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Blogroll:

  • 05May
    2018
    1:02 pm No Comments

    Die Strategien, mit denen die “sozialen Medien” um unsere Aufmerksamkeit buhlen sind wenig faszinierend. In der aktuellen ZEIT hat Christoph Drössner ein paar schöne Analogien dazu gefunden:

    “Werbung kann man aber nur jemandem zeigen, der sich gerade auf der Plattform befindet. Daher ist es das Interesse aller Dienste – ob Facebook, YouTube oder Netflix –, Menschen möglichst lange auf der eigenen Seite, in der eigenen App zu halten. Doch Aufmerksamkeit ist eine biologisch begrenzte Ressource, um die immer mehr Angebote konkurrieren. »YouTube hat ein Ziel«, sagt Harris, »nämlich dass du alle deine anderen Ziele vergisst und möglichst viele YouTube-Videos schaust.« Deshalb läuft immer gleich das nächste Video an, wenn ein Film zu Ende ist. Deshalb bietet die Plattform in einer Seitenleiste ähnliche Videos an, die den Nutzer auch interessieren könnten. Deshalb gratuliert Snapchat seinen Nutzern zu einem »Streak«, wenn zwei sich über eine Woche hinweg täglich Nachrichten geschickt haben. Und deshalb erblickt man auf Facebook nie die Meldung »Du hast nun alle Nachrichten deiner Freunde gelesen und kannst dich anderen Dingen widmen« – die Timeline, die Nachrichtenspalte, ist endlos, so weit man auch nach unten scrollt. Das erinnert an das berühmte Experiment mit den »bodenlosen Suppentellern«, mit dem Psychologen zeigten: Wenn man einem Menschen unbemerkt immer mehr Essen anbietet, dann überfrisst er sich maßlos.”
    Christoph Drösser: “Eine Überdosis Facebook”, in: DIE ZEIT vom 03.05.2018

    Es gehört zum Drama der Menschheit, dass unsere Aufmerksamkeit so leicht manipuliert werden kann. Evolutionsbiologisch ist es nicht nur sinnvoll, so viel zu essen, wie gerade irgendwie möglich ist, sondern auch einem Informationsstrom, der nicht abreist, weiter zu folgen: Solange sich im Gebüsch was regt, könnte die Beute oder wahlweise auch der Angreifer in der nächsten Sekunde hervorspringen. Im Facebook- oder Twitterstream passiert das natürlich nicht, dort erwartet uns vor allem simple Unterhaltung, abgesehen von den wenigen Momenten in denen man Worte wie “Nuclear Button” und “Kim Jong Un” wahrnimmt. Da hält die Welt kurz inne, fragt sich, ob hier jemand aus Versehen den dritten Weltkrieg auslöst und kurz darauf sind die Headlines der üblichen Medien voll davon. Wenigstens einer hat’s eben drauf, wie man die Wettkämpfer um die Aufmerksamkeitsökonomie mit ihren eigenen Waffen schlägt. Das muss man neidlos anerkennen.

    Und was tun wir nun dagegen, außer mit geballter Medienkompetenz uns ein eigenes Bild der Welt und unseres sozial-medialen Umfelds zu machen? Christoph Drössner hat am Ende des Artikels ein paar paternalistisch wirkende “Lebensratgeber”-Empfehlungen zum Umgang mit digitalen Medien. Dass man weniger Apps haben sollte, die uns ständig mit ihren Push-Mitteilungen herausreißen und dann um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren, finde ich gut. Beruflich erforderliche Dauerablenkungen wie der Firmen-Chat sind schon schlimm genug. Aber die Empfehlung, dass das Handy nicht das erste und letzte am Tag sein sollte, was man in der Hand hat, und daher nichts auf dem Nachtkästchen zu suchen hat? Ich weiß nicht. Ich finde es ganz beruhigend, wenn’s in der Spiegel-Headline “nur” um die Anklage gegen Winterkorn durch das amerikanische Justizministerium geht. Es schläft sich gut mit dem Wissen, dass der dritte Weltkrieg noch nicht angefangen hat und es ist nach dem Aufwachen beruhigend zu wissen, dass er auch in der Zeit dazwischen nicht angefangen hat.

