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Blogroll:

  • 06Aug
    2017
    2:04 pm No Comments

    Die Erkenntnis aus dem Diesel-Gipfel, ist eine, die wenig mich wenig faszinieren kann: Am Ende arrangiert sich die Politik eines Landes mit der führenden Wirtschaft des Landes immer irgendwie. Es ist absurd, wie die Hersteller die Politik mit ein paar wirkungslosen Software-Updates vertrösten können. Und doch führt es nur konsequent fort, wie die Politik in den letzten Jahrzehnten mit der Autoindustrie umgegangen ist. Der Amtseid, den die Kanzlerin geleistet hat, ihre “Kraft dem Wohl des deutschen Volkes [zu] widmen” und “seinen Nutzen [zu] mehren” lässt sich durchaus auch so interpretieren, dass die deutsche Autoindustrie zu schützen ist, angesichts der vielen Arbeitsplätze, die davon mittlerweile abhängen. Leider.

    Da ändern auch 38.000 Tote (jährlich) durch erhöhten Stickoxid-Austoß nichts. Man muss mit diesen Statistiken sehr, sehr vorsichtig sein, weil es eben Hochrechnungen und keine sauberen Vergleichsstudien mit Kontrollgruppen sind. Aber weil es aus ethischen Gründen niemals eine Studie geben wird, in der man in zwei sehr vergleichbaren Städten in der einen Stadt die Stickoxid-Belastung über 20 Jahre lang künstlich erhöht und dann die Todesfälle zählt, ist man bei solchen Fragen auf statistische Hochrechnungen angewiesen (ein Problem, dass alle Studien über Gesundheitsrisiken haben). Selbst wenn die Studie um den Faktor 10 daneben liegen sollte, wir also von nur noch 3800 Tote pro Jahr sind: Sehr wahrscheinlich sind es mehr als die langfristigen Opfer der Reaktorkatastrophe von Fukushima pro Jahr, auch wenn da die Zahlen weit auseinandergehen (unmittelbare Opfer gab es keine). Wie lange dauerte die 180°-Wende in der Nuklearpolitik nach dem Reaktorunglück nochmal? Wochen? Nein, Tage. Nun, Atomkraft ist eben keine deutsche Schlüsseltechnologie (mehr).

    Faszinierend finde ich die Strategie der deutschen Umwelthilfe, gegen die erhöhten Stickoxid-Belastung in den Städten zu klagen und damit auf verwaltungsrechtlicher Ebene Fahrverbote anzustreben. Auch wenn die Autoindustrie unter dem Protektorat der Regierung steht: Wir haben immer noch Gewaltenteilung. Und Richter, die weniger Probleme haben, die Gesetze zu “interpretieren”, die einen klaren Schadstoff-Grenzwert festlegen oder die Zykluserkennung bei der Abgasnachbehandlung verbieten (im Interview ging es zwar um amerikanische Gesetze, aber die EU-Richtlinien sind nicht weniger deutlich). Jedenfalls kann ich das Vorhaben der deutschen Umwelthilfe nur unterstützen, sowohl mehr Anstrengungen zu unternehmen, die Höchstgrenzen an Schadstoffen in den Städten einzuhalten (gerne auch mit Fahrverboten) und gleichzeitig die Hersteller dazu zu verpflichten, bei den verkauften Fahrzeugen die Grenzwerte auch wirklich einzuhalten. Damit meine ich nicht nur moralisch-ethische Unterstützung, sondern auch finanzielle Unterstützung (übrigens steuerlich absetzbar). Eigentlich schade, dass dieser Weg über private Vereine und die Verwaltungsgerichte überhaupt notwendig ist. Aber offensichtlich ist es eine zielführende Strategie.

  • 23Jul
    2017
    12:20 pm No Comments

    Die Fähigkeit, wie die Politik den Wandel der Gesellschaft exemplarisch bei der “Ehe für alle” abgebildet hat, ist für mich eine faszinierende Erkenntnis. Ich denke, man muss kein Aktivist für Schwulenrechte sein, man muss auch kein Fürsprecher des Konzepts der Ehe an sich sein, um sich an der Symbolik dieses Moments zu erfreuen: Ein breites Bündnis vom linken Spektrum bis zu einem Viertel der konservativen Abgeordneten geht einen Schritt weiter bei der Gleichberechtigung, bei der Gestaltungsfreiheit, wie Menschen leben, lieben und Verantwortung füreinander übernehmen wollen. Eine weitere Wahlmöglichkeit ist hinzu gekommen, niemand muss sie nutzen, niemandem wird etwas weggenommen. Und ein paar Leute ärgern sich darüber, die sich gerne darüber ärgern sollen.

