liste faszinierender Konzepte und Ideen begreifen. Sein Gedankensystem derart zu systematisieren finde ich jedenfalls eine faszinierende Metastrategie. Viele der (psychologisch begründbaren) Denkfallen kommen einem bekannt vor, wenn bspws. Kahnemann (Thinking fast, thinking slow) oder Taleb (Antifragilität; der schwarze Schwan) gelesen hat. Ein paar andere Konzepte und Modelle sind einem sicherlich in den verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen, wie Mathematik, Informatik, Physik oder Wirtschaftswissenschaften schon einmal begegnet. Über die Erklärung der einzelnen Modelle, Ideen oder Konzepte könnte man natürlich noch trefflich diskutieren. Über Pareto-Optimalität schreibt Weinberg:

    Pareto Efficiency  — “A state of allocation of resources in which it is impossible to make any one individual better off without making at least one individual worse off…A Pareto improvement is defined to be a change to a different allocation that makes at least one individual better off without making any other individual worse off, given a certain initial allocation of goods among a set of individuals.”

    Vielleicht könnte man das noch in Verbindung zu dem Problem der Trade-Offs bringen: Da sehr viele verschiedene Größen, die die Güte von Zuständen unseres Daseins sehr stark antikorrelliert sind, bewegen wir uns bei der Auswahl zwischen verschiedenen Optionen sehr oft innerhalb von Pareto-Optima. Die Antwort auf die Frage “Ist es besser, sich für [Produkt]/[Studium]/[potentiellen Partner] A oder B zu entscheiden?” wird ganz oft lauten: Diese Optionen sind Pareto-unvergleichbar. In unterschiedlichen Dimensionen ist jeweils eine andere Option besser. Eine Gewichtung dieser Optionen ist nicht sinnvoll und wäre willkürlich.

    Kann aber gut sein, dass ich da einem Cognitive Bias unterliege, der in der zitierten Zusammenstellung höher gewichtet ist als die Pareto-Optimalität…

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