  • 02Apr
    2018
    7:34 pm No Comments

    Nach längerer Schreibpause möchte ich mit Literaturrezensionen hier nun eine neue Kategorie an Blog-Posts beginnen. Unter anderen motiviert durch einen lokalen Literaturzirkel (in dem eben jenes nun heir vorgestelltes Werk demnächst besprochen wird), lese ich nun wieder mehr Belletristik. Das erste hier vorgestellte Werk soll “Was vom Tage übrig blieb” vom Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro sein.

    Beschrieben wird die Geschichte des Butlers Stevens in einem englischen Adelshaus in den 30er Jahren. Dieser Posten entspricht keineswegs einem einfachen Diener, sondern eher dem eines ständigen Assistenten seines Dienstherrn und zugleich Personalchef über einen Großteil der Dienerschaft des Hauses – gleichrangig mit der Haushälterin Miss Kenton, der Herrin über den anderen Teil der Dienerschaft. Erzählt wird die Geschichte aus Stevens Sicht in mehreren Rückblicken, während sein vormaliger Dienstherr, der englische Lord Darlington, bereits verstorben ist und ein reicher Amerikaner das Anwesen übernommen hat, mitsamt Stevens als “Teil des Inventars”.

    Das Wesen von Stevens ist geprägt von Loyalität bis hin zur Selbstaufgabe, sein eigener Anspruch kreist beständig um den Begriff der “Würde”. Stevens stützt sich dabei auf die Aufnahmekriterien der Hayes-Society, die die größten Butler der Zeit vereinigt. Für einen “großen Butler” ist demnach

    “[…] das entscheidende Kriterium, dass der Bewerber von einer mit seiner Position in Einklang stehenden Würde beseelt ist. Kein Bewerber, wie hoch sein Leistungsniveau im Übrigen auch sei, kann den Erfordernissen entsprechen, wenn er diese Bedingung nicht erfüllt.”

    Ohne die Anweisungen seines Herrn im Mindesten zu hinterfragen, versucht er jeden Wunsch bestmöglichst zu erfüllen. Mehrfach findet Stevens sich in äußerst schwierigen Situationen wieder. Lord Darlington pflegt gute Kontakte nach Deutschland, in dem zu dieser Zeit die Nationalsozialisten regieren. Als Vertreter der britischen Appeasement-Politik, glaubt der Lord, in besten Absichten handelnd, einen kriegerischen Konflikt verhindern zu können. Infolgedessen stört sich der Besuch aus Deutschland an jüdischen Hausangestellten. Ohne das der Leser eine eigene Meinung von Stevens erfährt und gegen den heftigen Widerstand der Haushälterin Miss Kenton (die mit sofortiger Kündigung droht, aber sie dann nicht wahr macht) entlässt er zwei jüdische Dienstmädchen und zögert nicht gegenüber Miss Kenton, seine Loyalität zum Hausherrn zu bekräftigen.

    »Seine Lordschaft hat so entschieden, und es gibt für Sie und für mich nichts mehr zu diskutieren.«

    Erst viel später gibt Stevens gegenüber der Haushälterin zu, dass er die Entscheidung für falsch hielt – allerdings nachdem bereits Lord Darlington seinen Fehler eingesehen hat, und den Dienstmädchen sogar eine Entschädigung zukommen lassen wollte.

    »Die ganze Sache hat mir wirklich großen, großen Kummer bereitet. Es ist etwas, das ich in diesem Haus höchst ungern gesehen habe.«

    erklärt Stevens gegenüber der Haushälterin.

    Eine der – aus meiner Sicht – Schlüsselszenen ist das Aufeinandertreffen von Lord Darlington mit zwei anderen Politikern oder hohen Beamten in einer Diskussion über Wirtschafts- und Währungsfragen. Stevens wird gerufen, im Glauben den Gästen die nächste Flasche Wein zu servieren oder eine vergleichbare Dienstleistung zu erbringen. Stattdessen interessiert sich einer von Darlingtons Gästen vorgeblich nach Stevens Meinung zur Wirtschaftspolitik.