    Wie zum Beispiel Ulrich Kutschera, der Homosexuelle in die Nähe von Kinderschändern stellt. Ist es Wert für jemanden, der derart aus der Zeit gefallen ist, und dessen professorale Nebentätigkeit sich am ehesten mit “Berufsprovokateur” beschreiben lässt, einen neuen Tag “Wenig faszinierende Menschen” zu initiieren? Ich denke, man sollte durchaus unterscheiden zwischen einem harmlosen Stammtisch von alteingeborenen Dorfbewohnern (oder – ähnlich problematisch – eben auch einem Stammtisch kürzlich Zugezogener, die behaupten, aus Ländern zu kommen, in denen es gar keine Homosexualität gibt) auf der einen Seite und jemandem mit akademischen Weihen auf der anderen Seite. Ich werde Kutscheras Interview mit kath.net hier nicht verlinken, aber es nicht schwer zu finden: Bei aller Freiheit der Wissenschaften ist dieser Grad an Menschenverachtung einfach nur irrsinnig.

    Von einigen Leuten im akademischen Umfeld, die der Genderforschung im akademischen Betrieb kritisch gegenüber stehen, war Kutschera immer der “Vorzeige-Anti-Gender-Prof”, der die Geschlechterforschung vermeintlich als Pseudowissenschaft entlarvt. Auch ich stehe vielen Strömungen der Gender-Wissenschaften kritisch gegenüber, z. B. glaube ich nicht, dass die Welt besser wird, wenn uns “Wissenschaftler*innen” vorschreiben wollen, wie wir unsere Sprache zu verhunzen haben. Und statt extra Toiletten für Transsexuelle wäre mir eine Gesellschaft lieber, in der es praktisch jedem egal ist, auf welche Toilette man geht (und konsequenterweise einfach nur noch Unisex-Toiletten baut). Aber wer sich den oben verlinkten Artikel auf queer.de genauer anschaut, stellt fest:

    “Unterdessen haben am Mittwoch rund 100 Studenten mit einem Regenbogen-Picknick gegen den Professor protestiert.”
    Quelle

    Studenten. Nicht mal “Studierende”, an das wir uns ja fast schon zwangsweise gewöhnen müssen. Es ist also wunderbar möglich, über Homosexuellen-Rechte und die völlig irrsinnigen Äußerungen dieses Professors in einer ganz normalen und klaren Sprache zu berichten. Eine weitere faszinierende Erkenntnis des Tages.

  • 02Apr
    2017
    12:18 pm No Comments

    Schon ein halbes Jahr ist es her, dass ich zuletzt das Weltgeschehen in diesem Blog kommentiert habe. An Gegenständen, die man kommentieren könnte mangelt es nicht in einer Welt, in der sich zur Zeit etliche autokratische Regierungen ausbilden und die Rückkehr der Nationalstaaten in Europa voranschreitet. Aber ich gebe zu, dass es mir schwerfällt, einen konstruktiven Vorschlag zu machen, wie man die Welt gerechter, friedlicher und zukunftsgewandter organisieren könnte als sie es heute ist. Dennoch will ich mehr versuchen, als sich mit einem zynischen Lächeln zurückzulehnen und festzustellen, dass man die Vielfalt der politischen Meinungen auf Facebook und Twitter ein modernes Gesamtkunstwerk bewundern sollte, dass keines Kommentars mehr bedarf. Ganz so weit ist es noch nicht.

    Einen sehr konstruktiven, wenn auch natürlich derzeit völlig hypothetischen, Vorschlag bringt ein amerikanischer Philosophieprofessor:

    “Es wäre besser, ein System zu nehmen, das uninformierte Wähler nicht ausschließt, sondern die Stimmen der Informierten stärker gewichtet. Alle Wähler müssten vor dem Urnengang einen Test machen und angeben zu welcher demografischen Gruppe sie gehören, weil das die Wahl beeinflusst. Dann würde man das Wahlverhalten der gut Informierten aus jeder Gruppe nehmen, auf den Rest der Gruppe hochrechnen und dabei Faktoren wie Geschlecht und ethnische Herkunft berücksichtigen. Auf diese Weise würde man eine perfekt informierte Öffentlichkeit simulieren, um eine bessere Regierung zu bekommen. […] Armen schwarzen Bürgern ist vielleicht am besten geholfen, wenn man die 80% am schlechtesten informierten Weißen nicht wählen lässt. […] [Die dann gewählten Politiker der perfekt informierten Öffentlichkeit] sind für Freihandel, für Einwanderung und Schwulenrechte, sie sind für das Recht auf Abtreibung […], sie würden die Steuern erhöhen […], etwas gegen den Klimawandel tun und lehnen militärische Interventionen ab. Und sie achten auf die Bürgerrechte.”
    Jason Brennan im Gespräch mit dem Spiegel, Ausgabe 14/2017