    »Guter Mann, ich möchte Sie etwas fragen. Wir brauchen Ihre Hilfe in einer Angelegenheit, die wir gerade besprechen. Sagen Sie, halten Sie es für denkbar, dass die Schuldensituation Amerika gegenüber bei dem derzeitigen niedrigen Handelsniveau eine entscheidende Rolle spielt? Oder glauben Sie, das ist ein Ablenkungsmanöver und das Kernproblem der Goldstandard?«
    Ich war natürlich ein wenig erstaunt, doch rasch hatte ich die Situation durchschaut; man erwartete ganz offensichtlich, dass mich die Frage verwirrte. Ja, während des Augenblicks, den ich brauchte, um dies zu erkennen und mir eine passende Antwort auszudenken, mag ich sogar den Eindruck erweckt haben, als kämpfte ich mit der Frage, denn ich sah alle Herren im Raum belustigte Blicke tauschen.
    »Ich bedaure, Sir«, sagte ich, »aber in dieser Angelegenheit kann ich Ihnen nicht weiterhelfen.«

    Daraufhin erhält er zwei weitere ähnliche Fragen, die er ebenso beantwortet. Lord Darlington entschuldigt sich bei ihm am nächsten Tag dafür, betont jedoch, wie sehr Stevens geholfen habe:

    »Es war wirklich höchst unschön. Aber sehen Sie, Stevens, Mr. Spencer wollte Sir Leonard etwas beweisen. […] Wir merken hierzulande immer viel zu spät, dass etwas aus der Mode gekommen ist. Andere große Völker wissen genau, dass man sich von alten, lieb gewordenen Methoden trennen muss, wenn es die Herausforderungen einer neuen Zeit zu meistern gilt. Nicht so hier in Großbritannien. Es gibt noch immer sehr viele, die so reden wie Sir Leonard gestern Abend. Deshalb glaubte Mr. Spencer, seinen Standpunkt durch eine Demonstration untermauern zu müssen. […] Die Demokratie gehört einer vergangenen Zeit an. Die Welt ist heute eine viel zu komplizierte Angelegenheit für allgemeines Wahlrecht und solche Dinge. Für endlose Parlamentsdebatten, die alles zum Stillstand bringen. War alles schön und gut, vielleicht vor ein paar Jahren noch, aber in der Welt von heute? […] Sehen Sie sich Deutschland und Italien an, Stevens. Sehen Sie sich an, was kraftvolle Führerschaft auszurichten vermag, wenn man ihr Handlungsfreiheit einräumt. Dort gibt es keinen solchen Unsinn wie allgemeines Wahlrecht oder ähnliches. Wenn Ihr Haus brennt, rufen Sie doch auch nicht alle Bewohner im Salon zusammen, um eine Stunde lang die verschiedenen Fluchtwege zu debattieren, oder?«

    Stevens stimmt ihm dabei stets zu – was bleibt ihm als loyaler Butler auch anderes übrig – aber später erklärt er auch in seinen eigenen Gedanken, dass er seinem Herrn im Kern zustimmt:

    Pflicht eines Butlers ist es, eine gute Dienstleistung zu erbringen, und nicht, sich in die großen Angelegenheiten der Nation einzumischen. Solche großen Angelegenheiten werden immer das Verständnis gewöhnlicher Menschen wie unsereins übersteigen, und wer von uns sein Zeichen setzen will, muss erkennen, dass er das am besten durch Konzentration auf das erreicht, was sich innerhalb seines Gebietes befindet, das heißt, indem er sich ganz der Aufgabe widmet, mit der bestmöglichen Dienstleistung jene großen Persönlichkeiten zu unterstützen, in deren Händen das Schicksal der Zivilisation tatsächlich liegt.

    Im höchsten Maße interessant aus heutiger Sicht finde ich diese von der herrschenden wie beherrschten Klasse geteilte Demokratie-Skepsis. Offensichtlich stellt sich Stevens in seiner unerschütterlichen Loyalität gegenüber der “großen Persönlichkeit” weit abseits des aufgeklärten abendländischen Humanismus, negiert die Bedeutung des Individuums für die politische Meinungsfindung, reduziert seinen persönlichen Wert auf “eine gute Dienstleistung”. Für einen aufgeklärten Begriff von “Würde” mag das sehr eigenwillig erscheinen.

    Eine interessante Rezension, insbesondere was diese Aspekte angeht, ist der Blogartikel “How ‘The Remains of the Day’ Helped Me Understand Brexit and Trump – Hidden within Nobel winner Kazuo Ishiguro’s novel is a powerful critique of neoliberalism“. Der Butler Stevens wird darin als der ideale Dienstleister eines neoliberalen Unternehmers interpretiert. Genau die Argumente der damaligen “großen Persönlichkeiten” aus dem Werk bringen auch die heutigen Demokratieskeptiker aus dem Establishment an: Die Entscheidungen der jüngsten Zeit (Euro-Rettung, EU-Subventionen, Freihandel, Globalisierung, …) seien zu komplex, als dass man sie auf den Wahlzetteln der Allgemeinheit überlassen kann. Es gibt sogar gewissermaßen Belege dafür: Bei Brexit und Trump haben große Teile der Wählerschaft aufgrund schlechter Information gegen ihre eigene Interessen gestimmt (z. B. als sozial Schwache gegen ein besseres Gesundheitssystem, von dem sie am meisten profitieren würden). In einem Blogbeitrag vor etwa einem Jahr habe ich bereits aus einem Spiegel-Artikel zitiert, in dem ein amerikanischer Politikwissenschaftler eine fundamentale (aber sehr hypothetische) Reform des Wahlsystems vorgeschlagen hat.

    Was können wir also von dem Demokratieskeptikern in Ishiguros Werk lernen? Gar nichts? Weil sie schlicht unrecht hatten, weil alles was unseren heutigen Werten, Idealen und unser Moral entspricht, sich Großbritannien offensichtlich viel besser entwickelt hat als das faschistische Deutschland, als die Nationalsozialisten regierten? Sind solche Argumente hinfällig, die konstant behaupten “Früher war alles einfacher, heute sind die Entscheidungen zu komplex für das einfache Volk”? Aber was würde man aus heutiger Post-Brexit-Votum-Sicht zu den Theorien von Lord Darlington sagen? Es waren freie Wahlen in Großbritannien, die Tatcher und ihren Neoliberalismus an die Macht brachten und den Niedergang des britischen Sozialstaates und den Gewerkschaften zur Folge hatten.

    Es waren freie Wahlen, die zum Brexit-Votum führten. Zum ausgestreckten Mittelfinger gegenüber dem Establishment. Einem Establishment, dem mancher vorwerfen kann, dass es neoliberal sei, dass es antidemokratisch ist, aber das wirtschaftspolitisch offensichtlich ziemlich gut funktioniert. Wäre Lord Darlington ein begeisterter hoher EU-Beamte gewesen? Oder eher ein loyaler Minister unter Tatcher? Auf jeden Fall kann man dem Establishment vorwerfen, dass es sich nicht für die Meinung des einfachen Volkes interessiert, ohne dies an dieser Stelle werten zu wollen. Sowohl der Brexit als auch die Trump-Wahl waren unbestreitbar vollkommen demokratisch, sie waren gegen das Establishment und sie waren – meiner Meinung nach – eine vollkommene Bullshit-Entscheidung, von der niemand etwas hat, und die Wähler, die dafür votierten, teilweise am allerwenigsten.

    Wollen wir antidemokratische Führerfiguren oder ein selbstbewusstes Volk, dass die Demokratie immer dann und immer dort für sich reklamiert, wann es mag, ganz gleich, wie vollkommen ahnungslos es vom konkreten Gegenstand ist? Natürlich liegt das Optimum – wie so oft – irgendwo in der Mitte. Es ist aus meiner Sicht eines der großen Dramen der Menschheit, dass wir bei der Genese unserer Regenten und Herrschaftssysteme so oft zwischen diesen beiden Gegenpolen hin- und hergeworfen werden.