    Ich hätte es nicht besser formulieren können und genau das meinte ich in meinem letzten Blogeintrag damit, dass der Wunschtraum der zusammenwachsenden freien Welt unrealisierbar ist, solange “jede Stimme gleich viel zählt.” Natürlich ist das keine Demokratie im klassischen Sinne mehr, und natürlich wird sich dieses Modell außerhalb des akademischen Elfenbeinturms vorerst nicht realisieren lassen. Ich bin mir auch nicht so sicher, ob man es wirklich versuchen sollte, wenn man denn in der Situation wäre, ein solchen System zu implementieren (und ohnehin kann ich mir die geeignete Situation schwer vorstellen).

    Doch ein solches Wahlsystem wäre zumindest ein potentiell zielführender Ansatz eine wesentliche Disfunktionalität der heutigen demokratischen Welt zu beheben: Das eine uninformierte Öffentlichkeit ihre Stimme so abgibt, dass das Handeln der gewählten Politiker ihnen schadet. Sowohl beim Brexit als auch bei Trump werden eine große Mehrheit derjenigen, die dafür votiert haben, von den Konsequenzen mehr Schaden als Nutzen haben. Vielleicht haben diejenigen, die dagegen votiert haben, noch mehr Schaden. Vielleicht war der ausgestreckte Mittelfinger der “Abgehängten” gegen das Establishment in London, in New York oder San Francisco die wesentliche Motivation für ihr Votum. Vielleicht nehmen sie die negativen Konsequenzen sogar bewusst in Kauf (was ich bezweifle; aber nehmen wir das für den Moment einmal an). Vielleicht liegt das spieltheoretische Nash-Gleichgewicht des einer solchen Mehrheitsentscheidung dort, wo alle Bevölkerungsgruppen den für sie maximalen Schaden erleiden (der absolut gesehen beim Establishment natürlich höher ist). Wenn wir diese Logik in der politischen Interessenbekundung zulassen wollen, dann würde dies in letzter Konsequenz die völlige Zerstörung bedeuten, bspws. ein Bürgerkrieg mit wechselnden Koalitionen verschiedener Milizen wie derzeit in Syrien. Spätestens hier würde eine klare Mehrheit dies nicht mehr wollen. Aber solange der uninformierten Öffentlichkeit die Kausalitätsketten verborgen bleiben, kann es dann schon zu spät sein.

    Ich denke, die zivilisatorische Errungenschaft der freien und friedlichen Welt ist am Ende wichtiger als die reine Lehre der Demokratie. Ändern lassen wird sich das jetzt natürlich so schnell nicht (und wie gesagt: ich bin mir nicht so sicher, ob man das sollte). Aber wenn die freie Welt ein offensichtliches Ende (wie einen hinreichend großen Krieg) erlebt hat, wäre das vielleicht eine ganz nette Idee für einen Neuanfang.

  • 13Nov
    2016
    1:50 pm No Comments

    Nach der Wahl in Amerika titelt der Spiegel pathetisch mit “Das Ende der Welt, wie wir sie kennen”. Wer ist dieses wir? Wer spricht für dieses Kollektiv, das sich, über allen Zweifeln erhaben, von den neuen autoritären Bewegungen des Westens abgrenzt? Sicherlich nicht die 50% Trump-Wähler und genauso wenig das ähnlich große Potential an Wählerschaft, welches autoritäre und populistische Bewegungen in Europa haben.

    In einem Zeit-Artikel vom August dieses Jahres scheint der Wahlsieg von Trump bereits mehr oder weniger antizipiert worden sein. Das war ein Zeitpunkt, wo sich die intellektuelle, meinungsführende Elite an Kosmopoliten noch recht sicher war, dass bei den entscheidenden Wahlen schon die Richtigen gewinnen werden.