     

  • 09Dec
    2017
    11:40 am No Comments

    In “Die Kunst des guten Lebens” (übrigens sehr lesenswert!) analysiert Rolf Dobelli unter anderem die psychologischen Ursachen der Inflation an Meinungen:

    “Unser Hirn ist ein Meinungsvulkan. Es versprüht nonstop Meinungen und Ansichten. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Fragen relevant oder irrelevant, beantwortbar oder unbeantwortbar, komplex oder einfach sind. Unser Hirn pustet Antworten heraus wie Konfetti. […]
    Wir tendieren – gerade bei schwierigen Fragen – sofort zur einen oder anderen Seite. Erst danach konsultieren wir den Verstand, um nach Gründen zu suchen, die unsere Position untermauern. Das hat mit der sogenannten Affektheuristik zu tun. Ein Affekt ist ein sofortiges, eindimensionales Gefühl. Dieses Gefühl ist oberflächlich und kennt zur zwei Ausprägungen – entweder positiv oder negativ, “gefällt mir” oder “gefällt mir nicht”. […]
    Falsche Entscheidungen aufgrund schneller Meinungsbildung können verheerend sein, aber es gibt noch einen anderen guten Grund, unsere Meinungsinkontinenz zu stoppen. Nicht immer eine Meinung haben zu müssen beruhigt den Geist und macht uns gelassener – eine wichtige Zutat für ein gutes Leben.”

    Interessant finde ich vor allem, wenn man sich die Konsequenzen daraus für unser politisches System überlegt: In vielen Ländern wird regelmäßig das Volk befragt zu Fragen, deren Auswirkungen unglaublich komplex ist (der Brexit ist eines der besten Beispiele), und für die die große Mehrheit der Bevölkerung eigentlich keine Meinung hat. Zumindest keine Meinung jenseits der affektiven, emotional getriebenen, Zustimmung oder Ablehnung in Fragen, die so vieldimensional sind, das ein einfaches “finde ich gut” oder “finde ich nicht gut” dem Thema nicht gerecht wird. Vieldimensionalität und damit einhergehende unvergleichbare Kompromisse sind natürlich Konzepte, die für unsere Entscheidungsfindung deutlich unbequemer sind als ein intuitives “gefällt mir”.

    Die wenig faszinierende Erkenntnis ist, das unabhängig davon, was einem gefällt, man sich seine seine Filterblase zu suchen kann, in dem praktisch jede Kombination an Meinungen als geschlossenes Weltbild präsentiert wird. Jede abweichende Meinungen, selbst jedes kaum bestreitbare Faktum, das die Vorzüge des eigenen Weltbilds in Frage stellt, ist kein ebenso optimaler und unvergleichbarer Kompromiss, sondern die Propaganda der anderen. Die mit der “falschen” Meinung (oder die für ihre Meinungen bezahlt werden, aus Sicht der Verschwörungstheoretiker).

    Meinungslosigkeit ist eine faszinierende Metastrategie. Wenn ich zu einem Thema, welches mich interessiert, so viele konträre Meinungen mit fundierter Argumentation durchgelesen habe, das ich danach keine eindeutige “ja oder nein” Meinung habe, sondern eine Menge pareto-optimaler Kompromisse in einem hochdimensionalen Raum vor mir sehe, dann ist das ein gutes Zeichen. Dann nähere ich mich der tatsächlichen Komplexität dieses Themas an.

    Das ist jetzt aber keine hilfreiche Strategie für Führungskräfte in Politik und Wirtschaft. Investieren oder nicht? Den bilateralen Vertrag unterschreiben oder nicht? Entscheidungen von Führungskräften sind ihrer Natur nach oft binär, einen Mittelweg gibt es nicht. Was also tun? Eine erfolgversprechende Strategie könnte sein: Am wenigsten der eigenen affektiven Emotion vertrauen, am meisten den Wissenschaftlern und Beratern, die man in der konkreten Frage am kompetentesten hält und mit denen man in der Vergangenheit die besten Erfahrungen gemacht hat. Die Schrittweite so klein wie möglich wählen: In einer komplexer werdenden Welt, kann jede Entscheidung in die eine oder andere Richtung Konsequenzen in einer ganz anderen Größenordnung haben. Die eigene “Meinung” (die man als solche den Untergebenen natürlich kommunizieren muss, auch wenn man gar keine hat) bei Bedarf schnell wieder ändern und den Kurs korrigieren. Ideologiefrei agieren, denn politische und wirtschaftliche Ideologien (was nichts anderes als ein sehr starres Set an Meinungen ist) sind eigentlich alle gescheitert und können die Komplexität der Welt nicht antizipieren.

    Und nun am Ende doch noch eine persönliche Meinung, weil’s so gut passt: Es gibt in Deutschland eine politische Führungsfigur, die eigentlich all das perfektioniert hat, und die ich genau dafür schätze. Alle, die ihr “Meinungslosigkeit” vorwerfen, haben da irgendetwas nicht verstanden. Jedenfalls meiner Meinung nach – über die ich auch ein wenig nachgedacht habe. Jedenfalls mehr als über mein letztes Like für ein Katzenbild auf Facebook. In dem Fall spricht dann auch wirklich nichts gegen die affektive emotionale Zustimmung.

  • 06Aug
    2017
    2:04 pm No Comments

    Die Erkenntnis aus dem Diesel-Gipfel, ist eine, die wenig mich wenig faszinieren kann: Am Ende arrangiert sich die Politik eines Landes mit der führenden Wirtschaft des Landes immer irgendwie. Es ist absurd, wie die Hersteller die Politik mit ein paar wirkungslosen Software-Updates vertrösten können. Und doch führt es nur konsequent fort, wie die Politik in den letzten Jahrzehnten mit der Autoindustrie umgegangen ist. Der Amtseid, den die Kanzlerin geleistet hat, ihre “Kraft dem Wohl des deutschen Volkes [zu] widmen” und “seinen Nutzen [zu] mehren” lässt sich durchaus auch so interpretieren, dass die deutsche Autoindustrie zu schützen ist, angesichts der vielen Arbeitsplätze, die davon mittlerweile abhängen. Leider.

    Da ändern auch 38.000 Tote (jährlich) durch erhöhten Stickoxid-Austoß nichts. Man muss mit diesen Statistiken sehr, sehr vorsichtig sein, weil es eben Hochrechnungen und keine sauberen Vergleichsstudien mit Kontrollgruppen sind. Aber weil es aus ethischen Gründen niemals eine Studie geben wird, in der man in zwei sehr vergleichbaren Städten in der einen Stadt die Stickoxid-Belastung über 20 Jahre lang künstlich erhöht und dann die Todesfälle zählt, ist man bei solchen Fragen auf statistische Hochrechnungen angewiesen (ein Problem, dass alle Studien über Gesundheitsrisiken haben). Selbst wenn die Studie um den Faktor 10 daneben liegen sollte, wir also von nur noch 3800 Tote pro Jahr sind: Sehr wahrscheinlich sind es mehr als die langfristigen Opfer der Reaktorkatastrophe von Fukushima pro Jahr, auch wenn da die Zahlen weit auseinandergehen (unmittelbare Opfer gab es keine). Wie lange dauerte die 180°-Wende in der Nuklearpolitik nach dem Reaktorunglück nochmal? Wochen? Nein, Tage. Nun, Atomkraft ist eben keine deutsche Schlüsseltechnologie (mehr).

    Faszinierend finde ich die Strategie der deutschen Umwelthilfe, gegen die erhöhten Stickoxid-Belastung in den Städten zu klagen und damit auf verwaltungsrechtlicher Ebene Fahrverbote anzustreben. Auch wenn die Autoindustrie unter dem Protektorat der Regierung steht: Wir haben immer noch Gewaltenteilung. Und Richter, die weniger Probleme haben, die Gesetze zu “interpretieren”, die einen klaren Schadstoff-Grenzwert festlegen oder die Zykluserkennung bei der Abgasnachbehandlung verbieten (im Interview ging es zwar um amerikanische Gesetze, aber die EU-Richtlinien sind nicht weniger deutlich). Jedenfalls kann ich das Vorhaben der deutschen Umwelthilfe nur unterstützen, sowohl mehr Anstrengungen zu unternehmen, die Höchstgrenzen an Schadstoffen in den Städten einzuhalten (gerne auch mit Fahrverboten) und gleichzeitig die Hersteller dazu zu verpflichten, bei den verkauften Fahrzeugen die Grenzwerte auch wirklich einzuhalten. Damit meine ich nicht nur moralisch-ethische Unterstützung, sondern auch finanzielle Unterstützung (übrigens steuerlich absetzbar). Eigentlich schade, dass dieser Weg über private Vereine und die Verwaltungsgerichte überhaupt notwendig ist. Aber offensichtlich ist es eine zielführende Strategie.