    “Wir haben die Toleranz sozusagen erfunden, deshalb definieren wir sie jetzt auch. Herausgekommen ist die unantastbare Herrschaft des Richtigen, also unsere Herrschaft. Es stimmt ja, wir haben viel Gutes in die Welt gebracht, Gerechtigkeit und Freiheit für Frauen, Migranten, Behinderte, Homosexuelle, das alles ist unsere Tradition. Doch die Klassen haben wir nicht abgeschafft. Wir haben uns nur an die Spitze der Klassengesellschaft gesetzt, und jetzt kommt es uns so vor, als hätten alle Schranken sich geöffnet. Von unten dürfte das Ganze anders aussehen.
    […]
    Wir haben keine Gelegenheit ausgelassen, unsere Überlegenheit vorzuführen: So viel intelligenter, humorvoller, klarsichtiger sind wir. Wir trennen unseren Müll, und unsere Grammatik ist perfekt. Es mag nur ein Unterton sein, der unsere Arroganz verrät, doch wir sollten anfangen, ihn zu hören.”
    Elisabeth Raether, in “Was macht die Autoritären so stark? Unsere Arroganz”, Zeit online

    Jetzt haben aber die Falschen gewonnen. Zumindest der Falsche.

    Vielleicht ist es Zeit für all die Kosmopoliten, Intellektuellen, Autoren des politischen Feuilletons und ähnlich selbstreferenzieller Zirkel, nun einzusehen, dass so ein Wahlergebnis vor allem ein Fanal dafür ist, wie die intellektuelle Elite an ihrer eigenen Arroganz gescheitert ist. Die Forderung einer klassenlosen Gesellschaft ist ein rein intellektuelles, hypothetisches Konstrukt, wenn es von denen vorgeschlagen wird, die allein durch ihre Sprache, ihren Habitus, ihre Weltgewandtheit (die man sich ja auch erst mal leisten können muss) eine eigene Klasse erschaffen. Eine globalisierte, technokratische Welt, in der die Nationen verschwinden und das wirtschaftliche Zusammenwachsen der Welt nicht mehr ernsthaft in Frage gestellt werden kann, ist ein schöner Wunschtraum der Profiteure dieser Entwicklungen. Diesen Traum voranzutreiben ist allerdings politisch nicht zielführend. Jedenfalls so lange nicht, so lange die Mächtigen dieser Welt auf nationaler Ebene gewählt werden und solange jede Stimme gleich viel zählt.

    Das Ende dieser Welt, wie wir sie kannten und wir sie bisher als Ganzes funktionierte, ist sicher nicht durch diese eine Wahl besiegelt worden. Aber wenn autoritäre Bewegungen auch in Europa in der Überzahl sind, dann wird die Welt anders aussehen als heute. Deutliche Rückschritte im Wohlstand bis hin zu Problemen in der Grundversorgung, könnten die Folge sein. Dabei werden sich die allermeisten Forderungen dieser Bewegungen ohnehin nicht realisieren lassen. Wenn die Zeit der großen Enttäuschung (die vielleicht noch einen globalen Verteilungskrieg beinhaltet) dann zu Ende geht, ist der Zeitpunkt für einen Neuanfang gekommen. Einen neuen Versuch, die Architektur der Entscheidungsfindung, der Reichtumsverteilung und der Handelsströme so zu gestalten, dass wirklich jeder etwas davon hat. Oder jedenfalls mehr als 50%.

  • 05Nov
    2016
    12:02 pm No Comments

    “Ich bin Individualist. Als ich jung war, war es nicht leicht in Japan als Individualist zu leben. Wer nicht Teil des Systems war, galt damals nur wenig. Heute ist die japanische Gesellschaft weniger streng organisiert, aber als ich jung war, war das noch anders. Das hat mich geprägt. Ich gehörte zu keiner Firma und auch nicht zu irgendeiner Gruppe, meine Frau und ich, wir haben ganz für uns gelebt. Ich habe kämpfen müssen, um auf diese Art zu überleben. Aber ist die einzige Art, wie ich leben kann. Vermutlich sind meine Figuren auch deshalb, wie sie sind.”
    Haruki Murakami, im Interview mit dem Spiegel, 41/2016

    Als Individualist zu leben, frei und unabhängig zu sein, ist eine faszinierende Strategie. Ganz besonders faszinierend empfinde ich dies bei Menschen, die in einem Kontext leben, wo eine Anpassung an umgebende Gruppen vorgesehen ist und Loyalität offen erwartet wird. Es gibt nur eine relativ kleine Gruppe an Menschen, die einen solchen Kampf wirklich aufnehmen. Ein Kampf, in dem es nicht Materielles und auch keine tatsächliche Macht zu gewinnen, sondern sich eher eine abstrakte und (meist) theoretische Freiheit erreichen lässt. Ich denke das ist gut so. Die Menschheit hätte es nicht geschafft, Städte, Firmen oder Staaten zu gründen, ohne das eine Mehrheit ihrer Vertreter eine gewisse angeborene Loyalität zu umgebenen Gruppen vorweist.

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