  • 23Jul
    2017
    12:20 pm No Comments

    Die Fähigkeit, wie die Politik den Wandel der Gesellschaft exemplarisch bei der “Ehe für alle” abgebildet hat, ist für mich eine faszinierende Erkenntnis. Ich denke, man muss kein Aktivist für Schwulenrechte sein, man muss auch kein Fürsprecher des Konzepts der Ehe an sich sein, um sich an der Symbolik dieses Moments zu erfreuen: Ein breites Bündnis vom linken Spektrum bis zu einem Viertel der konservativen Abgeordneten geht einen Schritt weiter bei der Gleichberechtigung, bei der Gestaltungsfreiheit, wie Menschen leben, lieben und Verantwortung füreinander übernehmen wollen. Eine weitere Wahlmöglichkeit ist hinzu gekommen, niemand muss sie nutzen, niemandem wird etwas weggenommen. Und ein paar Leute ärgern sich darüber, die sich gerne darüber ärgern sollen.

    Wie zum Beispiel Ulrich Kutschera, der Homosexuelle in die Nähe von Kinderschändern stellt. Ist es Wert für jemanden, der derart aus der Zeit gefallen ist, und dessen professorale Nebentätigkeit sich am ehesten mit “Berufsprovokateur” beschreiben lässt, einen neuen Tag “Wenig faszinierende Menschen” zu initiieren? Ich denke, man sollte durchaus unterscheiden zwischen einem harmlosen Stammtisch von alteingeborenen Dorfbewohnern (oder – ähnlich problematisch – eben auch einem Stammtisch kürzlich Zugezogener, die behaupten, aus Ländern zu kommen, in denen es gar keine Homosexualität gibt) auf der einen Seite und jemandem mit akademischen Weihen auf der anderen Seite. Ich werde Kutscheras Interview mit kath.net hier nicht verlinken, aber es nicht schwer zu finden: Bei aller Freiheit der Wissenschaften ist dieser Grad an Menschenverachtung einfach nur irrsinnig.

    Von einigen Leuten im akademischen Umfeld, die der Genderforschung im akademischen Betrieb kritisch gegenüber stehen, war Kutschera immer der “Vorzeige-Anti-Gender-Prof”, der die Geschlechterforschung vermeintlich als Pseudowissenschaft entlarvt. Auch ich stehe vielen Strömungen der Gender-Wissenschaften kritisch gegenüber, z. B. glaube ich nicht, dass die Welt besser wird, wenn uns “Wissenschaftler*innen” vorschreiben wollen, wie wir unsere Sprache zu verhunzen haben. Und statt extra Toiletten für Transsexuelle wäre mir eine Gesellschaft lieber, in der es praktisch jedem egal ist, auf welche Toilette man geht (und konsequenterweise einfach nur noch Unisex-Toiletten baut). Aber wer sich den oben verlinkten Artikel auf queer.de genauer anschaut, stellt fest:

    “Unterdessen haben am Mittwoch rund 100 Studenten mit einem Regenbogen-Picknick gegen den Professor protestiert.”
    Quelle

    Studenten. Nicht mal “Studierende”, an das wir uns ja fast schon zwangsweise gewöhnen müssen. Es ist also wunderbar möglich, über Homosexuellen-Rechte und die völlig irrsinnigen Äußerungen dieses Professors in einer ganz normalen und klaren Sprache zu berichten. Eine weitere faszinierende Erkenntnis des Tages.

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